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Kriminologe über Bochumer Polizeischüsse„Ein Fall, vor dem tatsächlich viele Polizisten Angst haben“

Die Schüsse auf ein 12-jähriges Mädchen sind das Worst-case-Szenario, sagt Polizeiexperte Martin Thüne. Er fordert bessere Ausbildung und Bodycams.

Die Polizei muss mit Bodycams ausgestattet werden, fordert Martin Thüne Foto: Monika Skolimowska/dpa
Dirk Eckert

Interview von

Dirk Eckert

taz: In Bochum haben Polizisten ein Mädchen angeschossen, das mit zwei Messern auf die Beamten zugegangen sein soll. Wie bewerten Sie den Fall?

Martin Thüne: Das ist schwer zu sagen ohne Einblick in die Fallakten. Insofern möchte ich das konkrete taktische Vorgehen zum aktuellen Zeitpunkt nicht bewerten. Was man aber zu den Rahmenbedingungen ganz grundsätzlich sagen kann, ist, dass das schon ein spezieller, eher atypischer Fall ist. Ich würde es als worst-case-Szenario für alle Beteiligten beschreiben. Natürlich vor allem für die unmittelbar Betroffenen, für das Kind, dessen Angehörige, aber auch für die eingesetzten Polizeibeamten. Das ist so ein Fall, vor dem meiner Erfahrung nach tatsächlich viele Angst haben. Und wo sich viele Beamte wünschen, dass sie sowas nie erleben müssen: Ein Schusswaffeneinsatz gegen Menschen, dann noch gegen Kinder, und möglicherweise gegen Kinder, die erkrankt sind in unterschiedlicher Art und Weise. Das ist mit Sicherheit für alle belastend und wird viel Aufarbeitung bedeuten: juristisch, einsatztaktisch, aber auch seelisch.

taz: Wie kann das überhaupt sein, dass die Polizei auf ein zwölfjähriges gehörloses Mädchen schießt?

Thüne: Das kann ich im Einzelnen nicht bewerten, weil ich den Fall nicht genau kenne. Auf den ersten Blick wirkt das auf viele natürlich mit Sicherheit befremdlich. Das kann ich auch sehr gut verstehen. Auch ich stelle mir die Frage, wie es dazu kommen kann, ob man hätte anders handeln können. Dazu kommt die Schwierigkeit der Kommunikation bei Gehörlosen. Da stellen sich rechtliche Fragen: Normalerweise muss ein Schusswaffeneinsatz angekündigt werden, wenn die Möglichkeit besteht. Aber auch hier gibt es wieder Ausnahmen. Das kommt sehr auf die Details an, die ich nicht bewerten kann.

Bild: privat
Im Interview: Martin Thüne

ist Professor an der Ruhruni Bochum. Der Kriminologe und Polizeiwissenschaftler ist ausgebildeter Polizist (Kriminalhauptkommissar a.D.).

taz: Was lernt denn die Polizei, wie sie sich in Situationen mit Messern verhalten soll?

Thüne: Das kann man seriös tatsächlich nicht für ganz Deutschland beantworten. Es gibt ungefähr zwanzig ganz verschiedene Polizeiorganisationen. Die heißen zwar alle Polizei, haben aber eigene Aus- und Fortbildungseinrichtungen, eigene Studiengänge. Die sind in Teilen harmonisiert, aber nicht in Gänze. Speziell beim Umgang mit Menschen in psychischen Krisen sind die Aus- und Fortbildungspläne extrem unterschiedlich. Manche machen dazu wenig bis gar nichts, andere Bundesländer bearbeiten das Thema schon seit einigen Jahren aktiv. Und manche beschreiten einen Mittelweg. Aber diese Unterschiedlichkeit darf im Grunde nicht sein, denn dass Polizeibeamte auf Menschen in psychischen Krisen treffen, ist eher die Regel als die Ausnahme. Und insofern muss dieses Thema überall prominent behandelt werden.

taz: Und wie ist die Ausbildungslage in Nordrhein-Westfalen, wo der Einsatz stattfand?

Thüne: Dort gab es ja mehrere ähnliche Fälle, die zu Recht öffentlich wurden, etwa in Dortmund. Und angetrieben durch den öffentlichen Druck hat NRW Fortbildungsmaßnahmen angekündigt und in Teilen auch umgesetzt. Ich weiß aber von Polizeibeamten vor Ort, dass die Ressourcen teilweise nicht ausreichen, um das schnell und vor allem regelmäßig zu machen.

taz: Haben sich die Polizisten in Bochum denn nun so verhalten, wie sie sich verhalten haben, weil sie es so gelernt haben? Oder war ihr Verhalten ein Verstoß dagegen?

Thüne: Das kann man seriös nicht beantworten. Die Frage ist jetzt, was wir an objektiven Beweismitteln haben. Gibt es zum Beispiel Videoaufnahmen? Nötig wäre ein flächendeckender Einsatz von Bodycams, die, wie in den USA schon seit Jahren praktiziert, automatisch aufzeichnen, sobald Schusswaffen oder Taser auch nur aus dem Holster gezogen werden. Nur dann hätten wir überhaupt Material, das wir bewerten und aus dem wir lernen können.

taz: Und dann?

Thüne: Dann kommt es sehr darauf an: Was wussten die Beamten im Vorhinein? Haben sie die richtige Einsatztaktik gewählt? Wie waren die Abstände in der konkreten Situation? Gab es eine Ankündigung oder die Möglichkeit dazu? Wie groß war das Gefahrenpotenzial wirklich? Das wissen wir alles noch nicht.

taz: Das Mädchen soll mit Messern auf die Beamten zugegangen sein, heißt es.

Thüne: Die Frage ist, was das konkret bedeutet: In welchem Abstand, in welchem räumlichem Umfeld, wie aggressiv war das objektiv betrachtet? Was ich in vielen Fallanalysen immer wieder feststelle, ist, dass das Festhalten an Messern von Polizeibeamten sofort interpretiert wird als unmittelbare Angriffshandlung. Das rührt daher, dass es viele Einsatztrainings gibt, in denen genau das durchgespielt wird. Da geht es darum, die potenziellen Täter möglichst schnell zu entwaffnen. Wenn wir aber über Menschen in psychischen Krisen sprechen, dann ist teilweise so, dass diese Menschen sich bedroht fühlen und Angst haben, zum Beispiel fest- und mitgenommen zu werden. Sie klammern sich quasi an ein Messer als Schutz. In diesem Fall wäre es sinnvoller für die Polizei, Distanz aufzubauen und den Schutzraum für die Person zu vergrößern, damit diese sich beruhigen kann. Andererseits ist das eben nicht immer und überall möglich, soviel gehört zur Wahrheit dazu.

taz: Muss die Polizei einen Unterschied machen zwischen Erwachsenen und Kindern?

