: Kann die Diaspora die Demokratie retten?
Je ein Viertel der Moldauer und Rumänen arbeitet im Ausland, viele davon in Deutschland. Ihre Erfahrungen wirken sich auf die Wahlen in ihren Heimatländern aus – sehr unterschiedlich
Aus Berlin Natalia Sergheev
Christian Ursu keltert Trauben in einer hölzernen Weinpresse und nippt an einem Pappbecher voller Most – oder Vin tânăr, wie er auf Rumänisch heißt. Seine Partnerin Nicoleta Grițco lächelt und macht Fotos von ihm. Die inoffizielle Hymne der Rumänischsprachigen weltweit, O-Zones viraler Hit „Dragostea din Tei“, dröhnt aus den Lautsprechern: „Maia hii, maia huu …“ Die Popmusik vermischt sich mit den Techno-Beats aus dem nahe gelegenen Club, die einzige Erinnerung daran, dass wir uns nicht in Chișinău oder Bukarest befinden, sondern in Berlin. An diesem Abend wird hier im Biergarten das in der Republik Moldau und in Rumänien traditionelle Erntedankfest gefeiert. Die Veranstaltung wird von der Akademie Rapsodia Berlin organisiert, einer NGO, die rumänischsprachige Migranten bei der Integration in die deutsche Gesellschaft unterstützt.
Moldau ist die Ausnahme …
Ursu und Grițco sind in Moldau geboren und vor drei Jahren nach Berlin gezogen. Er ist Koch, sie arbeitet im Catering. Um mit ihren Wurzeln in Verbindung zu bleiben, organisieren sie Veranstaltungen – und nehmen an Wahlen in ihrem Heimatland teil. Am 28. September 2025 haben sie „für eine europäische Zukunft“ gestimmt, wie die beiden sagen. „Für uns ist das wie ein Fest“, sagt Nicoleta Grițco. „Ich treffe so viele Bekannte in der Schlange!“ Die schlimmsten Warteschlangen gab es 2020 während der Präsidentschaftswahlen, erinnert sich Ursu. Damals lebte er noch in Rumänien. „Es war ein kalter November. Ich stand in der ersten Runde acht Stunden lang in der Schlange und in der zweiten Runde zehn Stunden. Tausende Menschen warteten darauf, ihre Stimme abzugeben.“ In diesem Jahr wurde die EU-freundliche Kandidatin Maia Sandu Präsidentin und setzte sich gegen den pro-russischen Oppositionsführer Igor Dodon durch. „Es hat sich gelohnt, wir haben es geschafft“, sagt Christian Ursu.
Bei der jüngsten Wahl gewann die von Sandu gegründete Partei der Aktion und Solidarität (PAS) 55 der 101 Sitze im Parlament und regiert damit für vier weitere Jahre. Die Partei verspricht die europäische Integration bis 2028, an der sie nun arbeiten kann, ohne Koalitionen mit Parteien eingehen zu müssen, die weniger westlich orientiert sind. Bei der Wahl in Moldau war die Unterstützung der Diaspora entscheidend und verhalf der PAS zur parlamentarischen Mehrheit.
Nach der Wahl wurden in den sozialen Medien Memes geteilt: Sie zeigen, wie der Propagandawagen Putins vom Zug der Diaspora überrollt wird. Es war nicht das erste Mal, dass die moldauische Diaspora eine Entscheidung in ihrer Heimat beeinflusste. Im Jahr 2024 hielt Moldau ein Referendum ab, um den pro-europäischen Kurs in der Verfassung des Landes zu verankern. Zukünftige Regierungen sollten ihn nicht mehr ändern können. Die Abstimmung fiel dank etwas mehr als 10.000 Stimmen aus der Diaspora positiv aus. Nicht alle sind darüber glücklich.
