Illustration: taz

Metoo an der Berliner Volksbühne:Eine Bühne für Sexisten

Mehrere Mitarbeiterinnen der Berliner Volksbühne erheben Vorwürfe gegen Intendant Klaus Dörr. War die Senatsverwaltung gewarnt?

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13.3.2021, 12:35  Uhr

Im April 2019 stellte Klaus Dörr seine Ideen für die Berliner Volksbühne vor, deren Intendant er im Jahr zuvor geworden war. Es war ein Aufatmen, endlich ging es weiter an diesem Theater am Rosa-Luxemburg-Platz, an dem zuvor Chris Dercon dramatisch gescheitert war. Dörr setzte neue Schwerpunkte. Feminismus war einer davon. Nicht nur inhaltlich sollte es um die Gleichstellung von Mann und Frau gehen, Dörr stellte auch viele Frauen ein: in der Dramaturgie, der Verwaltung, der Presse­arbeit, geschäftsführende Direktorin ist Nicole Lohrisch.

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Zuvor war Klaus Dörr stellvertretender Intendant am Schauspiel Stuttgart und am Maxim-Gorki-Theater in Berlin. Dort waren viele irritiert, auch belustigt, als sie von seinem neuen Schwerpunkt erfuhren: Seit wann ist Klaus Dörr Feminist? „Das war ein Running Gag bei uns“, sagt Verena von Waldow, die in Stuttgart die Assistentin des Intendanten Armin Petras war. Dörr war ihr zweiter Chef.

Auch an der Volksbühne zweifeln bald viele an Klaus Dörrs Feminismus, darunter auch Frauen, die er eingestellt hat. Ein paar von ihnen treffen sich mehrmals im Sommer 2020, um Erfahrungen auszutauschen. Bis zum Herbst wächst die Gruppe. Im November sind zehn Frauen dazu bereit, eine Beschwerde gegen Dörr bei Themis, der Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt, einzureichen. Sie schrei­ben ihre Erfahrungen auf und beweisen sie, so gut es geht.

Die Vertrauensstelle Themis wurde 2018 als Reaktion auf die MeToo-Debatte gegründet und ist vor allem für den Film- und Theaterbetrieb zuständig. Ein vielfältiges Bündnis bildet den Trägerverein von Themis, dazu gehören Berufsverbände, der Bühnenverein, ProQuote Film sowie ARD und ZDF.

Am 18. Januar 2021 leitet Themis die Beschwerde der Frauen weiter an die Berliner Senatsverwaltung für Kultur, den Arbeitgeber von Klaus Dörr. Drei Tage später findet ein vertrauliches Gespräch mit Ver­tre­te­r*in­nen der Senatsverwaltung sowie dem Kultursenator Klaus Lederer statt. Dokumente, die das bestätigen, liegen der taz vor.

Im Brief an die Senatsverwaltung, der der taz vorliegt, listet Themis die Vorwürfe der Frauen auf. Dazu der Hinweis: „Die Betroffenen wollten bis dato eine Verrechtlichung oder gar Verschärfung der nachstehenden Angelegenheiten vermeiden, sehen sich aber aufgrund der Verschlimmerung des Verhaltens von Herrn Dörr in den letzten Monaten nachhaltig verletzt, was nun nicht einfach mehr nur hingenommen werden kann.“

Die Vergiftung des Betriebsklimas sowie herabwürdigende Äußerungen werden sowohl Klaus Dörr als auch der geschäftsführenden Direktorin Nicole Lohrisch zur Last gelegt. Lohrisch schreibt der taz auf Anfrage, sie kenne weder das Schreiben noch die Vorwürfe und könne sich entsprechend nicht äußern.

Die zehn Frauen, die diese Beschwerde zusammen vorgelegt haben, sind keine Freundinnen. Sie sind sich uneins in so gut wie jeder Frage: Wollen wir, dass Dörr gekündigt wird? Reicht eine Entschuldigung? Wollen wir an die Öffentlichkeit? Sie sind unterschiedlich alt, ticken politisch unterschiedlich und arbeiten in unterschiedlichen Bereichen des Theaters.