Thüne: Natürlich. Grundsätzlich ist das so. Die Hürden sind extrem hoch, wenn es um Zwangsanwendungen gegen Kinder geht, erst recht bei Schusswaffen. Aber gleichwohl: Nehmen wir in einem fiktiven Fall an, ein Kind rennt mit Messern oder Schusswaffen in einer Wohnung auf die Beamten zu: Dann sind wir im Bereich von Notwehr, wie sie jedem von uns zusteht. Dann kann Schusswaffeneinsatz auch gerechtfertigt sein.

taz: Verbietet das Polizeigesetz eigentlich den Einsatz von Schusswaffen gegen Kinder?

Thüne: Das kommt auch wieder auf das Bundesland an. Die Polizeigesetze verbieten häufig den Schusswaffeneinsatz gegen Kinder. Dieses Verbot wird allerdings teils wieder eingeschränkt, nämlich dann, wenn eine gegenwärtige Gefahr für Leib und Leben besteht, die sich in diesem Moment nicht anders effektiv abwehren lässt. So ist es auch explizit im Polizeigesetz NRW geregelt. Aber rechtlich ist es eben noch komplizierter, denn es gibt nicht nur die Polizeigesetze, sondern auch das Strafgesetzbuch mit seinen Vorschriften zu Notwehr und Notstand. Die Rechtslage ist in solchen Fällen tatsächlich komplex und es überlagern sich mitunter verschiedene Normen. Also kommt es letztlich sehr auf den konkreten Fall an. Es ist jedenfalls nicht per se ausgeschlossen, dass so eine Maßnahme letztlich als rechtmäßig bewertet wird.

taz: Hat die Polizei keine Alternativen zum Schusswaffeneinsatz? Elektroschocker, Schilde oder was immer?

Thüne: Ja, das kommt aber darauf an, was man vorher weiß. Nicht jede Streifenbesatzung hat zum Beispiel für jeden Einsatz einen Schild dabei. Aber wenn man entsprechende Anhaltspunkte hat, könnte man technische Mittel mitnehmen. Oder andere Einheiten, die besser auf solche Einsätze vorbereitet sind. Verhandlungsgruppen etwa oder auch ein Spezialeinsatzkommando, das eine sehr viel höhere Trainingsdichte hat, um Menschen festzunehmen, ohne dass jemand zu Schaden kommt. Aber wir wissen momentan eben nicht, was vorher bekannt war.

taz: Die erste Darstellung der Polizei in so einem Fall muss sich ja nicht bewahrheiten. Wer untersucht den Fall jetzt?

Thüne: Deshalb plädieren viele und auch ich für Bodycams mit automatischer Auslösung. Dann hätten wir eine völlig andere Ausgangslage. Für die Untersuchung müsste es außerdem Einrichtungen geben, die unabhängiger sind als es gegenwärtig bei uns der Fall ist. Heute ermitteln andere Dienststellen, aber aus dem eigenen Bundesland. Ob die benachbarte Dienststelle oder das LKA objektiv genug sind, daran gibt es immer wieder Zweifel. Am Ende ist das eben faktisch eine Firma, die da intern ermittelt. In anderen Ländern in Europa, wie Dänemark oder Großbritannien, gibt es längst solche unabhängigen Stellen. Aber das sind am Ende politische Entscheidungen, für die es hierzulande bisher leider keine Mehrheiten gibt. Meines Erachtens wären solche Stellen auch für die Polizei selbst besser, weil ein solches System das Vertrauen in die Unabhängigkeit der Ermittlungen und damit letztlich in die Professionalität der Vollzugsbehörden steigern kann.

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72 Kommentare

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  • Viele der "guten Ratschläge" hier Forum sind einfach nur lächerlich. @Piratenpunk: nein, ein RTW hat i.d.R. kein Insulin an Bord (ich weiß natürlich nicht wo sie leben und ob das dort umständehalber evtl. anders ist - kann ich mir aber kaum vorstellen). Der Notdienst des Jugendamtes ist i.d.R. ein Bereitschaftsdienst und nicht auf akute Notfalleingriffe ausgelegt - die dafür zuständigen Stellen verfügen daher auch über Einsatzfahrzeuge mit Sonderrechten. Not-Sprachmittler mitten in der Nacht - wovon träumen Sie? @Kawabunga fasst es in seinem Beitrag treffend ironisch zusammen.

    • @Tian:

      Was lernen wir denn nun aus diesem Bericht über den nächlichen, unerwarteten Polizeieinsatz bei der Familie ? Öffne keine Haustür, wenn gerade ein Familienmitglied sich ein Käsebrot zur Nacht, mit einem Messer zubereitet.

      • @Alex_der_Wunderer:

        Das Mädchen hatte sich wohl rechtswidrig- gerichtlich festgestellt - in der Wohnung der Mutter aufgehalten und war möglicherweise hilfsbedürftig. Wer sollte diese Situation denn klären, als erstmal die Polizei? Was hat das denn mit einem Familienmitglied zu tun, das sich ein Käsebrot zubereitet? Wollen Sie mich da irgendwie verar......en?

      • @Alex_der_Wunderer:

        Ein US-Amerikaner erzählte mir mal vor Jahren: "Das Dümmste was man in den USA machen kann, ist die Polizei rufen, denn dann kann es ein, dass man den nächsten Tag nicht mehr erlebt."

        Wollen wir hoffen, dass es nicht auch irgendwann in Deutschland so kommt.

  • "Wußten die Polizisten, daß es sich um einen Einsatz bei Gehörlosen handelt?"

    Nun ja - wenn man ein Kind, das aus einem Heim für Gehörlose weggelaufen ist, zurück in ein Heim für Gehörlose bringen soll, könnte man darauf kommen, daß es sich um eine Gehörlose handelt...



    Zudem war das Kind/die Familie angeblich "polizeibekannt mit einer dicken Akte". Kaum vorstellbar, daß bei diesen Vorfällen und Verurteilungen nicht auch die Behinderung thematisiert wurde.

    Menschen in psychischen Ausnahmesituationen leben gefährlich, wenn die Polizei involviert ist. Vielleicht ist dieser Fall der Aufhänger, der dazu anregt, bessere Ausbildung, bessere Ausrüstung, bessere Überprüfung der charakterlichen Voraussetzungen für diesen Beruf und/oder alle anderen Maßnahmen, die dazu beitragen, solche Vorfälle in Zukunft zu verhindern, zu nutzen.

  • Ich verstehe immer noch nicht, mit welchem Recht sich die Polizei Zugang zur Wohnung verschafft hat. Gilt das Grundrecht auf Unverletzlichkeit der Wohnung nicht mehr? Waren hier nicht in Wirklichkeit die Polizisten die Angreifer und das Kind in einer Notwehrsituation?

    • @Francesco:

      *Waren hier nicht in Wirklichkeit die Polizisten die Angreifer und das Kind in einer Notwehrsituation?*

      So sehe ich das auch. Mal schauen, wie die Polizei sich da wieder herausredet und dann am Ende aus einem 12-jährigen Mädel eine "messerschwingende Angreiferin" macht.

    • @Francesco:

      Gefährdetes Kindeswohl.

