taz Kantine, Berlin

No longer a Crime

Navtej Singh Johar spricht über die Supreme Court-Entscheidung zur Legalisierung von Homosexualität in Indien.

Im September 2018 kippt der Supreme Court in Indien ein über 150 Jahre altes Gesetz, das homosexuelle Handlungen unter Strafe stellt. 1,3 Milliarden Inder*innen sind im bevölkerungsreichsten Land der Erde von dem Gerichtsurteil betroffen. Für 18 Prozent der Weltbevölkerung kommt es so zu einer der massivsten Ausweitungen von Freiheitsrechten.

Da das Verbot ein Relikt aus der Kolonialepoche ist, das generell in allen britischen Übersee-Territorien eingeführt wurde, ist die Entscheidung auch ein Signal über Indien hinaus. Doch was bedeuten Antidiskriminierungsfortschritte wie dieser in sozial konservativen Ländern wie Indien, die weiterhin von religiösen Autoritäten und althergebrachten Moralvorstellungen geprägt sind?

Wie erreicht eine höchstrichterliche Entscheidung herrschende Mentalitäten und jene Bevölkerungsteile, in denen Homosexualität weiterhin stigmatisiert wird? Und: was bedeutet die Entscheidung für die Gefühle der Betroffenen? Wie verändert sich die Arbeit von Aktivist*innen hinsichtlich einer weitergehenden Debatte über LGBTIQ*-Rechte in Indien?

Der Vortrag erzählt aus persönlicher Sicht, welcher Anstrengungen es bedurfte, damit es im Sommer 2018 in Indien zur Aufhebung des Verbots von gleichgeschlechtlichem Sex kommen konnte. Welchen Wert hat die juristische Legalisierung von Homosexualität nach 157 Jahren für die Community?

Navtej Singh Johar ist einer der führenden männlichen Tänzer und Choreographen Indiens und im Sommersemester 2019 Valeska-Gert-Gastprofessor an der Freien Universität Berlin. Mit fünf weiteren Aktivist*innen unterzeichnete er 2016 einen schriftlichen Antrag gegen Paragraf 377 des indischen Strafgesetzbuchs.

Das entscheidende Urteil des Obersten Gerichtshofs in Indien, das „einvernehmliche sexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen desselben Geschlechts“ seit September 2018 nicht mehr unter Strafe stellt, trägt seitdem seinen Namen. Johars künstlerische Arbeiten bewegen sich im Spannungsfeld zwischen traditionellen und zeitgenössischen Ausdrucksformen.

Er studierte den klassischen indischen Tanzstil Bharatanatyam an der Kalakshetra Foundation in Chennai und Methodologies of Dance Scholarship am Department of Performance Studies der New York University. Seine tänzerischen Arbeiten werden durch eine wissenschaftliche Untersuchung der komplexen soziopolitischen Geschichte des indischen Tanzes eingehend untermauert.

Er ist Gründer des Studio Abhyas in New Delhi, einer gemeinnützigen Organisation, die sich dem Tanztraining, Yoga, humanem Städtebau und der Pflege von streunenden Tieren widmet.

Der Vortrag findet in englischer Sprache statt.

Eine Veranstaltung der Initiative Queer Nations, dem Internationalen Forschungskolleg „Verflechtungen von Theaterkultruen“ und dem Institut für Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin in Kooperation mit der taz.

Bild: ap