Standpunkt AKWs in Japan: Ausstieg, ein böses Wort

Ein Wasserleck im Fukushimas AKW wird verschwiegen. Japan ist in der Atomfrage tief gespalten.

Fische und Pilze strahlen um die Wette. Bild: dpa

JAPAN zeo2 | Nach Fukushima vergeht kein Tag, an dem Japans Bürger nicht mit den Folgen der Reaktorkatastrophe konfrontiert sind. Das betrifft zuallererst die kritische Lage am Standort der vier zerstörten Kraftwerke, wo bei der Kühlung der geborstenen Atomruinen täglich gewaltige Mengen radioaktiv verseuchtes Wasser anfallen.

Nicht nur das Auffangen und Entsorgen von Hunderttausenden Tonnen bleibt ein Dauerproblem. Offenbar fließen immer noch große Mengen in den Pazifik. Wie sonst wäre es zu erklären, dass die radioaktive Kontamination der Fische, vor allem der am Boden lebenden Plattfische, nicht zurückgehen will. Eine in Science veröffentlichte Studie des Meeresforschers Ken Buesseler belegt die Hartnäckigkeit der Verseuchung.

Durch den Verteilungs- und Verwässerungseffekt der Meeresströmungen müsste die Cäsium-Belastung eigentlich täglich um etwa zwei Prozent zurückgehen. Das ist aber nicht der Fall. So waren 40 Prozent der von Buesseler ausgewerteten 8.500 Fischproben gravierend belastet. Der im August 2012 gemessene Spitzenwert lag mit 25.000 Becquerel um den Faktor 250 über dem Grenzwert von 100 Becquerel.

Große Verunsicherung

Für die Japaner, die weltweit den höchsten Fischverbrauch haben, ist die Verseuchung ihres wichtigsten Eiweiß-Lieferanten eine Tragödie. Selbst Flussfische sind radioaktiv belastet. Die Fangverbote vor der Küste müssen vermutlich noch viele Jahre bestehen bleiben. Auch die Pilzsaison ist in dem pilzreichen Land diesmal ausgefallen.

Die radioaktive Belastung war so stark, dass die Behörden die Sammler zur Enthaltsamkeit aufriefen. Ebenso gibt es aus verschiedenen Tee-Plantagen, aber vor allem beim Fleisch von Wildschweinen und anderen Wildtieren immer wieder alarmierende Befunde. Auch beim Reis zeigen sich einige gravierende Messergebnisse, obwohl die Böden der Reisfelder und das darin stehende Wasser schon vor dem Anpflanzen der Stecklinge auf Radioaktivität untersucht werden.

Die vom Tsunami getroffene Stadt Ishinomaki, in der Nähe von Fukushima. Bild: dpa

Große Verunsicherung haben aber vor allem die Schilddrüsen-Befunde bei Kindern und Jugendlichen ausgelöst. Wie gefährlich sind die auffällig vielen Knoten und Zysten, die entdeckt worden sind? Mediziner und Wissenschaftler sind in dieser Frage heftig zerstritten, weitere Untersuchungen dringend erforderlich. Inzwischen ist den Japanern klar geworden, dass jeder einzelne Bürger die Folgen dieser Katastrophe bezahlen muss.

Fukushima-Betreiber Tepco ist auf dem Papier zwar noch eine Privatfirma, aber de facto längst verstaatlicht. Die japanische Regierung hat nach dem starken Kursverfall große Teile des Aktienkapitals von Tepco übernommen. Der Bau der Notunterkünfte, die Entschädigung der Evakuierten und vor allem das Jahrzehnte dauernde Katastrophenmanagement am Unglücksort sind ohne staatliche Gelder nicht zu finanzieren.

Die energiepolitische Antwort der japanischen Regierung kam im September: Bis spätestens 2039, so das vorgelegte Energiekonzept, wolle man aus der Atomenergie aussteigen. Doch die Regierung von Yoshihiko Noda blieb nur eine Woche lang auf Ausstiegskurs. Unter dem Druck der Atomlobby und Teilen der Wirtschaft ist sie schnell zurückgerudert.

Keine Versorgungsprobleme

Auch aus den USA, deren große Atomfirma Westinghouse vor Jahren von Toshiba übernommen wurde, kamen warnende Stimmen. Ergo: In Japan darf zwar der massive Ausbau der Erneuerbaren Energien offensiv kommuniziert werden, doch die Vokabel „Ausstieg“ bleibt verbotenes Terrain. Gespalten wie das ganze Land sind auch die Medien.

Von den drei großen Zeitungen propagiert Marktführer Yomiuri (Auflage: neun Millionen) zwar weiter die Atomkraft, doch die Nummern zwei und drei im Land, Asahi und Mainichi, berichten inzwischen eher atomkritisch. Trotz des heißen Sommers, der in Japan traditionell die Jahreszeit mit dem höchsten Stromverbrauch ist, gab es keine nennenswerten Versorgungsprobleme.

Japan hat auch für die Windkraft sehr gute Bedingungen. Bild: dpa

Und an den „wackligen“, besonders von Erdbeben bedrohten Standorten werden jetzt die geologischen Gegebenheiten von Wissenschaftlern neu untersucht. Die Ergebnisse dürften weitere Munition für den Ausstieg bringen. Ebenso die neuen Evakuierungspläne für sämtliche Atomstandorte, wonach 4,7 Millionen Japaner in unmittelbarer Nähe der Atomkraftwerke – innerhalb der 30-Kilometer-Zone – leben. Dieser Gefahr wird sich das Land zunehmend bewusst. So wird die Wiederinbetriebnahme weiterer Atommeiler immer schwieriger.

Die Sonneneinstrahlung ist in Japan um den Faktor 1,5-mal höher als im Solarland Deutschland, dessen Energiewende von den japanischen Medien mit Argusaugen verfolgt wird. Mit seiner Insellage und der riesigen Küstenlinie hat Japan auch für die Windkraft sehr gute Bedingungen. Und das ganze Land ist übersät von heißen Quellen – ein Paradies für Geothermie. Ein nach deutschem Vorbild konzipiertes Erneuerbare-Energien-Gesetz soll jetzt den japanischen Boom für Sonne, Wind und Co. einläuten. Die Zukunft macht zarte Fortschritte.

Taichiro Kajimura, Artikel erschienen in der Ausgabe zeo2 01/13.