  • Es ist immer wieder daselbe: Die "Lage" muss auf Biegen und Brechen gelöst werden, die Polizei muss ja effizient sein, der nächste Einsatz wartet schließlich schon.



    Ihre Arbeitsethik in allen Ehren, aber: Wer bringt den Schießwütigen unter ihnen bitte mal bei, dass sie nicht alles immer sofort lösen müssen?



    Dafür müsste sich die Polizei zumindest mal ein wenig von ihrem Anspruch lösen, immer alle Umstände unter ihre Kontrolle bringen zu wollen. Ich jedenfalls sehe hier wie in anderen Fällen eine gehörige Portion fehlgeleiteten Aktionismus und Selbstüberschätzung am Werk. Am Ende ist wieder einmal eine Situation eskaliert, die sich ohne dieses "die Lage MUSS unter Kontrolle gebracht werden" hätte besser lösen lassen!

  • ...vor so einer Polizei könnte man tatsächlich auf jeden Fall Angst bekommen...

  •  

    Wir haben aufgrund des hohen Aufkommens an Kommentaren, die Kommentarfunktion temporär eingeschränkt. Wir bitten um Verständnis. taz Kommune

     

  • Danke zunächst für die Ausführungen, die die Komplexität und Problematik solcher Situation erläutern. Allerdings sind die angedachten Lösungen, und hier beziehe ich die der Kommentatoren mit ein, eben oft nur gegen erheblichen Widerstand, zu hohen Kosten oder gar nicht umsetzbar. (Alternativwaffen, mal eben Außerhandschlagen, bessere Ausbildung , Einsatz von Cams).



    Messerangriffe gelten als die gefährlichsten Angriffe überhaupt, bei denen immer von unmittelbarer Lebensgefahr ausgegangen wird. Man mag sich hierzu einmal m.youtube.com/watc...BwkJHgGjtWo3m0M%3D anschauen, um auch das Dilemma der Einsatzkräfte zu erkennen. Streifenwagenpolizisten gehen in der Regel mit sehr wenig Info in einen Einsatz, besonders, wenn eine zeitliche Dringlichkeit gegeben ist. So mag hier der Auftrag über Funk sein: Das Kind ist aufgetaucht, bitte überprüfen sie die Adresse. Da zusätzlich von Gefährdung des Mädchens (Insulinmangel) ausgegangen wurde, möchte ich diejenigen sehen, die mit Schutzschild zur Lebensrettung eilen-und die Kommentare dazu, wenn das so gehandhabt würde.

    • @FuturII:

      Bodycams, die automatisch ab dem Ziehen der Dienstwaffe aufnehmen sind möglich und würden zumindest im Nachhinein der Aufklärung dienen. Das wäre auch finanzierbar, die Cams gibt es ja eh schon.



      Insbesondere wäre hier eine bessere Ausbildung bezüglich solcher Situationen möglich, und offenbar ja auch nötig. Es ist von außen betrachtet ja wirklich komplett widersinnig: Die Polizei rückt an, um eine körperlich kranke Ausreißerin zu ihrem Schutz zu finden, setzt dabei die Mutter körperlich fest, dringt in deren Wohnung ein und erschießt das Kind dann fast? Ich will hoffen, dass man solche und andere Einsätze durch bessere Ausbildung in den Griff bekommt!

    • @FuturII:

      “Ich weiß nichts! Und Sie wissen nichts!“



      Onkel Herbert Wehner zu Herrn Lügt.



      Aber Sie drücken hier zwei dicke tendenziöse Luftblasen mit Halbwissen & mit Spekulatius vom feinsten angereichert ab - daß einem schlecht & schwindelig werden kann! Newahr



      Vllt warens/sinds ja in der Branche tätig?



      Entsatzangriff ist die beste Verteidigung - wa!

      Egal. Sine ira et studio - geht schlicht anders!



      Normal Schonn •

  • Auch "professionelle" Ratschläge zum Distanzaufbau innerhalb enger Räumlichkeiten dürfen gerne dem Realitätscheck unter- oder durch Rollenspiel nachvollzogen werden.



    Ebenso ist die Frage, wie denn eine bessere Ausbildung in einem typischen Erfahrungsberuf mit extrem divergierenden Situationen, aussehen soll, damit in Stresssituationen keine Fehler passieren. Das gelingt ja schon bei Profis für die Spezialfälle, beispielhaft aufgrund der Situation der Familie die Psychologen, nicht. Und diese haben langjährige Spezialausbildungen hinter sich.



    Zur nachträglichen Bewertung soll dann die Cam dienen. Diese nützt aber nur, wenn sie permanent läuft und auch einen erheblichen Speicherpuffer hat, so dass der einschreitende Beamte sie gar nicht zu bedienen braucht. Denn nur so entfallen Fragen oder Unterstellungen, wenn zu spät einsetzende, zu kurze oder keine Aufnahmen trotz Cam vorhanden sind. Das wiederum scheitert unter anderem am Datenschutz für Unbeteiligte (siehe hier die Diskussionen zu Kameras im öffentlichen Raum) oder den Strafgesetzen, z. B. §201 StGB.

  • Wo waren die Betreuer/ Bezugspersonen des Mädchen aus der Wohngruppe ?



    Gab es kein Smartphone zum kommunizieren ?



    Wurde die Mutter von dem Kind unfreiwillig in der Wohnung festgehalten ?



    Abstruse Story - und gruselig

  • Echt jetzt? Polizisten, die bis an die Zähne bewaffnet in einer Gruppe, zum Töten ausgebildet, vor einem zwölfjährigen Mädchen in dessen Wohnung eindringen, haben Angst vor dieser Situation? Die armen!

    Hat unsere Gesellschaft inzwischen jedes Maß verloren? Weiß eigentlich, wie ausgerüstet und schwarz vermummt Polizisten heutzutage rumlaufen, wie das aussieht, wie das wirkt? Und die haben Angst, nicht etwa das Mädchen? Oh Mann! Wo lebe ich eigentlich? Die Schergen der Gestapo oder der Stasi oder des CIA fabulieren wenigstens nicht auch noch von Angst, wenn sie mal wieder jemand ermordet hatten.

    • @Jalella:

      Es ist zu einfach, die beteiligten Polizisten pauschal mit „schwarz vermummten Schergen“ gleichzusetzen oder ihnen abzusprechen, in einer gefährlichen und unübersichtlichen Lage Angst zu empfinden. Polizisten sind nicht „zum Töten ausgebildete Gestapo-Einheiten“, sondern Menschen, die in extrem kurzen Zeitfenstern Entscheidungen treffen müssen, oft mit unvollständigen Informationen.



      Die Uniform und Bewaffnung sind nicht Ausdruck von Brutalität, sondern sollen die Beamten schützen und Situationen kontrollierbar halten. Angst oder Anspannung in solchen Einsätzen ist nicht Zeichen von Schwäche, sondern ein normaler menschlicher Reflex, der verhindern soll, dass Beamte fahrlässig handeln.

