Die Wahrheit: Der abgehackte Kopf in der Flasche

„SoKo Heidefieber“. Ein Überregional-Krimi (Folge 8). Heute: Die Mordserie dringt bis in einen baden-württembergischen Jacuzzi vor.

Ein Haus

Die Heide gebar das Unheil, dem die Schnucken die kalte Schulter zeigten Foto: Imagebroker/imago

(Was bisher geschah: In der Lüneburger Heide, im Westerwald und auf Spiekeroog werden Krimiautoren getötet. Inzwischen dämmert es den Ermittlern: Sie jagen einen Serienmörder.)

Am Hafen von Neuharlingersiel roch es nach Seetang und Meersalz, aber das nahm Fritjof Haferland kaum noch wahr, denn danach roch er selbst, und mit seinem Geruchssinn war es nicht mehr weit her, seit er hoch in den Siebzigern stand. Auch sein Gehör hatte gelitten, doch die Augen und die Beine waren noch intakt.

Nach fast sechzig Arbeitsjahren als Fischer versah er zweimal in der Woche vormittags seinen Dienst als Wärter des Buddelschiffmuseums in Neuharlingersiel. Dank einiger Fernsehbeiträge hatte es überregionale Bekanntheit erlangt, und er wies die Besucher immer wieder gern auf die schönsten Modelle hin: Thor Heyerdahls Floß „Kon-Tiki“, ein Nilschiff mit Zweibeinmast, eine chinesische Dschunke, die sinkende „Titanic“ und ein Atom-U-Boot.

An diesem etwas windigen und regnerischen Vormittag war nicht mit vielen Leuten zu rechnen. Haferland nahm auf einem Stuhl neben der Eingangstür Platz und holte aus seiner Aktentasche eine Zeitschrift heraus, die den Titel Rätsel mit Pfiff trug. Ein Geschenk seiner Großnichte Paula aus Ziallerns.

Südwind am Gardasee mit drei Buchstaben? Besser anderswo ansetzen, sagte sich Haferland. Zugmaschine am Verschiebebahnhof mit zehn Buchstaben? Woher sollte er das wissen? Er suchte sich ein anderes Kreuzworträtsel aus. Erkrankung am Pferdefuß mit fünf Buchstaben? Ja, waren die denn gaga, diese Rätselmacher?

Den Polizeibeamten sagte Haferland später, daß er das Heft nach einer Viertelstunde weggelegt und einen Rundgang durch das kleine Museum unternommen habe, um nachzusehen, ob irgendwo Staub gewischt werden müsse. Und dann habe er die Flasche mit dem Schädel von Hobbe Hubertus Schepker erblickt. An der Stelle, wo sonst die chinesische Dschunke gestanden habe. „Un ick dach’, mi draapt de Slag! Daar stunn ick tomaal de Mann tegenöver! Of beter geseggt, sien Kopp! Oog in Oog!“

***

„Ja … ja … ja … verstehe … was? Das kann doch wohl nicht sein! … Aha … ja … ja … und wie soll das funktioniert haben? … Verstehe … gut … ja … tun Sie das … nein, wir stochern hier noch im Nebel … ja … danke …“

Kommissar Gerold legte auf, glotzte Löcher in die Luft und ließ die Unterlippe hängen.

„Bad news?“ fragte Kommissarin Fischer. Er sah sie an. „Das können Sie laut sagen. Unser Mann hat wieder zugeschlagen. Falls es wirklich unser Mann ist.“

„Und wo?“

„In einem Kaff an der Nordseeküste. Hat einem Krimischreiber aus Jever den Kopf abgehackt und ihn in einem Buddelschiffmuseum ausgestellt. In einer Glasflasche. Und die Kollegen fragen sich, wie er den Schädel da reingekriegt hat.“

„Und?“

„Zur Stunde ist die einzige Erklärung die, daß er ein Glasbläser ist und das Flaschenglas um den Schädel herumgeblasen hat.“

„Schwachsinn“, sagte Kommissarin Fischer. „Wie soll denn das gehen?“

Zum erstenmal fiel ihr jetzt auf, daß sich unter Gerolds Augen Tränensäcke bildeten. Die Vorboten des Alters. Noch recht unscheinbar, denn er war ja erst Anfang vierzig, aber hey, noch fünfzehn oder zwanzig Jahre, und sie hätten das Format von Adidas-Umhängetaschen. Doch im Embryonalstadium standen sie ihm gar nicht so schlecht.

„Das ist alles noch unklar“, sagte Gerold. „Die Flasche und der Schädel werden jetzt von der KTU untersucht. Wenn hier tatsächlich ein Serienmörder am Werk ist, dann hat er mehr drauf als Jack the Ripper, Fantomas und David Copperfield zusammen. Was aber nicht heißt, daß wir ihn nicht drankriegen können …“

***

Der Zellersee in der baden-württembergischen Gemeinde Kißlegg im Landkreis Ravensburg war an und für sich eine gute Wahl als Kulisse für seine Kriminalromane gewesen, denn auf den Zellersee und dessen Umgebung war zuvor noch niemand verfallen, und es hatten sich viele Titel angeboten: „Zellerseemord“, „Zellerseeblut“, „Zellerseegift“ und „Zellerseetod“. Drei davon hatte Justus Weindl bereits verbraucht, als er nach einem Ohnmachtsanfall mit gefesselten Händen und Beinen wieder zu Bewußtsein kam und sich in Erinnerung rief, was vorgefallen war: Er hatte einem Paketboten die Tür geöffnet und war k. o. geschlagen worden. Und nun lag er hier in seinem Jacuzzi. Nackt, gefesselt und mit schweren Fußkugeln zur Unbeweglichkeit verurteilt.

„Wollet Sie mai Geld?“ fragte er den Einbrecher, der aus dem Nebenraum auf einer Sackkarre ein großes graues Objekt hereinschob. Was war das? Ein Bierfaß?

„I hon vill Geld gbunkerd!“ rief Weindl. „Damit könndet Sie sich einen schöna Lebensabend uf Ibiza macha! Wäre des ned schee?“

Der Einbrecher hatte es jedoch weder auf Geld noch auf Wertgegenstände abgesehen. Er stellte das Faß ab und rollte die Sackkarre wieder hinaus.

Bei der jähen Erkenntnis, mit wem er es hier zu schaffen hatte, hielt Weindl den Atem an, und seine Hoden zogen sich in Richtung Beckenraum zurück. Natürlich! Er hatte die Nachrichten verfolgt. Er wußte, daß ein Mörder umging, der die Verfasser von Regionalkrimis umbrachte. Nach den Methoden, die sie selbst in ihren Krimis beschrieben hatten. Und in seinem Roman „Zellerseeblut“ hatte Weindl detailliert geschildert, wie der gefesselte und mit zwei jeweils fünfzig Kilogramm schweren Fußkugeln versehene Musikproduzent Ludwig Steinmaier in einem Jacuzzi in seinem Eigenheim in der Sebastian-Kneipp-Straße am Zellersee zu Tode gekommen war.

(Fortsetzung morgen. Folge verpasst? Alle bisherigen Kapitel unter taz.de/wahrheit)

Gerhard Henschel: „SoKo Heidefieber“. Ein Überregionalkrimi. Hoffmann und Campe Verlag. 288 Seiten, 16 Euro. Das Buch erscheint am 6. Mai 2020. © 2020 Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg

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