„Er hat mich von oben bis unten gemustert, sodass ich total naiv geguckt habe: Habe ich einen Fleck auf der Brust? Dörrs Blick hat mich aus dem Konzept gebracht“ – eine Mitarbeiterin der Volksbühne

Sie unterscheiden sich in ihrem Kunstverständnis und wurden von verschiedenen Intendanten ans Haus geholt: von Frank Castorf, Chris Dercon und Klaus Dörr. Es fiel den Frauen von Beginn an schwer, einander zu vertrauen. Eine von ihnen sagt zur taz: „Die Stimmung im Haus hat sich natürlich in unserer Gruppe widergespiegelt.“

Sie fügt hinzu, dass die ein oder andere bemerkt habe, dass sie die Strukturen, über die sie sich beschweren möchte, auch mitgetragen habe. Andere wiederum waren unsicher, weil sie von Klaus Dörr profitiert hatten. Am Ende aber sind sich zehn Frauen, die in anderen Kontexten durchaus Konkurrentinnen sind, in einer Sache einig: So kann es nicht weiter gehen. Ein „So ist das halt am Theater“ wollen sie nicht weiter gelten lassen.

Die taz hat mit einigen der zehn Frauen gesprochen. Und mit anderen Frauen und Männern, die aktuell an der Volksbühne arbeiten oder in anderen Städten unter Klaus Dörr gearbeitet haben, insgesamt mit 14 Menschen. Mehrere Frauen, die Dörr an anderen Theatern erlebt haben, sagen, sie wollten die Gruppe von der Volksbühne unterstützen, weil die sich traue, sich trotz aktueller Abhängigkeit zur Wehr zu setzen.

Alle Schilderungen wurden gründlich überprüft. Der taz wurden Chat- und Mailverläufe geschickt, in denen die Frauen ihre Erlebnisse beschreiben, sowie Mails zwischen einzelnen Betroffenen und Dörr. Auch gaben die Betroffenen Kontakte zu Personen frei, denen sie schon vorher von ihren Erfahrungen erzählt hatten. Außerdem beruht dieser Text auf Dokumenten, die der taz zuteilwurden, Schriftverkehr zwischen Themis, den Frauen und der Senatsverwaltung.

„Dass diese Gruppe zustande gekommen ist, ist ein Wunder“, sagt eine der Frauen. Die Gruppe ist nicht nur wegen ihrer Größe und Zusammenstellung einzigartig, sie ist auch besonders mutig. Laut Barbara Rohm von Themis wollen nur 3 Prozent all derjenigen, die sich bei der Vertrauensstelle melden, dass der Arbeitgeber davon erfährt. In konkreten Zahlen bedeutet das: 2019 wollten das 6 Personen von 200. „Und damit zeigt sich das eigentliche Problem dahinter“, sagt Rohm in einem Interview im Schauspiegel, einem Magazin des Bundesverbands Schauspiel, und fährt fort: „Wir haben in unserer Branche eine sehr große Schweigekultur und Betroffene trauen sich nicht, ihre Rechte in Anspruch zu nehmen.“

In den Gesprächen mit den Frauen im Fall Dörr wird diese Angst deutlich. Die wenigsten trauen sich, mit ihrem Namen in diesem Text zu erscheinen. Viele sind hoffnungslos, was eine tatsächliche Veränderung angeht, andere machen sich Sorgen um zukünftige Karrierechancen in der Theaterwelt mit ihren oft prekären und meist befristeten Verträgen. Der „Normalvertrag Bühne“, den die meisten künstlerischen Mit­ar­bei­te­r*in­nen an öffentlichen Theatern haben, kann jedes Jahr aus „künstlerischen Gründen“ beendet werden.

Das stellt die künstlerische Freiheit des Intendanten sicher – er kann sich aussuchen, mit wem er weiterarbeiten will und mit wem nicht. Künstlerische Gründe sind schwer anfechtbar. Und die Freiheit von einem geht dabei nicht selten auf Kosten der Freiheit vieler anderer.

Eine Frau, die aktuell an der Volksbühne arbeitet, berichtet der taz von ihrer ersten Begegnung mit Dörr. Er habe sie von oben bis unten gemustert, „sodass ich total naiv geguckt habe: Habe ich einen Fleck auf der Brust?“ Dörrs Blick habe sie aus dem Konzept gebracht. „Ich habe das in dem Moment nicht als eine Objektifizierung gesehen, als ein Scannen meines Werts als Frau. Ich dachte: Hä? Was war das? Und habe mir selbst die Schuld gegeben.“

