Plädoyer gegen abstrakten Atheismus: Das Einmaleins der Aufklärung

Nach dem terroristisch motivierten Mord an einem Pariser Lehrer plädiert unser Autor für eine konsequentere Religionskritik – auch von links.

Palästinensische Demonstrierende verbrennen eine dänische Fahne

Palästinensische Demonstrierende verbrennen eine dänische Flagge, 2006 in Gaza Foto: Zuma Press/imago

Im Jahr 2020 über Religionskritik zu sprechen ist schwierig, weil man schlecht die Gefechte des Mittelalters wiederaufleben lassen kann. Es stellt sich die Frage, wie Menschen kritisiert werden sollen, die im 21. Jahrhunderts allen Ernstes behaupten, es gebe höhere Wesen, und sich also, ganz freiwillig und ohne Zwang, auf das intellektuelle Niveau von vor ein paar hundert Jahren begeben. Nur zu gerne würde man sich auf den Austausch der besten Propheten-, Jesus- und Messiaswitze beschränken.

Doch die letzten Dekaden haben gezeigt, dass das, was heute unter Religion firmiert, zu ernst ist, als dass man es allein mit den Mitteln der Humorkritik erledigen könnte – auch wenn einige religiöse Dogmen und Vorstellungen tatsächlich erst einmal als schlechter Witz erscheinen. Man denke nur an die Behauptung, Dschihadisten, die sich auf israelischen Gemüsemärkten in die Luft sprengen, würden im Paradies mit ein paar Dutzend Jungfrauen belohnt.

Leider geht es beim dschihadistischen Suicide Bombing und bei den aktuellen islamistischen Anschlägen nicht um eine gedankliche Schrulle, sondern um eine blutige gesellschaftliche Praxis.

Die Reaktionen auf den „Karikaturenstreit“ 2006, der Mordanschlag auf den dänischen Zeichner Kurt Wester­gaard 2010, die Ermordung von Redaktionsmitgliedern der Zeitschrift Charlie Hebdo und nun der brutale Mord an einem Lehrer in Paris, der im Unterricht einige Mohammed-Karikaturen gezeigt hatte, verdeutlichen, dass Witze, insbesondere über die islamische Religion, das Problem eher verharmlosen, als es zu erhellen.

Barbarei diverser islamischer Fraktionen

Lustig machen könnte man sich darüber, wenn es nur das Privatunvergnügen lustfeindlicher Obskuranten wäre, sich irgendwelchen unsinnigen Ernährungs-, Abbildungs- und Sexualvorschriften hinzugeben.

Es geht keineswegs ausschließlich um die diversen Ausprägungen des Islam – jedoch aus gutem Grund in erster Linie um ebendiese: Selbstverständlich gilt es, zu allem bereiten christlichen Fanatikern entgegenzutreten, auch wenn sie die Gesellschaften, in denen sie agieren, alles andere als dominieren. Doch kaum etwas kommt an die Barbarei heran, die aktuell von den diversen Fraktionen der Muslimbruderschaft, dem „Islamischen Staat“ und anderen sunnitischen Islamisten oder der „Islamischen Republik“ im Iran repräsentiert wird.

Stephan Grigat lehrt an den Unis Wien sowie Passau. Fellow am Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam und Haifa. Autor von „Die Einsamkeit Israels: Zionismus, die israelische Linke und die iranische Bedrohung“, Herausgeber von „Iran – Israel – Deutschland: Antisemitismus, Außenhandel und Atomprogramm“.

Wenn seit Beginn des Jahrtausends ein paar harmlose Karikaturen einen mittleren Aufstand auf dem halben Globus auslösen können, wenn Gruppierungen wie die Hamas Wahlen gewinnen, wenn ein esoterischer Obskurant mit Vorlieben für feudalistische Herrschaftsstrukturen wie der Dalai Lama als Vorbild ganzer Generationen über alle politischen Grenzen hinweg fungiert, wenn die katholische Homophobie in Polen und die russisch-orthodoxe in Moskau wieder als militanter Mob in Erscheinung tritt, wenn also das schon tausendfach Totgesagte sich heute als ausgesprochen lebendig erweist – im Falle des dschihadistischen Islam als dermaßen lebendig, dass es für Ungläubige eine tödliche Bedrohung darstellt –, dann müsste man noch einmal zum Anfang zurück und sich Grundlagen der Religionskritik vergegenwärtigen.

Gleichzeitig kann man aber nicht bei solch einer allgemeinen Religionskritik stehen bleiben. Es ginge darum, deutlich zu machen, inwiefern Religionen unterschiedlich weit entfernt sind vom Gedanken materialistischer Aufklärung und Kritik; dass manch religiöse Strömung eine Vermittlung des Glaubens mit der Vernunft anstrebt, während andere die Ratio für reines Teufelszeug halten.

Unterschieden zwischen Religionen

Dass es, worauf Max Horkheimer nachdrücklich hingewiesen hat, Formen von Religiosität wie etwa den jüdischen Messianismus gibt, die vor allem die Sehnsucht nach dem ganz Anderen bewahren, die also auch den Gedanken an eine befreite Gesellschaft in wie auch immer deformierter Form aufrechterhalten, anstatt die gewaltsame Vermittlung im falschen Bestehenden durchzusetzen. Kurz: Man müsste die Unterschiede zwischen den Religionen thematisieren.