      Statt die Situation mit Gestapo oder Stasi zu vergleichen – was historische Verbrechen relativiert – sollten wir anerkennen, dass polizeiliche Zwangsmaßnahmen immer schwierig sind, aber in Einzelfällen tragisch eskalieren können, ohne dass die Beamten deshalb zu skrupellosen Mördern werden. Die Frage ist nicht, ob Polizisten Angst haben dürfen, sondern wie Einsätze so gestaltet werden können, dass weder Beamte noch Betroffene zu Schaden kommen.

      • @Zippism:

        Vielen Dank für diesen differenzierten Kommentar! Da stimme ich voll zu. Die vielen Kommentatoren hier, die keine Ahnung von der Realität haben, ärgern mich schon zunehmend.

    • @Jalella:

      *Polizisten, [...] haben Angst vor dieser Situation?*

      Stellen Sie sich einmal vor, das wäre ein 10-jähriger 'kampferprobter' Junge gewesen. Dann wäre die Situation wohl noch heftiger eskaliert.

      Wenn die Polizeiausbildung in Deutschland so schlecht ist, dass Polizisten nicht einmal gegen Kinder ankommen, dann sollte man allerdings nicht den kleinen 'schießenden Polizisten' an den Pranger stellen, sondern die wahren Verantwortlichen, also diejenigen, die im Chefsessel sitzen (Politiker, Polizeidirektoren, Akademie der Polizei etc.).

      Mit dem Polizisten, der geschossen hat, habe ich Mitleid, denn er wird wohl jetzt einen seelischen Knacks davongetragen haben.

      So kann es aber dennoch nicht weitergehen, sonst wird das alles noch viel schlimmer.

  • Ich möchte hier nicht unbedingt " klug plappern " .Dazu ist der Fall zu ernst, aber ich bin heilfroh, das mich das Schicksal nicht Polizeibeamter hat werden lassen....durch meine jahrzehntelange Arbeit in einer Chemieanlage mit Störfallpotential und extrem giftigen Stoffen weiss ich auch , wie Menschen trotz aller Sicherheitsvorschriften im Falle einer Störung reagieren: nicht immer rational!



    Das gilt für beide Seiten bei diesem Vorkommnis, denke ich zumindest.....

    • @Andreas Horn:

      Aber die " Ausnahmesituation " ist doch täglich Brot für unsere Polizei, da sollten die Ausbildung & die Fortbildungen schon drauf Ausgerichtet sein....

  • Wenn wir die Kommentare hier zusammenfassen, soll die Polizei:

    ... Taser, Gummigeschosse und Schilde immer bei sich führen, wenn sie eine 12-Jährige Ausreißerin sucht.



    ... groß, stark und männlich sein und einem Kind, das mit Messern auf sie zukommt, mit dem Gummiknüppel jene Messer aus den Händen schlagen



    ... einen Besenstil suchen gehen, mit dem man das Kind dann auf Distanz hält



    ... einfach ruhig und besonnen Abstand zu dem Kind mit den Messern halten, das in der Wohnung auf die Polizei zugeht



    ... beruhigend mit dem gehörlosen Kind sprechen bis die Spezialisten da sind



    ... sich nicht wie im Wilden Westen fühlen und einfach mal entspannen, wenn sie mit potentiell tödlichen Waffen konfrontiert sind



    ... einfach mal nicht hinfahren als kleine Streifenwagenbesatzung. Weil dafür ist man gar nicht qualifiziert.

    Mir fehlt die Forderung, wenn überhaupt, dann bitte auf die Beine der 12-Jährigen zu schießen.



    Ansonsten alle Erwartungen erfüllt, Kommune!

    • @Kawabunga:

      Ehrlich gesagt erschreckt mich viel mehr, dass anscheinend (so lese ich den Artikel) das zuständige Jugendamt gar nicht dabei war, kein auch nur telefonischer Kontakt zur Wohngruppe hergestellt wurde und die Polizisten "die Kastanien ausm Feuer holen sollten". Was soll das? Konfliktsituationen gehören zum Pädagogenjob und zu unserer Verantwortung.



      Insulin hinbringen, Notwendigkeit klarmachen, Ruhe bewahren, da bleiben, aber nicht so bedrohlich.

      Und: Ja, das wird lebensgefährlich ohne Insulin, deshalb umso wichtiger, dass da eine zumindest bekannte Person dabei ist und nicht nur 4 Polizisten mitten in der Nacht.



      (Mich hat die Polizei mal um 2 rausgeklingelt wegen einer Nachbarin, da war ich allein wegen der Uhrzeit völlig durcheinander - und ich kann hören und war nur Zeugin)

    • @Kawabunga:

      Zumindest die vertrauten Betreuer mit bei der Aktion involvieren und vielleicht noch den Teddy mitbringen, auf keinen Fall da wie's SEK da einlaufen...

    • @Kawabunga:

      Volltreffer! Es betrifft inzwischen aber eben auch nicht nur die Kommune, sondern die TAZ-Artikel selbst. Keine validen Informationen aber mindestens drei Beiträge zum Thema. "Nachplappern statt nachfragen" trifft auf die TAZ inzwischen voll zu! Und dann noch die vielen Couch-potato Kommentatoren, die ganz offensichtlich noch nie an realen Einsätzen beteiligt waren und das sicherlich auch nie sein werden, weil sie 24/7 ihren Senf beisteuern müssen.

      • @Tian:

        „Und dann noch die vielen Couch-potato Kommentatoren, die ganz offensichtlich noch nie an realen Einsätzen beteiligt waren“

        Auch nicht gerade valide Aussagen die Sie hier treffen… woher nehmen Sie diese Kenntnis?

        • @Lou Andreas-Salomé:

          Das geht recht eindeutig aus den entsprechenden Kommentaren hervor. "Hier ging es wohl um Insulin. Das hat jeder RTW an Bord -..." . Das wäre unter besonderen Umständen vielleicht in speziellen Rettungsdienstbezirken der Fall, das ist aber dann, wenn überhaupt, die Ausnahme. Das Jugendamt und die Rettungsdienste dürfen die Einsatzstelle nicht betreten, wenn sie nicht sicher ist - ggf. abgesichert durch die Polizei. Auch ich wurde schon des öfteren im Einsatz tätlich angegriffen, zum Glück "nur" gewürgt, da vorher polizeilich sichergestellt war, dass keine Waffen im Spiel waren - trotzdem war ich jeweils froh und dankbar, wenn die Polizei dann rasch eingegriffen hat. So tragisch das Geschehen auch ist - aber bei diesem Kenntnisstand schon von Mord zu fabulieren, das geht dann doch zu weit.