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Ähnliches berichtet eine andere Mitarbeiterin der Volksbühne von ihrem ersten Arbeitstag: ein Blick, der am Rockschlitz hängen blieb und erst viel später im Gesicht ankam, Verunsicherung und bei dienstlichen Verhandlungen unter vier Augen das Gefühl: „Als hätte er ein Rauschen im Kopf, ab und zu sitzt da nur ein Stück Fleisch vor ihm und dann wieder ich.“ Diese Mitarbeiterin sagt, sie meide Dörr in der Kantine, einschließlich seines Blickfelds. Eine andere Mitarbeiterin der Volksbühne sagt: „Ich verstecke meine Beine. Je länger ich dort arbeite, desto weiter werden meine Klamotten.“

Die Übergriffe, die die Frauen, mit denen die taz gesprochen hat, beschreiben, dürften strafrechtlich nicht relevant sein. Wir berichten trotzdem über die Vorwürfe, weil sie eine Struktur offenlegen, die problematisch ist. Zumal an öffentlich finanzierten Einrichtungen. Zumal an der Volksbühne, einem Theater, das betont links, widerständig und progressiv sein will, wo schon immer Kulturkämpfe ausgefochten wurden.

Im Graubereich spielen sich viele Situationen ohne Zeugen ab – und so, dass eine gewisse Deutungsfreiheit bleibt. Mal, so erzählen es die Frauen, die mit der taz gesprochen haben, sei da ein Streicheln über den Arm gewesen, mal bleibe die Hand auffällig lang auf der Schulter oder an der Taille liegen. Vor allem aber funktioniere Dörrs Übergriffigkeit über stierende Blicke auf Brust und Beine, durch sexistische Witze und Kommentare. Und dann sind da noch die SMS, von denen ein großer Teil der Frauen zu berichten weiß. Sie kämen spät abends, Berufliches und Privates seien darin vermischt.

Eine Frau berichtet von einer Einladung nach Hause zum Wein ins Bett, nachdem Dörr ihr ein Bewerbungsgespräch organisiert hatte – und nachdem sie ihm gegenüber betont hatte, in einer festen Beziehung zu sein. Eine andere Frau schrieb Dörr in einer Mail, dass sie solche SMS unangebracht findet, dass sie ihre Grenzen überschreiten. Dörr hat sich daraufhin entschuldigt und keine weiteren Nachrichten geschrieben.

„Du bist eine scheiß Assistentin, aber jeder will dich ficken“ – Klaus Dörr laut Verena von Waldow bei einer Premierenfeier

Verena von Waldow, die heute Dramaturgin ist und am Schauspiel Stuttgart Assistentin des Intendanten war, sagt, Klaus Dörr habe ihr bei einer der vielen Premierenfeiern gesagt: „Du bist eine scheiß Assistentin, aber jeder will dich ficken.“ Er soll sie außerdem eingeladen haben, privat mit ihm nach Griechenland zu fahren. Sie sei nicht darauf eingegangen. Von Waldow sagt: „Wir wussten alle, dass verschiedene Leute davon betroffen sind, Schauspielerinnen, Assistentinnen, Praktikantinnen auch leider. Für manche war das ein Scherz, und für manche war es richtig unangenehm, weil er auch derjenige war, der Verträge geschlossen hat, mit dem man verhandelt hat.“

Sie fügt hinzu, dass Dörrs Verhalten in Stuttgart nicht ganz so dramatisch gewesen sein dürfte, wie es jetzt an der Volksbühne ist, weil er in Stuttgart nur der zweite Chef war und nicht über Besetzungen entschied. Außerdem sagt sie, dass es sie ärgere, dass sie und viele andere Dörrs Verhalten Frauen gegenüber so scherzhaft gesehen haben: „Mir war nicht so bewusst, dass es natürlich auch Frauen gibt, die damit extreme Schwierigkeiten haben könnten.“ Das habe die MeToo-Debatte bei ihr verändert.

Laut von Waldow funktioniere Klaus Dörrs System so: „Alle einmal durchprobieren, mal gucken, ob eine anbeißt.“ Eine frühere Mitarbeiterin von Dörr am Maxim-Gorki-Theater beschreibt es so: „Er sucht sich die raus, die sowieso etwas wacklig sind, am Anfang der Kar­riere zum Beispiel, und dann gibt er den großen Versteher. Manche Frauen fühlen sich anfangs auch geschmeichelt – wo Übergriffe anfangen, ist ein schmaler Grat.“ Eine Frau, sie arbeitet an der Volksbühne, fasst es so zusammen: „Es ist bei ihm immer eine Mischung aus Fördern und Übergriffigkeit. Und dann gibt es die Frauen, die älter sind oder kritischer, die gemobbt werden.“

Ältere Frauen haben es in der Theater- und Filmwelt auch abseits der Volksbühne schwer. Ihre Unsichtbarkeit ist eine andere Form von Sexismus – die Gegenseite zur Sexualisierung junger Frauen.