Kurz vor der Wahl im September schlug der Block der Kommunisten und Sozialisten Änderungen am Wahlgesetz vor, die Moldauer im Ausland daran hindern sollten, mit abgelaufenen Ausweispapieren zu wählen. Der Vorschlag wurde nicht angenommen. Möglicherweise, weil die Verbindung zwischen der Diaspora und der Wahlentscheidung viel tiefer geht. Im Jahr 2017 verfasste der auf Migration spezialisierte Ökonom Toman Barsbai gemeinsam mit anderen einen Artikel, in dem er argumentiert: „Migranten nehmen im Ausland neue politische Normen, Praktiken und Informationen auf, die sie dann an ihre Heimatgemeinden weitergeben.“ Dieser Prozess war bereits die Grundlage für die sogenannte Twitter-Revolution von 2009, als junge Demonstranten eine EU-Flagge auf einem Regierungsgebäude in Chișinău hissten, die letzte kommunistische Regierung in Europa stürzten und den Weg für einen potentiellen EU-Beitritt ebneten.
Fast ein Viertel aller Moldauer lebt außerhalb des Landes. Moldau gilt als eines der ärmsten Länder Europas und ist stark vom Geld abhängig, das Auswanderer nach Hause schicken. Das zwischen Rumänien und der Ukraine gelegene Land mit 2,4 Millionen Einwohnern lebt im Schatten seiner sowjetischen Vergangenheit. Bei der Wahl im September gab es den Vorwurf einer Einmischung Russlands. Der Krieg des Kremls in der Ukraine schürt die Befürchtung, Moldau könne das nächste Ziel sein. Deshalb engagiert sich die Diaspora so aktiv im politischen Leben ihres Heimatlandes, sagt Christian Ursu. „Wir wissen, wie es ist, unter russischer Herrschaft zu leben.“ Deshalb wollen sie alles Mögliche tun, um eine Wiederholung der Geschichte zu verhindern.
Aber Moldau ist die Ausnahme, nicht die Regel.
Das Nachbarland Rumänien sorgte für internationale Schlagzeilen, als die erste Runde der Präsidentschaftswahl im November 2024 annulliert wurde. Russland soll die Wahl zugunsten des Siegers Călin Georgescu beeinflusst haben. Ein Pro-Putin-Nationalist und Verschwörungstheoretiker, der in den sozialen Medien an Popularität gewonnen hatte. Die Wahl wurde verschoben – eine Entscheidung, die Proteste auslöste und, wie einige argumentieren, zu einer besonders hohen Wahlbeteiligung bei der neu angesetzten Wahl im Mai führte.
Rumäniens Flirt mit extremistischen Ideen hat Antuanela Stancă schockiert, sie ist mit ihrer Familie zum Erntedankfest gekommen. Die Anwältin aus Bukarest ist vor zweieinhalb Jahren nach Berlin gezogen, weil ihrem Mann ein Job angeboten wurde. „Es gibt so viele Tastaturkrieger im Internet, die von ihren bequemen Sofas aus unerklärliche Kommentare abgeben“, sagt sie. Verschwörungstheorien über die Pandemie, Pro-Kreml-Narrative, die behaupten, es gäbe keinen Krieg. Das sei alles sehr surreal.
Das war nicht immer so, erklärt Elena Stancu, eine rumänische Journalistin, die über die Diaspora berichtet. 2019 packten sie und ihr Partner ihre Kameras und Aufnahmegeräte in ein Wohnmobil, um die Diaspora-Gemeinden in der EU zu besuchen. Für ihr Projekt Teleleu sprachen sie vor allem mit Arbeitern. Damals war alles anders, erinnert sie sich. „Es herrschte Hoffnung“, sagt Stancu. Massive Proteste gegen Korruption sowohl in ihrer Heimat Rumänien als auch im Ausland versprachen ein neues Kapitel. Doch während der Parlamentswahlen 2020 gewann eine neue Partei an Anhängern. Es war die Allianz für die Union der Rumänen (AUR) – populistisch, rechtsgerichtet, konservativ. „Da habe ich zum ersten Mal die Spaltung der Gesellschaft gespürt“, sagt Stancu.