          • @Tian:

            Ah verstehe, also basieren Ihre Aussagen auf Annahmen und anekdotischer Evidenz, nun auf dem weiten Feld hätte ich sicherlich auch einige persönliche & sehr hässliche Erfahrungen vorzuweisen, wollte ich in dem Fall aber bewusst nicht tun. Ich finde, die sich häufenden Vorkommnisse übermäßiger Polizeibrutalität aussagekräftig genug, inkludieren meine Erlebnisse. Selbstredend ist mir die Härte des Berufs bewusst & will ich nicht absprechen, dass er schwer ist. Aber es reicht bei niedergeschossenen Kindern & wird zu einem flächendeckenden Problem, wenn selbst Studien erhoben werden zu den begleitenden, die Täter in den Beamtenreihen schützenden Strukturen & sich offenbart, dass schon mit einer gewissen Effizienz solche „Tragödien“ abgefertigt werden, anstatt wirklich an der Ausbildung zu schrauben, aber vor allem auf die Eignung zu gucken. Fremden- und FLINTA*-feindliche Strukturen in hässlichen Chats zeigen ein ganz besonders Klientel unter der Dienstmütze auf & da kann man leider nicht von Ausnahmen sprechen. Der wirkliche Freund & Helfer scheint wohl eher die Ausnahme zu sein.

            • @Lou Andreas-Salomé:

              Ah, ich verstehe nicht. Was haben die Tatsachen, dass RTW 's in der Regel kein Insulin an Bord haben - wie hier behauptet und dass Rettungsdienste und Ämter die Einsatzorte nur betreten dürfen, wenn sie sicher sind mit anektdotischer Evidenz zu tun? Der Zusammenhang mit FLINTA - Feindlichkeit erschließt sich mir in diesem tragischen Kontext überhaupt nicht.

              • @Tian:

                „Auch ich wurde schon des öfteren im Einsatz tätlich angegriffen, zum Glück "nur" gewürgt,…“ = anekdotische Evidenz.

                „Fremden- und FLINTA*-feindliche Strukturen in hässlichen Chats zeigen ein ganz besonders Klientel unter der Dienstmütze auf“

                nun wieder im Zusammenhang 😉 bezieht sich auf die Veröffentlichung mehrerer Polizeichats in den zig Beamten problematisches Gedankengut teilen. Ich kann mir zwar nicht vorstellen dass Ihnen das entgangen sein konnte, aber nun haben Sie zweifelsfrei die Herleitung zu den einzeln rausgepickten FLINTA* (Sternchen nicht vergessen ☝️). Allgemein der Tip, Kontext nicht überlesen, andernfalls entsteht der Eindruck, Sie wollen nicht verstehen.

                • @Lou Andreas-Salomé:

                  Manches kann ich eben nicht verstehen. Eine Bestätigung der Studien über zunehmende tätliche Gewalt gegenüber Einsatzkräften aus persönlicher Erfahrung halte ich nicht für "anekdotische Evidenz". Die Zeiten haben sich eben geändert, aber Lou Andreas-Salome ist ja mittlerweile ebenso Geschichte, wie Siegmund Freud.

  • Aus der Rubrik Einzelfälle: Abschuss von Kindern freigegeben aber keine Sorge, die Staatsanwaltschaft haut euch sicher raus, ihr guten Freunde & Helfer 👍

    Wer Sarkasmus findet, darf ihn behalten…

    Klartext: Das Interview ist dürftig, zu nichts kann der ausgebildeter Polizist (Kriminalhauptkommissar a.D.) eine adäquate Aussage machen, natürlich Dank an die taz für die Bemühung aber das Interview ist wenig aussagekräftig, wenn die beinah frenetische Klammerung an Bodycams, alles ist was der Kriminologe & Polizeiwissenschaftler sermonartig produziert. Was sollen die Dinger bringen? Im Ernstfall sind sie dann defekt oder wie durch Zufall verdeckt, wie schon mehrfach dokumentiert. Ich bin einfach nur entsetzt, dass mit einer Angriffslust auf eine Zwölfjährige losgegangen wird, von der bekannt ist, dass sie nicht hören kann & in psychischer Bedrängnis ist – so dass nicht etwa der Schuss mit dem Teaser reicht, sondern GLEICHZEITIG tödlicher Schusswaffeneinsatz stattfindet. Polizisten die mit einem Kind nicht klarkommen, sind definitiv fehlbesetzt. Suspendiert, kaltgestellt, meinethalben auf Kosten der Gemeinschaft, Hauptsache sie rennen nicht mehr ballernd durch dieselbe.

  • Ich habe Fragen:



    Warum wird der Kriminologe nicht mit dem Kontext (den man ja hier nachlesen kann: taz.de/Polizeischu...-Bochum/!6126322/) konfrontiert?



    Warum holen die Cops in der Situation kein:e Gebärdendolmetscher:in dazu? Warum wird das Jugendamt nicht hinzugezogen - die Polizei hat doch die Nummer des Notdienstes? Warum wird, nachdem das Mädchen aufgebracht auf die Fixierung seiner ebenfalls gehörlosen Mutter reagiert, nicht deeskaliert?

    Hier wurde auf ein Mädchen geschossen, das nicht verstehen konnte, was gerade warum passiert und der Fehler liegt ganz klar bei der Polizei. Hätte man nicht in der "Ich muss das jetzt sofort lösen und ihr kommt mit" Mackermentalität, die viele Cops haben, gehandelt, wäre den Betroffenen viel Leid erspart geblieben.

    • @Piratenpunk:

      Warum holen die Cops in der Situation kein:e Gebärdendolmetscher:in dazu? Warum wird das Jugendamt nicht hinzugezogen - die Polizei hat doch die Nummer des Notdienstes?

      Nachts um 0:30 Uhr? Warten bis zum morgen, wenn das Mädchen Medikamente braucht. Das Messer wurde wohl kaum erwartet. Innerhalb von Sekunden würde man auch um zehn Uhr keine der von Ihnen genannten Personen herbekommen oder Anrufen können.

      • @Strolch:

        Hier ging es wohl um Insulin. Das hat jeder RTW an Bord - ist also keine Begründung.



        Der Notdienst des Jugendamtes ist nachts um 0:30 erreichbar (deswegen heißt es ja Notdienst, bei einer Dolmetscher:in ist das eher zweifelhaft, das geb ich zu.

        • @Piratenpunk:

          ??? "Hier ging es wohl um Insulin" - wer will das wissen? Wenn das Mädchen schon den Weg von Münster nach Bochum bewältigen konnte, spricht das nicht unbedingt dafür, dass es sich um einen diabetischen Notfall handelte, der sich mit dem auf RTW 's vorgehaltenen Akutinsulin so ohne weiteres behandeln lässt und schon gar nicht bei Kindern deren Konstitution unbekannt ist. Der Notdienst des Jugendamtes ist in der Regel ein Bereitschaftsdienst, der eben nicht unmittelbar akut eingreifen kann, wie z.B. Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdienst - das ist schon ein sehr erheblicher Unterschied! Bzgl. Sprachmittlung haben Sie das Problem ja schon selbst benannt.

          • @Tian:

            "Wer will das wissen?" -> Ich hab das, glaube ich auch in der taz, gelesen. Am Ende hätte man trotzdem hier medizinisches Personal dazuholen können (oder müssen), weil Cops keine notfallmedizinische Ausbildung haben. Wäre an der Stelle natürlich auch möglich gewesen, der Mutter anzubieten, ihre Tochter erstmal in ein Krankenhaus zu bringen. Kann natürlich sein, dass das passiert ist und sie ablehnte - aber ich hab' da so meine Zweifel dran.



