Stadtgespräch Leon Holly aus Jerewan: Der Ararat wird aus Armeniens Reisepass verschwinden. Warum ein fehlender Berg den Frieden mit der Türkei bringen soll
Auf seinem Handy zeigt Artur Chatschatrian eine Zeichnung, die bald im neu designten armenischen Reisepass zu finden sein soll. Der Politiker der oppositionellen Armenia Alliance ist erzürnt. Auf dem Bild sieht man das Kloster Chor Wirap aus dem 17. Jahrhundert, doch im Hintergrund fehlt etwas – das berühmte Panorama mit dem Berg Ararat. Die Regierung habe ihn entfernt, sagt Chatschatrian vor versammelten deutschen Journalisten, „aber die Toilette haben sie dagelassen“. Und tatsächlich kann man auf dem Bild ein kleines Toilettenhäuschen neben dem Kloster erkennen.
Am 7. Juni wählt Armenien ein neues Parlament. Das zunehmend polarisierte Land steckt in einem Wahlkampf, der sich immer wieder als Kulturkampf entpuppt. Premierminister Nikol Paschinjan wird von der Opposition und Teilen der Gesellschaft hart angegangen für seinen proeuropäischen Kurs. Der frühere Journalist steuert das kleine Land im Kaukasus weg von Russland, versucht Frieden mit Aserbaidschan zu schließen und die Beziehungen zur Türkei zu normalisieren.
Und dabei kommt der Ararat ins Spiel. Der 5.137 Meter hohe Berg liegt nur 55 Kilometer von Jerewan entfernt, an klaren Tagen thront seine schneebedeckte Spitze über der Skyline der Hauptstadt. Der Legende nach soll die Arche Noah dort aufgelaufen sein. Im Osmanischen Reich siedelte das armenische Volk in den östlichen Provinzen um den Berg herum. Doch mit dem türkischen Völkermord an den Armeniern und den Vertreibungen ab 1915 änderte sich das. Als die moderne Türkei gegründet wurde, lag der Ararat innerhalb ihrer Grenzen und das armenische Nationalsymbol für viele Armenier unerreichbar.
Die türkische Staatsführung wittert hinter der Ararat-Sehnsucht immer wieder revanchistische Gebietsansprüche – die in Armenien jedoch niemand, der bei Trost ist, vertritt. Die Änderung des Reisepasses sorgt auf Social Media dennoch für Empörung. Und auch bei der 34-jährigen Ani. Sie geht am Dienstagnachmittag mit ihrem Mann und ihrem Kind in einer Einkaufspassage in Jerewans Innenstadt spazieren. „Paschinjan will Aserbaidschan und die Türkei glücklich machen“, sagt sie. Doch sie glaubt nicht, dass eine Abkehr vom Ararat Armenien dem Frieden näher bringt. „Der Ararat ist unsere Geschichte, unser Blut, unsere Religion – alles ist damit verbunden.“ Es sei nicht richtig, ihn zu entfernen.
Ein paar Meter entfernt sitzt die 28-jährige Grafikdesignerin Christine mit einem Freund. Sie habe von der Kontroverse gehört, doch interessiert ist sie daran nicht. „Es ist nicht so, dass ich mein Land nicht lieben würde, aber der Ararat gehört uns schon seit langer Zeit nicht mehr.“ Dabei hat Christine keine großen Sympathien für Premierminister Paschinjan – im Gegenteil. „Wir hassen ihn alle“, sagt sie über sich und ihre Freunde. Eine Meinung, die für junge Menschen in der Hauptstadt durchaus repräsentativ sein dürfte.
2018, als Paschinjan jene Proteste gegen die Korruption und Vetternwirtschaft der alten Elite anführte, die ihn schließlich selbst zum Regierungschef machten, habe sie noch mitdemonstriert, sagt Christine. Doch als Aserbaidschan die hauptsächlich armenisch besiedelte Exklave Bergkarabach 2020 angriff, begann ein Krieg, der Tausende armenische Soldaten und Zivilisten das Leben kostete. Es war das Vorspiel für die vollständige Eroberung Bergkarabachs in 2023.
Christine sagt, sie habe damals einen Kindheitsfreund verloren und ihre erste Panikattacke gehabt. Die Schuld für den Krieg gibt sie Nikol Paschinjan. Für die Oppositionsparteien will Christine allerdings auch nicht stimmen. Denn sie bezeichnet sich als Proeuropäerin – und die Opposition sei mit ihrem russlandfreundlichen Kurs noch schlimmer. Daran können auch fehlende Berge im Reisepass nichts ändern.
Transparenzhinweis: Die Recherche für diesen Text wurde durch eine Pressereise der Friedrich-Ebert-Stiftung finanziert.
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