Silvia Rieger ist 63, seit 1997 fest an der Volksbühne und auch aktuell eine Schauspielerin des Ensembles. Sie sagt, was Dörr schaffe, sei Duckmäusertum. „Er erniedrigt die Leute, macht sie fertig, sodass sie entweder gehen oder nie wieder sagen, was sie denken.“ Sie fügt hinzu: „Es ist bei ihm auch Hass auf Frauen.“ Ältere Frauen.

Silvia Rieger ist unkündbar. Sie hat keine Angst. Das war aber nicht immer so. In ihrem Bericht an Themis, der der taz vorliegt, schreibt sie von einer „Angstattacke, die sich in Herzrasen, Bluthochdruck und Schlaflosigkeit manifestierte“. Sie sei daraufhin zum Arzt gegangen, habe aber auch später noch, im Urlaub, Angstattacken gehabt.

Der Grund: ein Gespräch mit Klaus Dörr, das Rieger als existenzbedrohend empfand. Dörr soll „unerwartet aggressiv“ gewesen sein und sie gefragt haben, was man als Frau über 50 so mache am Theater. „Wahrscheinlich aus dem Fenster springen“, habe Rieger ironisch geantwortet, so beschreibt sie es in ihrem Brief an Themis und im Gespräch. Rieger sagt: „Ab 30 ist man schon alt am Theater. Das ist einfach ein Witz. Für Dörr gehören alte Frauen letztlich weg.“

Bei einer Dramaturgiesitzung, bei der der Vorschlag aufgekommen sein soll, die Gruppe She She Pop auftreten zu lassen, soll Dörr gesagt haben, er wolle keine Frauen über 50 an seinem Theater sehen. Eine Mitarbeiterin, die bei dieser Sitzung dabei war, berichtete der taz davon.

Seit dem 1. März hängen in Berlin Plakate von allen Schau­spie­le­r*in­nen der Volksbühne – außer von Silvia Rieger. Sie sollte als einzige kein Bild bekommen, das sie bei der Arbeit zeigt, im Kostüm auf der Bühne, sondern ein einfaches Porträt. Rieger erfuhr davon und beschloss, dann lieber gar kein Foto zu haben.

Auch Frank Castorf, der von 1992 bis 2017 Intendant der Volksbühne war und Silvia Rieger an das Theater holte, war kein einfacher Chef. Rieger sagt: „Castorf war wie so ein Feudalherr, er hat dich aber nicht erniedrigt, sondern gesagt: Mach doch, wenn du meinst.“ Eine andere Mitarbeiterin der Volksbühne, die auch unter Castorf ans Haus gekommen ist, formuliert es so: „Vor Castorf hatte ich auch Angst, der trat auch sehr männlich auf. Aber ich hatte Angst vor seinem immensen Wissen.“

Bei Dörr sei das anders. Mehrere Frauen, die aktuell an der Volksbühne arbeiten, beschreiben ihn als „absolut autoritär“, den Zustand dort als „Hölle“. In einem Chatverlauf zwischen zwei Mitarbeiterinnen, der der taz vorliegt, schildert eine Frau es so: In Sitzungen mit Dörr müsse sie vor Panik stottern, danach habe sie Bauchweh, im Haus versuche sie andere Wege zu nehmen als ihr Chef. Dörr demonstriere Macht.

„Ich verstecke meine Beine. Je länger ich dort arbeite, desto weiter werden meine Klamotten“

Klaus Dörr, Jahrgang 1961, war, bevor er an die Volksbühne ging, an anderen Theatern vor allem fürs Finanzielle zuständig, er sei ein Verwalter, ein Mann der Zahlen, nicht der Kunst, sagen ehemalige und aktuelle Mitarbeiter*innen. Während der Intendant Armin Petras, dessen Stellvertreter Dörr von 2013 bis 2018 war, vor allem die inhaltliche Arbeit im Blick hatte und viel Zeit auf Proben verbrachte, kümmerte sich Dörr um Verträge, Geld und Organisation.