            Man hätte hier den Notdienst trotzdem hinzuziehen können, unter der Prämisse, dass der medizinische Zustand des Mädchens geklärt wird - dann hat man auch Zeit. Die Polizei hätte dann schlicht und ergreifend nur aufpassen müssen, dass Mutter und Kind nicht erneut entweichen. Stattdessen hat man sich für die Rambomethode entschieden und das Resultat ist ein lebensgefährlich verletztes Kind.

  • Ich finde es unfassbar traurig, auch wenn ich das Kind nicht kenne, so hatte ich beim Lesen des Artikels Tränen in den Augen. Bei allem Verständnis für die Polizei, aber wie kann es sein, dass man auf ein Kind schießt? Hätten die Beamten nicht einfach "nur" Tränengas verwenden können. Auch wenn das Mädchen mit Messern bewaffnet war, ist meines Erachtens ein Schusswaffengebrauch nicht gerechtfertigt. Ich wünsche dem Mädchen von Herzen alles Gute und schnelle Genesung.💝🍀

  • Der Schusswaffengebrauch gegen ein Kind macht einen äusserst betroffen und erscheint ebenso unverhältnismäßig wie die Tatsache, dass sie die Mutter auf den Hausflur gezogen und fixiert haben. Aber obwohl man davon ausgehen muss, dass bei diesem Einsatz Fehler passiert sind, ist es unangebracht die Polizisten als schuldig vorzuverurteilen. Dazu weiß man einfach zu wenig. Man weiß allerdings, dass die Ausbildung und Eignung der meisten Polizist*innen hinsichtlich Deeskalation und Umgang mit psychisch beeinträchtigten Menschen völlig unzureichend ist. Ausserdem, dass quasi interne, nicht unabhängige Ermittlungen in solchen Fällen nicht ausreichend sind und zu Recht Misstrauen gegenüber der Polizei fördern. Beides sind unentschuldbare Versäumnisse des Gesetzgebers, der dadurch mitverantwortlich ist für die menschlichen Katastrophen, bei denen sowohl die Opfer von vermeidbarer Polizeigewalt, wie auch die Polizist*innen Leidtragende sind.

  • Ein gutes Interview mit einem sachkundigen Gesprächspartner. Nur an einer Stelle würde ich dem Herrn Professor vehement widersprechen: Es gab keinen Grund um Mitternacht mit der massiven Staatsmacht ohne ausreichende Kommunikationsmittel vor der Tür zu stehen. Das ist schlicht und ergreifend einfach ein absolutes Dienstversagen der Beteiligten, auf welcher Ebene auch immer. Insofern erwarte ich auf jeden Fall eine Klärung, wie das passieren konnte - und welche strafrechtlichen Konsequenzen daraus folgen.

  • Da können sich die Kriminologen und Polizeiwissenschaftler drehen und winden wie sie wollen, es gibt nur einen einzigen Grund gegen ein 12jähriges taubes Mädchen die Schusswaffen einzusetzen, nämlich wenn das Mädchen mitten in Bochum versucht eine Atombombe zu zünden.

  • Ein sehr sachliches, kompetentes Interview zu einem konkreten und brisanten Thema.



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    Was ich als sehr wohltuend wahrnehme ist, dass auf Spekulationen verzichtet wird. Wenn es zu Äußerungen kommt, wie "Das ist schwer zu sagen ohne Einblick in die Fallakten." oder "Das kann ich im Einzelnen nicht bewerten, weil ich den Fall nicht genau kenne." oder "Aber wir wissen momentan eben nicht, was vorher bekannt war.", dann ist dies nicht ein Ausdruck von Inkompetenz, sondern ein sensibles Kommunikationsverhalten, dass angemessen zu dem tragischen Vorfall ist.



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    Ob sich viele Kommentatoren daran ein Beispiel nehmen und auf Spekulationen, Pauschalisierungen und Unterstellungen verzichten werden - und erst einmal die Ermittlungen abwarten? Ich bin gespannt.

  • Als Mensch, der tagtäglich mit Gehörlosen zu tun hat, macht mich dieser Fall zutiefst betroffen. Neben dem konkreten Tatablauf stellt sich auch eine prinzipielle Frage: Wieso fahren die Polizist*innen zu einem Einsatz, bei dem Gehörlose involviert sind, ohne geeignte Kommunikationsmittel? Wie haben sie sich vorgestellt, mit dem Mädchen zu sprechen? Wenn noch dazu wichtige Medikamente längere Zeit fehlten, konnten/mussten sie auch mit einer gewissen Bewusstseinstrübung rechnen. Da mit Waffen aufzukreuzen, und somit auch automatisch mit Waffen zu sprechen, war von Haus aus eine Schnapsidee.

    • @rauchamendedernacht:

      Es ist ein weiterer Polizeimord, der nicht geahndet werden wird. Vermutlich wird die Mutter noch angezeigt werden. Die Unschuldsvermutung gilt ja inzwischen nur noch für Polizisten. Wir leben nicht mehr in einem Rechtsstaat, sondern in einem Extremrechtsstaat.

      • @Jalella:

        Zum Glück ist das Mädchen ja nicht gestorben.



        Aber wieviel Morde gibt es den durch die Polizei pro Jahr?

    • @rauchamendedernacht:

      Was ich im Artikel nicht fand, war, ob die Gehörlosigkeit bekannt war oder nicht. Im Stress, der selbst trainierten Polizisten unterlaufen kann, könnten sie das nicht gemerkt haben. Eine Untersuchung wird es hervorbringen.

      Dass Gehörlosigkeit gar nicht so selten ist und man auch bei Hörenden mit nur Messer, die sich mal bewegen, andere Optionen als Schuss haben dürfte, steht auf einem anderen Blatt. Doch war ich nicht dabei.

      • @Janix:

        Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Polizisten nicht darüber informiert worden sind, dass das vermisste Mädchen gehörlos ist.

  • Ein in meinen Augen hervorragendes Interview, mit vielen Facetten und nicht so einseitig wie andere Berichte. Zur Zeit weiß man halt noch nicht viel und die Ereignisse sind noch unklar. Andere Gazetten haben sich bereits auf ein Schuldigen eingeschossen entweder "Böse Polizisten" oder "böser Messer-Einsatz", jeder nach seiner Blase.



    Das ganze ist zu tiefst bedauerlich für alle Beteiligten, von daher gilt mein Mitgefühl dem Mädchen und den Polizisten zugleich.

    • @Reinero66:

      ja, schrecklich, was die anderen so schreiben. Aber ich muss gestehen, dass ich auch auf sehr eindeutig einer Seite stehe. Ein zwölfjähriges gehörloses krankes Mädchen, vor dem eine einschüchternd aussehende schwarz vermummte schwer bewaffnete Gruppe von Polizisten steht. Tut mir leid, da ist für mich klar, wer der Täter ist. Spoiler: nicht das Mädchen.

