Die Wahrheit: Schönling ans Messer geliefert

„SoKo Heidefieber“. Ein Überregional-Krimi (Folge 16). Heute: Ein Ermittler nutzt die Sonderkommission als Goldesel.

Die karge Heide.

Triefte die Heide tatsächlich vom Blut der Gemetzelten, wäre sie nicht so immergrün Foto: blickwinkel/imago

(Was bisher geschah: Die Kommissare Fischer und Gerold sehen einen „Brennpunkt“ zu der Mordserie und dem Shitstorm.)

Ein Kommentator behauptete, daß sich „ganz Deutschland im Schockzustand“ befinde. Die Fischerin wollte schon umschalten, weil sie das Gequatsche nicht mehr aushielt, doch dann sagte der Anchorman: „Zugeschaltet wird uns jetzt live aus Hannover der Schriftsteller Frank Schulz, der vor einer Sonderkommission der Polizei gesagt haben soll, daß die Autoren deutscher Kriminalromane einer Mafia angehörten und daß die Morde an einigen von ihnen nichts weiter seien als eine Art angewandter Literaturkritik. Guten Abend, Herr Schulz.“

Auf dem Bildschirm erschien der Kopf von Frank Schulz, der in eine falsche Richtung blickte.

„Herr Schulz, was werfen Sie den Verfassern deutschsprachiger Regionalkrimis denn eigentlich vor? Ganz konkret?“

„Rein gar nichts!“, sagte Schulz. Jetzt hatte er die richtige Kamera im Auge. „Das ist alles nur ein albernes Mißverständnis! Gegenüber der Polizei hab ich gesagt, daß es zynisch wäre, diese Morde als ‚angewandte Literaturkritik‘ zu bezeichnen. Deswegen ist es ja auch geradezu lächerlich, mich als jemanden hinzustellen, der hier irgendwas verharmlost! Ich verachte den Mörder, der das getan hat, und ich hoffe, daß er geschnappt und streng bestraft wird!“

„Und inwiefern bilden die Autoren deutscher Regionalkrimis für Sie eine Mafia?“

Gerhard Henschel: „SoKo Heidefieber“. Ein Überregionalkrimi. Hoffmann und Campe Verlag. 288 Seiten, 16 Euro. Das Buch erscheint am 6. Mai 2020. © 2020 Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg

„Herrgott, das hab ich doch nicht ernst gemeint! Sonst müßt ich doch ’ne Schacke haben. Die sind alle schwer in Ordnung! Meine Absicht war einzig und allein die, der Polizei einen kleinen Dienst zu erweisen. Auf deren Bitte hin, wohlgemerkt! Aber da meine Äußerungen falsch verstanden worden sind, möchte ich mich hier gern in aller Form entschuldigen …“

„Und wie hoch ist das Honorar, das Sie für Ihre Schmährede kassiert haben?“ – „Wie oft soll ich’s denn noch sagen? Das war keine Schmährede!“

„Sie weichen aus. Wie hoch war Ihr Honorar?“

„Hundertfünfzig Euro. Und die hab ich gespendet. Und zwar an die Hilfsorganisation Weißer Ring, einen gemeinnützigen Verein zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern. Hier ist die Spendenquittung!“ Er hielt sie in die Höhe.

„Sie haben sich Ihre Spende also quittieren lassen, damit Sie das Geld von der Steuer absetzen können?“

Darauf fiel Schulz so schnell keine Antwort ein, aber sein gequälter Gesichtsausdruck sprach Bände.