Wegen dieses Talents holte ihn Berlins Kultursenator Klaus Lederer 2018 an die Volksbühne, wo zuvor Chris Dercon gescheitert war – daran, akzeptiert zu werden, und daran, mit dem Budget umzugehen. Dörr entwarf ein Notprogamm und schaffte es zusammen mit der geschäftsführenden Direktorin, die Auslastung zu steigern und weniger Schulden zu machen als befürchtet. 2019 verlängerte Lederer Dörrs Interims­intendanz bis zum Sommer 2021. Dann soll René Pollesch die Volksbühne übernehmen.

Als Klaus Lederer Dörr 2018 zum Intendanten machte, war er womöglich bereits vorgewarnt worden. So zumindest berichtet es Andrea Koschwitz, die unter Dörr Chefdramaturgin am Maxim-Gorki-Theater war. Sie sagt, sie habe sich an den Kultursenator gewandt und ihm von Klaus Dörrs Umgang mit Frauen berichtet. Um junge Frauen zu schützen, die, wie sie sagt, „sich schämen, zum Teil immer noch abhängig sind von ihm, die Schiss haben, ein Branding zu kriegen und kein Engagement mehr, die geprägt sind für ihr Leben“. Klaus Lederer könne sich an eine solche Warnung nicht erinnern, heißt es von der Senatsverwaltung für Kultur.

Koschwitz selbst habe keine Angst, sie sei auch fast im Rentenalter. Am Gorki-Theater habe sie erlebt, wie Dörr junge Frauen bevorzugte, auch förderte, damit abhängig machte und dann übergriffig wurde. Als ältere Frau habe sie selbst erfahren, wie Dörr sie herausdrängen wollte. Sollte zutreffen, was Silvia Rieger und Andrea Koschwitz Klaus Dörr unter anderem vorwerfen, Altersdiskriminierung nämlich, vervollständigt das das Frauenbild, das Dörr offenbar hat. Und es zeigt, wer den Mut hat, zu sprechen: vor allem die, die unkündbar sind oder bald in Rente.

„Es ist bei ihm immer eine Mischung aus Fördern und Übergriffigkeit“ – eine Mitarbeiterin der Volksbühne

Eine Mitarbeiterin von Klaus Lederer habe Koschwitz damals wissen lassen: Sobald Frauen bereit seien, von Übergriffen zu berichten und diese zu belegen, werde das Konsequenzen haben. Koschwitz sagt, sie habe damals zwei Frauen gefunden, die dazu bereit waren. Kurz vorher aber habe sie der Mut verlassen. „Weil die Strukturen verheerend sind. Dieser Mensch hat einfach zu viel Macht.“

Koschwitz sagt, dass Lederer mit Dörr gesprochen und ihm gesagt habe, dass so was nicht vorkommen dürfe. Eine ehemalige Mitarbeiterin des Gorki-Theaters bestätigt gegenüber der taz, dass sie vom Büro von Klaus Lederer angerufen worden sei, bevor Dörr zum Intendanten berufen wurde. Sie sollte von Dörrs Umgang mit Frauen berichten, den sie als problematisch beschrieb.

Die Senatsverwaltung bestreitet diese Gespräche. Vor der Ernennung von Dörr zum Intendanten seien „keine konkreten diesbezüglichen Vorwürfe“ an die Senatsverwaltung herangetragen worden. Es habe lediglich bei den Vertragsverhandlungen zur Einstellung ein ganz grundsätzliches Gespräch zu diskriminierungsfreiem Arbeitsklima gegeben, wie es immer geschehe.

„Was Dörr tut, bewegt sich in einem rechtlichen Graubereich“, sagt Koschwitz, „aber wenn das am dritten Theater passiert, dann stimmt entweder was mit den Gesetzen nicht oder mit den Theaterstrukturen.“

„Wir wussten alle, dass verschiedene Leute davon betroffen sind, Schauspielerinnen, Assistentinnen, Praktikantinnen auch leider“

Sicher gibt es Machtmissbrauch und sexualisierte Grenzüberschreitungen in vielen, wahrscheinlich allen Branchen. Aber ausgerechnet das Theater, dessen Funktion auch ist, sich kritisch mit der Gesellschaft auseinanderzusetzen, scheint dafür wie gemacht. 2019 erschien die Studie des Organisationstheoretikers Thomas Schmidt „Macht und Struktur im Theater“. Schmidt, der Professor für Theater- und Orchestermanagement in Frankfurt am Main ist, weist darin dem deutschsprachigen Theaterbetrieb massiven Machtmissbrauch nach. Und fordert, dass sich die Strukturen verändern. Auch von geteilten Leitungspositionen ist die Rede.

