: Prompt schmeckt’s besser
Unser Autor konnte nie kochen. Nun will er es mithilfe eines Chatbots lernen. Der Vorteil: Er kann die KI an seinem Geschmack ausrichten. Bald kennt sie auch seine Schwächen
Von Alexander Matzkeit
Als ich schon weit über 30 war, gestand mir meine Mutter einmal, dass sie nie gerne gekocht hat. Sie habe es pflichtschuldig getan, damit ihre Kinder ordentlich essen, aber wirklich Spaß hatte sie daran nie.
Damit ergab rückblickend vieles für mich plötzlich viel mehr Sinn. Warum ich so vertraut mit den Katalogen von Tiefkühlkostlieferanten war (okay, das mögen auch einfach die 90er gewesen sein). Warum ich mit dem Auszug von zu Hause plötzlich so viele Lebensmittel kennenlernte, Gemüsesorten und Gewürze, von denen ich noch nie gehört hatte. Und auch, warum mir Kochen nie richtig Freude bereitet hat. Kein Wunder, wenn Essen für mich vor allem Nahrungsaufnahme gewesen war.
Aber gut, das sind vielleicht auch einfach küchenpsychologische Ausreden, um meiner eigenen Bequemlichkeit nicht ins Auge blicken zu müssen. Schließlich bin ich inzwischen über 40 und komme noch immer nicht über Nudeln mit Fertigsaucen oder Kochbeutelreis mit angebratenem (aber kaum gewürztem) Gemüse hinaus. Wo andere in der Küche einfach improvisieren können, fehlt mir jeglicher Zugang. Dabei hatte ich es über die Jahre immer wieder versucht. Doch selbst Kochbücher, die dem Titel nach auf Anfänger ausgerichtet waren, überforderten mich schon nach kurzer Zeit. Außerdem habe ich eine Partnerin, die hervorragend und meistens auch gerne kocht. Ich wurde also eher Profi im Tischdecken und Töpfeabspülen als im Sautieren von Champignons.
Vergangenes Jahr kamen dann zwei Umstände zusammen, die das ändern sollten. Erstens war ich regelmäßig mehrere Abende die Woche mit meinem Kind alleine, was nun wiederum mir die Verantwortung für ein ordentliches Abendessen übertrug. Und zweitens: die sich stetig verbessernden Fähigkeiten von künstlicher Intelligenz.
Ich hatte bereits gute Erfahrungen damit gemacht, Wissensaufgaben mit vielen oder fein ziselierten Variablen an eine KI auszulagern. Warum nicht auch hier? Eines Tages also schrieb ich einen knapp 900 Zeichen langen Prompt in die Eingabemaske des Chatbots meines Vertrauens, beginnend mit den Worten: „Ich möchte ab sofort zweimal die Woche für mich selbst kochen. Du bist mein persönlicher Koch-Coach und empfiehlst mir neue Gerichte, die ich probieren kann, die mich Stück für Stück besser im Kochen machen und mich neue Wege beschreiten und neue Dinge lernen lassen. Ich bin nicht doof und kann viele Basics, aber ich bin schlecht im Abschmecken und im Fachvokabular von Rezepten.“
Über Chatbots hält sich hartnäckig die Ansicht, dass es magische Formeln oder perfekt auf den Punkt gebrachte Prompts braucht, um gute Ergebnisse zu erzielen. Meine Erfahrung ist eine andere: Möglichst genau beschreiben, was man erwartet, und danach Geduld haben, um das Ergebnis iterativ zu verbessern. Der Rest meines Prompts bestand deswegen aus präzisen Vorgaben für Zeit, Zutaten, bevorzugte Geschmacksrichtungen und der Art und Weise, wie ich die Rezepte gerne formuliert hätte.