„Soll ich die Frage wiederholen?“

„Das müssen Sie nicht“, sagte Schulz. „Sie können mir glauben, daß ich das Geld nicht gespendet habe, um mich zu bereichern. Das kann ich sogar beweisen. Hier, sehen Sie?“

Er riß die Quittung entzwei und warf die beiden Hälften fort. Eine nach links und eine nach rechts. „Jetzt zufrieden?“

„Was soll dieser symbolische Akt bezwecken, Herr Schulz? Wollen Sie damit den Kriminalitätsopfern Ihre Verachtung zeigen?“

Gerold stöhnte auf und rief: „Können die denn den armen Kerl nicht endlich in Ruhe lassen?“

„Zum letzten Mal“, sagte Schulz. „Ich versichere hiermit hoch und heilig, daß ich niemanden verächtlich machen oder beleidigen oder verletzen will. Wenn ich das trotzdem getan haben sollte, tut es mir von ganzem Herzen leid. Auf Wiedersehen.“

„Wir hätten aber noch ein paar Fragen mehr!“

Er habe „alles gesagt“, murmelte Schulz, stand auf und ging aus dem Bild.

Der Anchorman zog die Brauen hoch und wandte sich wieder den Zuschauern zu. „Ja, meine Damen und Herren, Sie haben selbst gesehen, daß der Schriftsteller Frank Schulz zu impulsiven Handlungen neigt. Dafür ist unser nächster Gast aber jemand, der das Licht der Öffentlichkeit nicht zu scheuen braucht. Ich begrüße hier bei uns im Studio den Schriftsteller Waldemar König!“

„Madonna mia cara!“ entfuhr es der Fischerin. „Nicht schon wieder diese Krücke!“ Sie stellte den Fernseher aus. „Laß uns lieber Musik hören. Irgendwas Stimmungsvolles …“

„Meine Schwester besitzt sogar noch Vinylplatten“, sagte Gerold. „Vielleicht ist ja was Passendes dabei. Was verstehst du denn unter stimmungsvoll? Richard Wagner? Oder eher Dixieland?“

„Um Gottes willen! Nein, ich meine was Dezentes …“

Während Gerold eine Platte von Leon Redbone auflegte und die Gläser wieder auffüllte, massierte Ute sich die Füße und gähnte, bis ihr die Ohren knackten. Was für ein Tag!

Sie hatte nicht vor, Gerold zu verführen oder sich von ihm verführen zu lassen, aber als er neben ihr auf das Couchpolster sank, legte sie probehalber den Kopf an seine Schulter. Und Leon Redbone sang dazu mit seiner einschmeichelnden Kettenraucherstimme.

I like lazy weather, I like lazy days, / Can’t be blamed for having lazy ways …

„Wenn du keine plausiblen Einwände dagegen erhebst, werde ich dann mal den Arm um dich legen“, sagte Gerold.

„Ich bitte darum“, sagte Ute und schmiegte sich enger an ihn. – „Vorher müßte ich mich nur noch einmal kurz vorbeugen, um aus meinem Glas zu trinken. Wenn du erlaubst.“

„Tu das.“

Er tat es. Dann legte er den Arm um sie, und Leon Redbone croonte:

Up a lazy river, how happy you could be / Up a lazy river with me …

Der Bote vom Pizza-Service mußte zehnmal schellen, bis in der Villa in Bad Soden endlich jemand an die Tür kam. Ein halbnackter Mann mit zerstrubbelter Frisur, der ihm einen Hunderter zusteckte und sagte: „Stimmt so. Keine Zeit zum Wechseln! Danke!“

***

Erwin Zapp rieb sich die Hände. Den Schönling Frank Schulz hatte er nur allzu gern ans Messer geliefert und ein angemessenes Informationshonorar dafür eingestrichen. Diese SoKo war der reinste Goldesel. Und wenn die Kommissarinnen Fischer und Schubert sich nicht bald etwas gefälliger zeigten, würde er auch die eine oder andere interne Äußerung von ihnen durchsickern lassen und sie in klingende Münze verwandeln. Diese Weiber würden ihn noch darum anwinseln, daß er Gnade vor Recht ergehen ließ!

(Fortsetzung und letzte Folge am Samstag. Folge verpasst? Alle bisherigen unter taz.de/wahrheit)

Gerhard Henschel: „SoKo Heidefieber“. Ein Überregionalkrimi. Hoffmann und Campe Verlag. 288 Seiten, 16 Euro. Das Buch erscheint am 6. Mai 2020. © 2020 Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg

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