Ein Gespräch über das Weggehen

Von Libyen nach Steglitz

Ayman M. reiste für einen unserer Workshops nach Berlin, als schwuler Mann konnte er nicht mehr in seine Heimat zurück.

Screenshot: google Maps

taz: Sie haben im Juni am ersten taz Panter Workshop für JournalistInnen aus Afrika teilgenommen. Danach sind Sie aber in Deutschland geblieben und haben Asyl beantragt. Warum?

Ayman M.: Ich stamme aus Benghazi in Libyen und habe dort für die Zeitung Libya Herald gearbeitet. In Benghazi gab es ab 2014 heftige Kämpfe zwischen der Regierungsarmee und den islamistischen Milizen Revolutionärer Schura-Rat sowie dem libyschen IS-Ableger Wilayat Barqa.

Ich bin homosexuell und habe als Journalist auch darüber berichtet, wie das Leben für LGBTQI unter der Bedrohung des IS verändert hat. Meine Recherchen dazu wurden unter anderem von der Los Angeles Times veröffentlicht. Zwar wurde Wilayat Barqa Anfang 2017 aus Benghazi vertrieben, der Schura-Rat allerdings blieb. Und auch die säkularen Milizen, die langsam die Kontrolle über die Stadt übernahmen, sind wenig LGBTQI-freundlich. Ich hatte Libyen bereits im Mai verlassen, um das Visum für meinen Aufenthalt in Deutschland in Tunesien zu beantragen und in Empfang zu nehmen. Während meiner Abwesenheit gab es viele Bedrohungen. Ein Freund hat mir geschrieben, nach mir werde gesucht.

Wer suchte nach Ihnen?

Sicherheitsleute, Milizen.

War das ein neues Problem?

Nein. Bevor ich Libyen verließ, gab es das Problem auch schon. 2014 etwa wurde auf mein Auto geschossen. Allerdings hatte ich deshalb zu LGBTQI-Themen unter Pseudonym geschrieben.

Sie sind in sehr kurzer Zeit in Deutschland als Flüchtling anerkannt worden. Wie ist das abgelaufen?

Nach dem Workshop habe ich mir in Berlin-Steglitz ein Zimmer gemietet und Menschen aus der Berliner LGBTQI-Community angesprochen. Von denen habe ich viel Unterstützung bekommen. Sie haben mir auch einen Anwalt vermittelt. Ich habe alle Dokumente zusammengesucht und mich im Juli als Asylsuchender registrieren lassen. Mir wurden Fingerabdrücke abgenommen, ich wurde fotografiert, von einem Arzt untersucht, bekam einen Flüchtlingsausweis und ein Zimmer in einer Asylunterkunft. Im August hatte ich meinen Anhörungstermin beim Bundesamt. Mein Anwalt begleitete mich Der Termin dauerte von 9 bis 18 Uhr, ich konnte Arabisch sprechen. Ich wollte keinen Mann als Dolmetscher, die sind oft feindselig gegenüber LBTQIs. Frauen sind da offener. Nach zehn Tagen kam der Bescheid. Ich konnte darauf sehen, dass der Antrag bereits am Tag nach der Anhörung entschieden worden war. Ich darf zunächst drei Jahre bleiben.

Haben Sie Kontakt zu Ihrer Familie?

Ja. Aber meine Familie weiß nicht, dass ich Asyl beantragt habe. Die Menschen in Benghazi sind sehr konservativ. Ich habe ihnen gesagt, dass ich hier Arbeit bekommen habe und studiere.

Wie verläuft Ihr Leben im Moment?

Ich wohne weiter in meiner Wohnung in Steglitz. Im Oktober begann mein Deutschkurs in der Hartnackschule, jeden Tag vier Stunden. Ich bekomme vom Sozialamt 408 Euro plus die Miete, Krankenkasse und die Kosten für den Deutschkurs. Wenn ich fertig bin, möchte ich hier eine Ausbildung machen und als Sozialarbeiter arbeiten.

Die Fragen stellte Christian Jakob, Redakteur der taz