    • @Reinero66:

      Da schließ ich mich voll und ganz an. Nüchtern, sachlich, differenziert. Hut ab!



      Ansonsten ganz schreckliche Geschichte, aus der hoffentlich mal die richtigen Konsequenzen gezogen werden.

  • Vielen Dank für das Interview! Klar wird weiter gemauert und die Bodycams waren doch schon mal im Einsatz, wenn ich mich nicht irre und wurden wieder abgeschafft. Zwei erwachsene Polizisten werden mit einer 12jährigen Gehörlosen nicht fertig und einer schiesst auch noch? Und das ist ja leider kein Einzelfall, es gab ja leider genug Vorfälle dieser Art in letzter Zeit: Sind wir wieder im Wilden Westen angelangt?

    • @Michael Rupprecht:

      Klar. Bodycams sind doof. Da ist es immer so schwer vernünfitg klarzumachen, warum sie immer, aber auch immer, gerade dann ausgeschaltet sind wenn am Ende der Situation ein Mensch stirbt und ein oder mehrere Polizisten mit rauchenden Waffen da stehen.

    • @Michael Rupprecht:

      "..in letzter Zeit". Da gibt es zwei Möglichkeiten als Ursache - eine Verrohung der Polizei oder aber der anderen Seite. So leicht ist das nicht zu beantworten. Es steigt allerdings auch die Anzahl der Einsätze ohne dass die Polizei schießt. Auch 12-jährige Kinder können mit Messern töten, insbesondere wenn sie körperlich über dem statistischen Mittelmaß liegen. Ebenfalls wissen Sie nicht, ob die Polizisten über die Gehörlosigkeit informiert waren oder diese hätten erkennen können. Notwehr ist aus gutem Grund nicht altersbegrenzt. Hinweis: Gerade wenn die geschädigte Person erst 12 Jahre alt ist, darf man vermuten, dass die Polizisten nicht von Anfang an den Finger am Abzug hatten. Abwarten was die Ermittlungen ergeben.

  • Wenn keine Dritten im Spiel sind, ist ein Messerklammern mit Abstand sehr leicht zu entspannen als Situation. Und das Reden oder Kommunizieren kann langsam einsetzen.

    Solange die Person nicht mit dem Messer zu werfen vermag, kann erst mal nichts mehr passieren. Das ist der Unterschied zur Uzi oder einer Person mit Heino-Grammofon in der Hand.

    Also Abstand und Beruhigungsversuche, irgendwann sind dann die Profis auch da. Das von den Polizisten könnte hingegen nicht ganz so professionell gewesen sein, doch Näheres soll eine intensivere Untersuchung in Ruhe klären.

    • @Janix:

      Was für ein Unsinn!



      Anders kann man es nicht sagen.

      "Wenn keine Dritten im Spiel sind, ist ein Messerklammern mit Abstand sehr leicht zu entspannen als Situation. Und das Reden oder Kommunizieren kann langsam einsetzen."

      Wirklich? Mit einem Messer in der Hand ist man innerhalb einer Sekunde 3-4 Meter näher an einem dran. Besonders auf engen Raum, wie hier in einem Wohnungseingang sind es nur zwei-drei Schritte. Da würde ich Sie gerne sehen wie Sie diese Situation mit Abstand leicht entspannen!



      Ein Messer ist eine sehr gefährliche Waffe. Sie können sich gerne noch einmal über die ganzen bekanntgewordenen Messerangriffe der letzten Zeit informieren.

      Ich für meinen Teil und nach dem bisherigen Kenntnisstand, den ich habe, denke, dass der Schusswaffengebrauch schon gerechtfertigt war in der Situation.



      Nur hätte es nicht bis zu dieser Situation kommen dürfen. Das ist wieder eine andere Sache. Wenn man schon weiß, dass man es mit gehörlosen Personen zu tun bekommt, muss man da mit jemanden hin, der die Gebärdensprache beherrscht.

      • @si tacuisses:

        Ich hatte mal ein Messer eines recht Wildfremden vor der Bauchaorta (echt blöde Stelle), es ist eine Weile her. Danke der Nachfrage.



        Das sind geschulte Personen. Messer seitlich ablenken und wegschlagen, wenn man's weiß. Auch körpersprachlich Stopp markieren bzw. der Person ihr Territorium erst mal lassen, sich eher zurückziehen und erst näherkommen, wenn das Adrenalin unten zu sein scheint bzw. wenn bessere Kräfte angekommen sind (Ausnahme: Schutz Dritter). Vielleicht sind auch stichfeste Westen im Polizeiwagen zu finden.



        In den Bauch schießen ist wohl weniger sinnvoll als ins Bein oder in die Hand/ den Arm. Bauch, s.o., ist lebensgefährlich. Bei Schmerz im Arm lässt mensch eher eine Waffe fallen und hält ein, und das will mensch ja eigentlich.



        Zustimmung, dass erst eine Untersuchung letzte Klarheit schafft.

    • @Janix:

      Das Kommunizieren gestaltet sich halt schwierig, wenn die Polizisten die Sprache des Menschen vor sich nicht verstehen. Bei unterschiedlichen Lautsprachen kann man noch mit beruhigenden Tönen einiges erreichen, aber eine Gehörlose hört einen eben nicht. Sie kommuniziert mit Mimik und Gestik, die bei Polizisten, die einen Menschen mit Messer vor sich sehen, vermutlich instinktiv nicht sehr beruhigend aussieht.



      Irgendwer hat es da ordentlich verbockt. Nicht unbedingt die Polizisten vor Ort, wie im Interview deutlich gesagt, man weiß noch nicht, was die vorab wussten.

      • @Herma Huhn:

        Ihren Kommentar halte ich für sehr sachlich und der Situation angemessen.



        Ich bin froh, dass es überhaupt noch Menschen gibt, die sich für den Polizeiberuf entscheiden.



        Bezüglich "entscheiden": Es ist ein Unterschied, oft in Sekundenbruchteilen entscheiden zu müssen oder hinterher ohne Zeitdruck, Zeitlimit und - wie hier - oft ohne Kenntnis der Situation und der Rechtslage automatisiert die Polizei zu versiewissenschon.

    • @Janix:

      Vielleicht braucht es für die Nachtstunden mehr aktivierbare Verbindungen zu Fachleuten, die in Bereitschaft sind. Die LWL-Klinken sind mit ihren Ambulanzen und Fachkräften bei Fällen von Eigengefährdung auch ziemlich gut geschult. Sozialpsychiatrie ist ein Spezialgebiet im differenzierten Kosmos der Daseinsvorsorge und im öffentlichen Gesundheitswesen.



      Ich stimme zu: Erst einmal Ergebnisse in Ruhe abwarten.



      Die weiteren Hinweise zum Fall waren auch interessant.

  • Notwehr ist auch gegen Kinder zulässig - sonst müsste man sich wehrlos von einem Kind töten lassen. War es Notwehr? Von hier aus nicht zu beurteilen. Ruhig bleiben und abwarten.

