Iranischer Sozialarbeiter über Resilienz: „Die Hühner haben mich gerettet“

Majid Tabe war schon Buchhalter im Schlachthof und Werkzeugmacher in der Rüstungsindustrie – heute hilft er anderen, Schocks zu verarbeiten.

Der Künstler und Sozialarbeiter Majid Tabe sitzt in seinem Atelier im hannoverschen Stadtteil Ahlem vor einer Staffelei mit Malutensilien.

Tabe landete in der DDR, doch die Genossen schoben ihn rasch weiter Foto: Anna-Kristina Bauer

taz: Majid Tabe, Sie haben eigentlich mehr als ein Leben. Fangen wir mal mit dem ersten an: Aus was für einer Familie stammen Sie?

Majid Tabe: Ich bin 1963 in Teheran geboren und komme aus einer Arbeiterfamilie, mein Vater hat in der Textilindustrie gearbeitet, meine Mutter ist Hausfrau, ich habe vier Schwestern und hatte einmal einen jüngeren Bruder und eine jüngere Schwester, die früh gestorben sind. In der Mittelschule habe ich angefangen, mich mit Politik zu beschäftigen. Ich hatte eine engagierte Geschichtslehrerin. Es war die Zeit der Revolution 1979, ein großer Aufbruch, plötzlich kamen all diese Parteien aus dem Untergrund. Mein Vater war ein sehr religiöser Mensch. Wir hatten unterschiedliche politische Meinungen. Ich als junger Mensch orientierte mich noch und interessierte mich auch für andere Parteien. Wir diskutierten viel.

Heute diskutieren Sie nicht mehr mit ihrem Vater?

Nein, mein Vater starb 1981 bei einem Autounfall. Ich hatte dann keine politische Diskussionen mehr mit ihm, sondern plötzlich eine große Verantwortung für die Familie. Ich verließ das Gymnasium, obwohl meine Mutter strikt dagegen war. Aber ich musste ja arbeiten, um meiner Mutter finanziell zur Seite zu stehen. Ich ging also zu der Firma, in der mein Vater zuletzt gearbeitet hatte und sagte, dass ich seinen Job übernehmen wollte. Der Haken war bloß: Er war LKW-Fahrer gewesen. Und ich war zu jung für einen Führerschein. Ich wollte den auch in Wirklichkeit gar nicht, weil ich glaubte, wenn ich anfange, Auto zu fahren, werde ich genauso sterben wie mein Vater.

58, ist in Teheran geboren und emigrierte 1986 nach Ost-Berlin. Die DDR schob ihn gemeinsam mit anderen Emigranten weiter nach Westdeutschland. Dort arbeitete er zunächst als Industriemechaniker, studierte dann aber Soziale Arbeit an der evangelischen Fachhochschule in Hannover.

Erst im Jahr 2001 bekam er seine deutsche Staatsangehörigkeit. Seit dem besucht Majid regelmäßig seine Familie im Iran.

Heute betreut er als Sozialarbeiter Schüler und betreibt nebenbei das Atelier work@art im hannoverschen Stadtteil Ahlem, wo er ehrenamtliche Workshops für Kinder und Erwachsene gibt und einen kulturellen Raum für Begegnung schaffen will.

Was ist das, Aberglaube oder Trauma?

Das war so eine Traumageschichte. Ich hatte ja die Unfallstelle gesehen, das zerstörte Auto, hatte die Leiche meines Vaters identifizieren müssen. Es war alles chaotisch in diesen Jahren unmittelbar nach der Revolution, nichts funktionierte, ich bin mit meinem Onkel durch die Stadt geirrt. Irgendwann hatten wir die Unfallstelle gefunden und das Auto, wussten aber immer noch nicht, wohin die Leiche gebracht worden war.

Die Firma nahm Sie dann trotzdem, auch wenn Sie keinen LKW fahren konnten.

Ja, trotzdem landete ich in diesem Betrieb. Das war ein riesiges dänisch-iranisches Unternehmen, dass damals eine der modernsten Schlachtereien für Hühner hatte. Gleichzeitig machte ich an der Abendschule mein Abitur nach, was mir dann eine Ausbildung zum Buchhalter ermöglichte. Das habe ich dann so sechs Jahre lang gemacht, auch in anderen Firmen.

Sie haben aber auch damals schon gemalt.