Die KI empfahl mir als erstes eine Pasta mit cremiger Zitronen-Knoblauch-Sauce. „Ein Klassiker, der dir hilft, verschiedene Aromen wie Säure, Würze und Cremigkeit auszubalancieren.“ Ich kochte und meldete direkt zurück: „Geschmeckt hat es ganz gut. Die Zubereitung war etwas stressig, weil ich mir nicht alles vorher zurechtgelegt hatte.“
Und das ist der große Vorteil von KI gegenüber einem Kochbuch: Das nächste Rezept („Gemüse-Curry mit Kokosmilch und Reis“) war dann direkt so formuliert, dass ich alle Zutaten vorher vorbereiten konnte und nicht noch hektisch Knoblauch schnippeln musste, während die Nudeln bereits vor sich hin kochten. Zu den weiteren Rückmeldungen, die ich gab, gehörten: „Ich möchte nicht nur für ein Essen ein Glas Erdnussbutter kaufen!“, „Das war deutlich zu wenig Sauce“, „Ich habe wieder mal gemerkt, dass ich Tomaten-Sahne-Sauce nicht mag“. Auf alle meine Beschwerden wurde bisher prima eingegangen.
Inzwischen kennt der Chatbot sogar meine Schwächen und erklärt mir bei jedem Gericht genau, wie ich beim Abschmecken in verschiedene Richtungen korrigieren kann: „Falls die Sauce zu sauer ist, eine Prise Zucker oder mehr Sahne, falls sie zu mild ist, etwas mehr Paprikapulver oder Salz, falls sie zu dick ist, mehr Nudelwasser.“ Und er markiert seine teachable moments: „Jetzt kommt ein Schlüssel-Learning: Nicht ständig rühren, 2–3 Minuten liegen lassen ---> Röstaromen!“
Natürlich weiß ich, dass man künstlicher Intelligenz nicht alles glauben darf, und dass Chatbots mitunter syntaktisch wunderbar sinnvoll klingende Sätze ausspucken, die inhaltlich gar nicht hinhauen. Beim Kochen ist mir das bisher aber nicht passiert. Oder es hat zufällig trotzdem geschmeckt. Dank KI – und natürlich dank der Armee aus namenlosen Köchinnen und Köchen, von denen sich die KI ihr Wissen zusammengeklaubt hat – werde ich, wie verlangt, Schritt für Schritt durch meine persönliche Koch-Journey geführt, ganz ohne Fachbegriffe und mit sofortigen Infos zu den scheinbar dümmsten Fragen. Etwa „Wie stelle ich 100 ml Brühe her?“, als ein Rezept nach 100 ml Brühe verlangte. Klar, ich weiß, was Brühpulver ist und ich weiß, dass es in Wasser gehört – aber in welchem Verhältnis genau? Ich glaube: Wer bereits Expert*in ist, ahnt gar nicht, an welchen Punkten des Prozesses Trottel wie ich ins Straucheln kommen.
Ein gutes Jahr ist seit dem ersten Prompt vergangen. Bin ich durch meine KI-befeuerte kulinarische Erweckungserfahrung zu einem Zauberer in der Küche geworden? Nein. Koche ich immerhin regelmäßig einfache, aber leckere Gerichte für mich selbst? Auch nein, was aber hauptsächlich daran liegt, dass meine Allein-Abende sich wieder reduziert haben.
Zwei Effekte aber habe ich auf jeden Fall bemerkt: Erstens, dass bereits wenige Wiederholungen unter Aufsicht (in diesem Fall durch den Chatbot) dazu führen, dass ich Prozesse verstehen und verinnerlichen kann. Und zweitens und viel wichtiger: dass ich endlich die Angst verloren habe, mich am Kochen zu versuchen. Zu wissen, dass ich „jemanden“ habe, der urteilslos auf meine peinlichsten Wünsche und Fragen eingeht, gibt mir eine enorme Sicherheit.
Und wo die Angst erst mal verschwunden ist, ist der Spaß nicht weit. Das ist die Wahrheit, auch wenn sie klingt wie ein von einer KI formulierter Glückskekszettel.
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