  • taz: *Wie kann das überhaupt sein, dass die Polizei auf ein zwölfjähriges gehörloses Mädchen schießt?*

    Die Frage ist sehr berechtigt.

    Haben wir eigentlich schon US-amerikanische Verhältnisse in Deutschland, wo erwachsene männliche Polizisten sogar schon vor kleinen Mädchen Angst haben und sofort schießen?

    Ja, ich weiß, das Mädchen soll mit Messern "bewaffnet" gewesen sein. Aber da hätten zwei große starke männliche Polizisten ausgereicht, die einen längeren Gummiknüppel in der Hand haben und ihr dann auf die Arme oder Hände gehauen hätten.

    Martin Thüne: *Sie klammern sich quasi an ein Messer als Schutz. In diesem Fall wäre es sinnvoller für die Polizei, Distanz aufzubauen und den Schutzraum für die Person zu vergrößern, damit diese sich beruhigen kann.*

    Richtig, und sich dann einen 'Besenstil' besorgen, mit denen man das Kind in Schach hält und ihr das/die Messer aus den Händen schlägt. Wenn unsere Polizisten das nicht können, dann stimmt etwas in der Ausbildung der deutschen Polizei nicht. Es kann und darf jedenfalls nicht sein, dass man - wie die schießwütigen US-Polizisten - sofort "rumballert"; und das sogar schon auf 12-jähige Kinder, die in einer psychischen Krise sind.

    • @Ricky-13:

      Dieses Hollywooddenken von leichter Entwaffnung ist quatsch, ein Küchenmesser in den Händen einer 12 jährigen, ist und bleibt lebensgefährlich, wenn diese vorhat einen zh verletzen, egal wie Erwachsene und stark die Gegenseite ist. Dieser Unfung mit dem Besenstiel kann doch nicht ihr ernst sein, laut bisherigen Kenntnisstand hat die Mutter die Tür geöffneten und das Mädchen ist gleich mit dem Messer, an der Mutter vorbei, i auf die Polizei los und das in einem kurzen und engen Flur. Wenn sich das bewahrheitet, blieb dem Polizisten keine andere Wahl. Ob sich das bewahrheitet, wird sich zeigen

      • @JSch:

        Die Idee mit der Distanzsicherung ist doch perfekt !

      • @JSch:

        *Dieses Hollywooddenken von leichter Entwaffnung ...*

        Die 'leichte Entwaffnung' von einem bewaffneten erwachsenen Mann überlassen wir wirklich lieber Hollywood-Filmen (z.B. "Rambo" etc.). Wir haben es hier aber mit einem 12-jährigen Mädchen zu tun (das Durchschnittsgewicht einer 12-Jährigen beträgt 42 Kg). Da muss man nicht wie "Dirty Harry" (auch ein Hollywood Film) sofort die Schusswaffe ziehen und "rumballern".

        *Dieser Unfug mit dem Besenstiel kann doch nicht ihr ernst sein, ...*

        Der Besenstiel sollte nur eine gewisse 'Länge' veranschaulichen. Zum Beispiel die 75-cm-Teleskopschlagstöcke der britischen Polizei (Bobbys tragen traditionell keine Schusswaffen, sondern nur Schlagstöcke), mit denen die Bobbys sogar erwachsene randalierende Männer zur Vernunft bringen. Wenn deutsche Polizisten so etwas nicht lernen und man ihnen lieber Schusswaffen gibt, als Teleskopschlagstöcke (75 - 100 cm), dann stimmt in der Polizeiausbildung in diesem Land etwas nicht und wir haben hier bald US-amerikanische Verhältnisse (siehe LINK). So etwas möchte man sicherlich nicht in Deutschland haben.

        ***USA: Polizist schießt auf autistisches Kind*** www.youtube.com/watch?v=0iNTh6CICEM

        • @Ricky-13:

          Den Vergleich mit der britischen Polizei finden ich gut, da dort seit Jahren immer mehr polizeieinheiten mit Schusswaffen ausgerüstet werden. Eben weil sie immer wieder von Gewalttäter überwältigt werden.

          Der Vergleich mit der US Polizei hinkt gewaltig. Der jährliche polizeiliche schusswaffengebrauch in ganz Deutschland ist nicht ansatzweise so hoch wie der tägliche Schusswaffengebrauch in einer amerikanischen Großstadt.

          • @JSch:

            Im März 2025 betrug der Anteil der einsatzbereiten bewaffneten Beamten (also britische Polizisten mit Schusswaffen) an der Gesamtzahl der Polizisten in England und Wales nur etwa vier Prozent (4 %). Die Tradition der unbewaffneten (bis auf den mitgeführten Schlagstock) englischen Polizei, gilt als Ausdruck des besonderen Verhältnisses zur Bevölkerung.

            Und mit meinem LINK (*USA: Polizist schießt auf autistisches Kind*) wollte ich keinen Vergleich des Schusswaffengebrauchs von deutschen und amerikanischen Polizisten herstellen, sondern nur zeigen, dass in dem 'Land der unbegrenzten Idiotien' (USA) sogar schon auf weglaufende Kinder geschossen wird.

            Ich bin natürlich auch froh darüber, dass wir eine Polizei haben, die uns vor Gewaltverbrechern schützt. Aber ich möchte keine Polizei in Deutschland haben, die auf Kinder schießt, nur weil die Polizeibeamten mit einer Situation total überfordert sind.

    • @Ricky-13:

      …anschließe mich



      &



      einzuwerten gibt‘s bei der dünnen Faktenlage derzeit garnichts - Betroffen-/Ratlosigkeit umso mehr

  • Tragisch. Möglicherweise wussten die Polizisten nichts von der Gehörlosigkeit des Mädchens. Sie rennt verwirrt mit dem Messer herum, die Polizei fordert sie x Mal auf, das fallen zu lassen, dann entsteht eine Gefahrensituation für Dritte, einer der Beamte verliert die Nerven...

  • Taser, Gummigeschosse, Schutzschilde etc. vielleicht mal mit Polizeibehörden in anderen demokratischen Ländern in Austausch treten und sehen, wer bessere Lösungen hat. Der mehr oder minder gezielte Schuß mit tödlichen Waffen hat fast immer was endgültiges.

    • @Axel Schäfer:

      Es gibt noch viele andere Möglichkeiten.



      Aber hier hat nicht die Polizei das Sagen, sondern die Politik.



      Vor allem darf es nur so wenig wie möglich kosten.



      Ich habe bezüglich Dienstwaffen schwachsinnige Entscheidungen erlebt, die man ohne eigene Erfahrungen einfach nicht glaubt.



      Und oft standen Geld und dessen Empfänger im Mittelpunkt.

    • @Axel Schäfer:

      Taser ... Wie viele Organisationen kämpfen dagegen taser bei der Polizei zu verhindern? Weil halt auch schon Leute mit Herzproblemen dabei auch sterben können. Und ich habe jetzt nicht recherchiert, aber eine 12 jährige zu tasern dürfte vllt auch noch so problemlos sein.