Man dachte, über Religion sei alles gesagt, und es ist schwierig, dem, was in den letzten 300 Jahren über den Götter- und Götzenglauben festgestellt wurde, viel Neues hinzuzufügen. Kant brachte Vernunft und Mündigkeit gegen den alten Gottesglauben in Anschlag und Ludwig Feuerbach sah in der Religion die Projektion menschlicher Sehnsüchte. Marx beschrieb die Religion als Opium des Volkes, Freud ortete im Glauben kindliche Wunschvorstellungen und Sartre betrachtete Religion völlig zu Recht als Bedrohung für die menschliche Freiheit.

Schon Marx ging Mitte des 19. Jahrhunderts davon aus, dass die Kritik der Religion bereits geleistet worden sei und man sich nun mit dem gesellschaftlichen Elend beschäftigen müsse, welches das Bedürfnis nach Religion erst hervorbringt. Er sah in der Religion noch einen Doppelcharakter: Sie sei Flucht aus dem Elend, aber auch „Protestation“ gegen dieses Elend.

Doch sollte man diese Protestation nicht überschätzen, denn sie vermag kaum zu den wirklichen Ursachen des Elends vorzudringen und bleibt durch ihr Gefangensein in den religiösen Illusionen in der Regel konformistische Rebellion.

Konformistische Revolte

Angesichts der heutigen Stellung der christlichen Kirchen hat allerdings auch gegenwärtige, sich vornehmlich auf das Christentum konzentrierende Religionskritik im Vergleich zu ihren Vorläufern in früheren Jahrhunderten immer etwas von einer konformistischen Revolte von Leuten, die radikale Gesellschaftskritik scheuen und sich lieber in anklägerische Pose gegenüber schon längst Erledigtem werfen.

Während Giordano Bruno und all die anderen Häretiker auf dem Scheiterhaufen landeten, sind Witze über den Papst heute ähnlich subversiv wie die von Regierungsparteien vorgetragene Kritik am Kapitalismus.

Heute geht es unter anderem darum, die vorbürgerlichen Relikte im bürgerlichen Recht endlich zu beseitigen, also die Blasphemieparagrafen aus den Gesetzbüchern zu tilgen und überall dort, wo Religionsausübung jene wie auch immer beschränkten individuellen Freiheiten verletzt, welche die westlichen Gesellschaften nach der partiellen Emanzipation von christlichem Tugendterror und staatlicher Willkürherrschaft zumindest garantieren können, die Mindeststandards bürgerlicher Aufklärung durchzusetzen.

Es gilt, die Bedingungen gesellschaftskritischer Reflexion – und Religionskritik wird einer der notwendigen Bestandteile solcher Reflexion bleiben müssen – aufrechtzuerhalten. Angesichts der Reaktionen, mit denen in den letzten Jahren insbesondere Vertreter der islamischen Religion mit kräftiger Unterstützung von Kulturrelativisten jeglicher Couleur auf Kritik reagiert haben, müssen diese Bedingungen als bedroht bezeichnet werden.

Islamkritik nicht Fremdenhassern überlassen

Große Teile der Linken überlassen die dringend notwendige Kritik des Islam den Fremdenhassern von rechts, anstatt eine an einer allgemeinen Emanzipation und an einer über sich selbst aufgeklärten Aufklärung orientierte Kritik an der islamischen Menschenzurichtung zu formulieren.

So gesehen ist es auch gar nicht verwunderlich, dass ganz so wie nach dem Mordanschlag auf Kurt Wester­gaard auch nach dem jetzigen Mord in Paris quer durch Europa die Medien ihren Lesern und Zusehern zwar von den „umstrittenen Karikaturen“ berichteten, sich aber kaum eine führende Zeitung oder ein Sender traut, beispielsweise die Abbildung Mohammeds samt Bombe im Turban, die nach Tausenden dschihadistisch motivierten Attentaten in den letzten Dekaden ebenso naheliegend wie in ihrer Kritik zurückhaltend ist, nachzudrucken.

Es geht heute darum, die bürgerlichen Freiheiten von Leuten wie Ayaan Hirsi Ali zu verteidigen, die den Propheten einen perversen Tyrannen genannt hat, von Hiphoppern, die Jesus als Bastard titulieren, und von israelischen Poplinken, die verkünden, der Messias werde nicht kommen.

Die Frage, warum die beiden Letztgenannten ähnlich wie lange Zeit Manfred Deix mit Kritik, Empörung und schlimmstenfalls mit aberwitzigen strafrechtlichen Konsequenzen leben müssen, Ayaan Hirsi Ali aber mit Morddrohungen und Kurt Westergaard mit Mordversuchen konfrontiert waren, lässt sich nur erklären, wenn in Zukunft versucht wird, die entscheidenden Unterschiede zwischen den Religionen und ihrer jeweiligen Funktion in den heutigen Gesellschaften zu thematisieren.

Und die Reaktion auf die grauenhafte Enthauptung eines Pariser Lehrers aufgrund seines selbstverständlichen Eintretens für das kleine Einmaleins der Aufklärung kann kein abstrakter Wald- und Wiesenatheismus sein, dem alles eins ist.

Wenn Linke und Liberale sich nicht einmal angesichts solcher Brutalität zu einer konsequenten Kritik sowohl des radikalen Islamismus als auch jener Elemente des orthodox-konservativen Mehrheitsislams bequemen, welche die emanzipatorischen Errungenschaften westlicher Gesellschaften bedrohen, werden weiterhin antikosmopolitische politische Formationen mit ihrer „Islamkritik“ reüssieren, die hinsichtlich Antisemitismus, Misogynie und Homophobie vom Objekt ihrer Kritik bei weitem nicht so weit entfernt sind, wie sie gerne suggerieren.

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