Elena Stancu, Journalistin
Mehr als 4,6 Millionen Rumänen leben im Ausland – das entspricht einem Viertel der Bevölkerung, was sie zu einer der größten Diasporagruppen innerhalb der Europäischen Union macht. Einige kommen aus privilegierten Verhältnissen und wünschen sich bessere berufliche Möglichkeiten oder eine bessere Ausbildung für ihre Kinder. Diese Menschen würden in den rumänischen Mainstream-Medien als „Erfolgsgeschichten“ oder „Rumänen, auf die wir stolz sein können“ dargestellt, sagt Stancu. Es gibt jedoch auch Rumänen, die ganz andere Erfahrungen mit der Migration gemacht haben. Sie wollten ihre Heimat und ihre Familien nie verlassen, hatten aber keine andere Wahl. Stancu spreche immer wieder mit Menschen, die ausgewandert seien, weil sie Schulden abbezahlen, die Zinsen für Haushaltsgeräte bezahlen oder einfach nur ein Badezimmer bauen wollen. Im ländlichen Rumänien gibt es, genau wie in Moldau, immer noch viele Haushalte mit Toiletten im Hinterhof.
… ist Rumänien die Regel?
„Es ist nicht ganz richtig, zu sagen, dass diese Rumänen im Ausland leben“, sagt Stancu. „Sie leben in Rumänien, arbeiten aber im Ausland, manchmal für längere Zeiträume.“ Das bedeutet, dass sie in Unterkünften wohnen, die ihr Arbeitgeber bereitstellt, sie rumänische Lebensmittelgeschäfte besuchen, rumänische Pop-Folk-Musik hören und in orthodoxen Kirchen beten. „Ihre Gedanken sind in Rumänien“, sagt Stancu, „Sie möchten nach Hause zurückkehren, können das aber nicht, weil ihre Familien auf die Unterstützung angewiesen sind.“
Und nicht nur ihre Familien brauchen ihre Arbeitskraft, auch die EU braucht sie. Die Covid-Pandemie hat gezeigt, wie viele Branchen in den Industrieländern auf Arbeitsmigranten angewiesen sind, um zu funktionieren. Stancu erinnert sich an ein Gespräch mit dem Manager eines Apfelbetriebes: „Wenn es eine schwere und unangenehme Arbeit zu erledigen gab, sagten sie immer: ‚Bittet die Osteuropäer, das zu machen‘.“
Die Medienberichte über die „guten“ Migranten im Gegensatz zu den „beschämenden“ schürten Ressentiments in der rumänischen Community. Und als ein charismatischer junger Politiker auftauchte und versprach, er würde sie stolz darauf machen, Rumänen zu sein, hörte die Diaspora zu. Diese Person war George Simion, der Vorsitzende der AUR, den manche als „rumänischen Trump“ bezeichnen. Seine ultranationalistische Rhetorik verschaffte ihm die Unterstützung der Diaspora-Wähler, vor allem in Italien, Deutschland und Spanien, und machte ihn zum Sieger der ersten Wahlrunde. Letztendlich endete der rumänische Politthriller mit dem Sieg seines liberalen Gegners Nicușor Dan. Der wandte sich an Simions Anhänger und sagte, sie müssten nun „unabhängig von politischen Entscheidungen gemeinsam ein Land aufbauen“.
„Die EU sollte sich nicht auf Osteuropäer verlassen, um ihre Drecksarbeit zu erledigen, und sie gleichzeitig als Bürger zweiter Klasse betrachten“, sagt Stancu. „Sie sollte ihnen mit Empathie begegnen und sie als Menschen mit Geschichten und Familien betrachten, deren Stimmen letztendlich über das Schicksal Europas entscheiden.“
Zurück beim Erntedankfest versucht Anwältin Antuanela Stancă, ihre fünfjährige Tochter einzufangen, die mit ihren Plüschtieren herumrennt. Musiker singen traditionelle rumänische Lieder – zwei Moldauer, die für diese Veranstaltung Hunderte von Kilometern zurückgelegt haben. Antuanela erzählt, dass der Wahlskandal in Rumänien wie eine kalte Dusche für sie war. Die Popularität extremistischer Ansichten und die mögliche Einmischung Russlands habe alle überrascht. Sie nimmt meine Hand und sagt: „Wir sollten besser von Moldau lernen, wie man damit umgeht.“
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