Schon immer. Zeitweise waren das fast nur noch Porträts – Märtyrer des iranisch-irakischen Krieges, aber auch die Friedenstaube. Politisch spitzte sich die Lage immer weiter zu, in meiner Umgebung gab es Verhaftungen. Gleichzeitig hatte ich ständig Angst, doch noch zum Militär eingezogen zu werden. Aber die Hühner haben mich gerettet.

Wie haben die Hühner Sie denn gerettet?

Als Angestellter bekam ich jede Woche ein Kontingent von fünf Hühnern. Die habe ich dann irgendwann an einen Herren vom Militär weitergereicht. Eigentlich hätte der mir eine Befreiung vom Wehrdienst ausstellen sollen – als einziger Sohn und Ernährer der Familie konnte ich ja nicht eingezogen werden. Aber der hat sich quer gestellt. Er wollte die Hühner.

Deshalb haben Sie sich entschieden, den Iran zu verlassen?

Unter anderem. Viele wollten damals das Land verlassen. Ich hörte zufällig davon, dass die deutsche Botschaft in Teheran Visa ausgab. An dieses Visum zu kommen, war wirklich eine verrückte Sache. Es gab das Gerücht, dass in einer bestimmten Parkanlage jeden Tag Männer auftauchten, die Warte­nummern verteilten. Da bin ich mit einem Freund hingefahren. Aber da waren schon tausende Leute. Wir hatten keine Chance.

Aber das ist doch verrückt. Warum sollten Botschaftsangestellte das denn überhaupt tun?

Das habe ich mich natürlich auch gefragt. Aber erst später. In dieser Situation greifst du erst mal nach jedem Strohhalm. Wir sind den Männern gefolgt und haben sie angebettelt. Erst haben sie uns weggeschickt. Aber dann sagte einer der beiden, ich solle morgen zur Botschaft kommen. Ich habe mich auf der Arbeit krank gemeldet und bin dahin. Mein Freund ist nicht mit, der hat gesagt, das ist Quatsch. Als ich ankam, habe ich gesehen, dass die Menschen schon drei Straßen vorher campiert haben – mit Matratzen und Zelten.

Die Botschaft wurde also belagert – wie 1989 in Prag oder jetzt der Flughafen von Kabul.

Genau. Irgendwie habe ich es aber geschafft, diesen Mann ausfindig zu machen. Ich habe ihn gefragt: Haben Sie noch eine Nummer für mich? Und er sagte: Bist du verrückt? Ich habe dich hierher bestellt, damit du siehst, was hier los ist. Geh nach Hause! Aber ich habe nicht locker gelassen. Irgendwann sagte er dann entnervt: Du hast doch bestimmt nicht einmal einen Reisepass! Doch hier, habe ich gesagt. Den Pass hatte ich erst am Tag davor vom Amt geholt. Es war schwer, da ran zu kommen. Er hat ihn genommen und ist verschwunden. Nach einer endlosen halben Stunde tauchte er wieder auf und sagte: Und jetzt verschwinde! Da war ein Visum reingestempelt. Erst da habe ich gesehen, dass da „Deutsche Demokratische Republik“ stand. Was ich allerdings nicht begriffen habe: Das war ein Transitvisum.

Dann sind Sie also in die ehemalige DDR geflogen?

Ich brauchte noch eine Woche, um alles zu regeln. Dann bin ich mit dem Bus in die Türkei gefahren. Von dort bin ich dann nach Ostberlin. Ich weiß noch, dass es ein total nebeliger Oktobertag war. Da kamen dann diese Polizisten, nahmen unsere Pässe und sagten „Ja, okay. Asyl, ne?“ Das Wort „Asyl“ habe ich da zum ersten Mal gehört. Ich war natürlich nicht allein. Da waren auch noch Kurden, Türken und andere.

Die DDR wollte Sie aber doch nicht haben …

Man steckte uns in einen Bus, der dann über die Dörfer fuhr. Ab und zu stiegen diese Grenzbeamten aus, redeten mit irgendwem, dann ging es weiter. Plötzlich merkte ich, dass da draußen Polizisten waren, deren Uniform ganz anders aussah. Die Polizisten von vorher waren nirgendwo mehr zu sehen. Wir hielten in der Nähe einer U-Bahnhaltestelle. Da kam ein junger Mann auf mich zu, der mich auf Persisch ansprach. „Kommst du aus dem Iran?“ Er sagte, er sei von Amnesty International und Arzt. Und: Willkommen in West-Berlin. Ich war völlig perplex.