Noch aber ist es fast überall so: Die Macht ist extrem konzentriert, meistens bei einem Mann. Die Anstellung der meisten Mit­ar­bei­te­r*in­nen ist prekär und befristet, jeder neue Job hängt davon ab, wer wen kennt. Wer als „schwierig“ gilt, kriegt keinen. Es wird viel gefeiert, es fließt viel Alkohol – was andere nur von der Weihnachtsfeier kennen, gibt es am Theater nach jeder Premiere. Nicht selten zieht man zusammen von einer Stadt in die nächste, dem Intendanten hinterher, und in der neuen Stadt kennt man außerhalb des Theaters erst mal niemanden.

Das Theater als Lebensinhalt. Kol­le­g*in­nen werden zu Freund*innen, zur Familie oder zu mehr. Bei der Arbeit rechtfertigen künstlerische Freiheit sowie ein immer noch fortbestehender Geniekult unangenehmes bis übergriffiges Verhalten, und am Ende soll das Gefühl alle Wunden kitten, überhaupt am Theater sein zu dürfen, seine Leidenschaft zum Beruf gemacht haben zu dürfen.

Ein ehemaliger Mitarbeiter, der zu Klaus Dörrs Zeiten am Maxim-Gorki-Theater beschäftigt war, sagt: „Am Theater gilt nicht, was jemand macht, sondern wer es macht.“ Die Position bestimmt, ob etwas als okay durchgeht oder nicht. Ob widersprochen werden darf oder nicht. Der Intendant steht in dieser Hierarchie naturgemäß ganz oben. Dass Theater vor allem aus Rede und Gegenrede besteht, gilt oft nur auf der Bühne. Eine Mitarbeiterin der Volksbühne sagte zur taz: „Das Schlimmste für mich ist, dass niemand sich jemals traut, Partei für den anderen zu ergreifen.“

„Er sucht sich die raus, die sowieso etwas wacklig sind, am Anfang der Karriere zum Beispiel, und dann gibt er den großen Versteher. Manche Frauen fühlen sich anfangs auch geschmeichelt – wo Übergriffe anfangen, ist ein schmaler Grat“ – eine ehemalige Mitarbeiterin von Dörr am Maxim-Gorki-Theater

Tatsächlich fördert Klaus Dörr Frauen. Oder zumindest kann das so wirken. Als er an die Volksbühne kam, besetzte er die Jobs im ersten Stock – wo unter anderem Dramaturgie und Pressearbeit sitzen – fast ausschließlich mit jungen Frauen. Nur: Nach einem Jahr haben drei Frauen aus dem ersten Stock auf einen Schlag gekündigt und das Haus verlassen. Eine weitere folgte wenige Monate später. Zu ihren Beweggründen wollten die vier keine Stellung nehmen.

Einige Frauen, mit denen die taz gesprochen hat, nennen das „femwashing“, Feminismus als Marketingtool also. Oder als Machterhalt, weil viele Frauen in anderen Positionen einen Mann an der Spitze weniger auffallen lassen. Womöglich kann „Feminismus“ aber auch ein Vorwand sein, um viele junge Frauen um sich zu haben.

Auf die Frage, ob sie glaube, dass Klaus Dörr bewusst sei, dass er Grenzen übertrete, antwortet eine Frau: „Auf jeden Fall ist ihm bewusst, dass eine Frau das so wahrnimmt.“ Eine andere Frau sagt: „Ich glaube, er begreift nicht, in was für einer Position er ist. Machtmäßig begreift er es schon, aber nicht, wenn es um seinen Umgang mit Frauen geht.“

Am 2. März 2021 hatte Klaus Dörr wegen der Beschwerde der zehn Frauen eine Anhörung bei der Senatsverwaltung für Kultur. Eine Mail von Themis, die das bestätigt, liegt der taz vor. Was bei der Anhörung herausgekommen ist, wissen die Frauen nicht. Auch die taz weiß es nicht. Die taz gab Klaus Dörr die Gelegenheit, auf die Vorwürfe zu reagieren. Dörr antwortete, er werde „in keiner Weise auf die halt- und substanzlosen Anschuldigungen eingehen“, und schaltete seinen Anwalt ein.

Aufgrund einer rechtlichen Auseinandersetzung wurde dieser Text nachträglich verändert.

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