Nordpol, Dortmund: La critique de la violence du monde social / Zur Kritik der Gewalt der sozialen Welt

Es ist die Kritik an der Gewalt der herrschenden sozialen Ordnung, die Annie Ernaux, Didier Eribon, Geoffroy de Lagasnerie und Édouard Louis verbindet. In der Tradition Foucaults und Bourdieus erweitern die französischen Autor*innen die Klassentheorie über rein ökonomische Aspekte hinaus und solidarisieren sich auf praktischer Ebene mit den Kämpfen der Gelbwesten. Im Sinne einer klassenkämpferischen Gedächtnispolitik (Foucault) fungiert ihr Schreiben als Revolte gegen das Vergessen der alltäglichen, abgewerteten Lebensrealitäten.

Ihre Genealogie ist die „Genealogie der Unterdrückten“, wie Eribon schreibt. Dabei geht es keinesfalls darum, aus dem Elfenbeinturm Liebeserklärungen an das „Proletariat“ zu verschicken, sondern die abgewerteten Lebensrealitäten samt ihrer phänomenologischen Ideologien des Rassismus, Sexismus und der Homophobie zu kritisieren. Ihre Kritik will den Impuls setzen, das Kritisierte zu verändern, die Literatur wird zum öffentlichen Aushandlungsplatz dieses Bemühens. Die Texte beziehen sich deshalb auf die Gesellschaft als einen Zusammenhang, in dem der stumme Zwang der Verhältnisse für viele Menschen aufgrund ihrer Herkunft ein quasi schicksalhaftes Urteil darstellt. Gegen die Gesellschaft als Urteil setzen sie ein Urteil über die Gesellschaft.

In unserer Abendveranstaltung werden wir uns mit den Fragen auseinandersetzen, welchen Mehrwert die neuere Französische Literatur und Soziologie zur Entschlüsselung und Kritik der modernen Klassengesellschaft bieten und welche politischen Implikationen für die gesellschaftliche Linke aus dieser Kritik abgeleitet werden können.