Wie erklären Sie sich dieses merkwürdige Vorgehen?

Erst sehr viel später begriff ich, dass ich zum Spielball einer politischen Entscheidung geworden bin. Zu diesem Zeitpunkt – das war ungefähr zweieinhalb Jahre vor der Wende – hatte man sich überlegt: Schön, wenn ihr da drüben glaubt, so viel besser zu sein. Und Propaganda macht damit, dass ihr jeden aufnehmt, der aus dem Osten kommt. Dann schicken wir euch eben Leute aus dem Osten. Für mich war das schon eine Enttäuschung, von wegen „Hoch die internationale Solidarität“.

Und wie ging es dann in Westdeutschland weiter?

Wir wurden aufgeteilt. Ich kam erst nach Paderborn, dann nach Solingen. Da war ich dann mit zwanzig weiteren Männern in einem Wohnheim. Wir durften nichts – nicht arbeiten, nicht Deutsch lernen, nicht einmal in die nächste Stadt fahren. Zum Glück gab es dort einen Iraner, der schon Deutsch konnte. Der hat uns dann in Eigenregie unterrichtet.

Sonst gab es nichts zu tun?

Ich habe dann heimlich als Gasthörer eine Berufsschule besucht. Das haben mir politisch engagierte Deutsche vermittelt. Nach zwei Jahren habe ich endlich mein dauerhaftes Bleiberecht bekommen. Da konnte ich dann auch ganz offiziell einen Abschluss machen. Dann konnte ich als Maschinenschlosser und Industriemechaniker arbeiten.

Und die Kunst?

Nebenbei habe ich in einer Theatergruppe gespielt. Für mich war die kulturelle und soziale Arbeit auch immer ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Damit konnte ich viele meiner Albträume, aber auch meine Vergangenheit verarbeiten. Ich habe jahrelang Albträume gehabt, habe sie manchmal heute noch. Aber die Kunst hilft. Das merke ich auch, wenn ich hier im Atelier mit Kindern arbeite. Da muss ich gar nichts mehr fragen, beim Werken kommt alles ans Licht und sie fangen ganz von alleine an zu erzählen.

Vor der Sozialarbeit und der Kunst landeten Sie aber noch in einem ganz anderen Bereich.

Ich habe eine ganze Weile als Werkzeugmacher gearbeitet. Irgendwann bin ich dann allerdings in einer Firma gelandet, die unter anderem für die Rüstungsindustrie Formen hergestellt hat. Als ich das begriff, musste ich kündigen. Ich konnte das nicht mit meinem Gewissen vereinbaren.

Von der Rüstungsindustrie in die Sozialarbeit ist es ein langer Weg. Wie kam das?

Nach meiner Enttäuschung als Werkzeugmacher in der Rüstungsindustrie hatte ich mir in den Kopf gesetzt zu studieren. Deshalb kam ich nach Hannover. Um Maschinenbau zu studieren, um später im Bereich Umwelttechnologie zu arbeiten! Dazu musste ich aber erst ein Studienkolleg absolvieren. Da bin ich dann mit einem rechten Prof aneinandergeraten, der mir die Abschlussprüfung versaut hat. Ich habe versucht, dagegen vorzugehen, aber da war nichts zu machen. Dann habe ich angefangen, Soziale Arbeit zu studieren. Gleichzeitig war ich Vater geworden und musste viel arbeiten. Ich habe morgens vor der Uni schon bei DPD Laster ausgeladen.

Hat das Studium denn gehalten, was es versprach oder gab es da auch Enttäuschungen?

Dieses Studium war genau das, was ich brauchte. Es hat mir geholfen, die zahlreichen Schocks in meinem Leben zu verarbeiten. Die Revolution, der Tod meines Vaters, der Krieg, das Visum, plötzlich Vater sein – ich bin gerne Vater und ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu meinem Sohn, bitte nicht falsch verstehen – aber auch das war ein Schock. Und das musste irgendwie bearbeitet werden. Das habe ich gelernt. Das versuche ich weiterzugeben. Egal, ob in der Arbeit mit Kindern in der Familienhilfe oder der Schulbegleitung oder hier im Atelier.

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