Die Wahrheit: Kotzbrocken mit Bart

„SoKo Heidefieber“. Ein Überregional-Krimi (Folge 5). Heute: Ein verdächtiger Puffgänger wird von den Kommissaren in die Mangel genommen.

Männliche Heidschnucke

Nur die Schnucken bleiben von der Mordserie verschont Foto: Imago-images/blickwinkel

(Was bisher geschah: Nach dem grausamen Mord an dem Kriminalschriftsteller Armin Breddeloh verhören die Kommissare Fischer und Gerold erste Verdächtige und kommen sich bei ihren Dienstfahrten durch die Heide zumindest gedanklich näher.)

Am Rande von Schneverdingen bewohnte Waldemar König, 48, ein „Nurdachhaus“, das so hieß, weil es keine Seitenwände hatte, und er servierte seinen Besuchern Fencheltee in selbstgetöpferten Keramiktassen. Das alles hätte schon genügt, um Kommissar Gerolds Stimmung zu dämpfen, aber König trug außerdem einen Schnurrbart zur Schau, der waffenscheinpflichtig zu sein schien: ein beidseitig in eine neunfache Spiralform gezwirbeltes Ding, das starke Zweifel an der Intelligenz seines Besitzers nährte.

„Kannten Sie Breddeloh persönlich?“ fragte Kommissarin Fischer.

„Nein“, sagte König, und Kommissar Gerold sah angewidert zu, wie der Befragte ein Schlückchen Fencheltee schlipperte und es dabei sorgfältig vermied, seine Barthaare zu benetzen.

„Haben Sie denn mal ein Buch von ihm gelesen?“

„Ja. Diesen Fehler habe ich jedoch nur ein einziges Mal begangen. Über Breddelohs Charakter steht mir kein Urteil zu, aber als Autor ist er ein Stümper gewesen.“

„Und wo waren Sie in der Tatnacht?“ fragte Kommissar Gerold. „Zwischen zehn Uhr abends und drei Uhr morgens?“

Gerhard Henschel: „SoKo Heidefieber“. Ein Überregionalkrimi. Hoffmann und Campe Verlag. 288 Seiten, 16 Euro. Das Buch erscheint am 6. Mai 2020. © 2020 Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg

„In einem Puff in Soltau“, sagte König und lächelte. Vielleicht aus stiller Freude über die Verblüffung, die seine Antwort ausgelöst hatte, vielleicht aber auch nur wegen der süßen Erinnerung an seine Erlebnisse in der Soltauer Lustoase. „Dort hat man mich schon um zwanzig Uhr willkommen geheißen, und wenn mein Gedächtnis mich nicht trügt, bin ich erst um fünf Uhr morgens wieder gegangen. Das können Mandy, Pamela, Daisy und Coco bezeugen.“ Er zückte ein Kärtchen und reichte es Kommissar Gerold. „Hier finden Sie alle notwendigen Angaben, was diesen kleinen, exklusiven Club betrifft. Sie können die Damen von mir grüßen. Doch ich warne Sie: Die Tarife, die man dort verlangt, liegen ein paar Zentimeter oberhalb Ihrer Gehaltsstufe …“

Das Lächeln, das Königs Lippen unterhalb seiner Bartgirlanden umspielte, wurde breiter, aber Kommissar Gerold blieb bei der Sache. „Wir werden das überprüfen. Und lassen Sie uns nochmal auf Ihr Verhältnis zu Armin Breddeloh zurückkommen. Seine Krimis sind größere Verkaufsschlager als Ihre eigenen. Sehe ich das richtig?“

Wenn König sich von dieser Bemerkung vor den Kopf gestoßen fühlte, wußte er es gut zu verbergen. Es sei ihm begreiflich, sagte er, daß ein schlichtes Polizistengehirn ihn für den Mörder halte und ihm als Motiv den Neid auf Breddelohs Bestseller unterschieben wolle. „Sehen Sie sich doch mal das Ranking bei Amazon an. Im Hinblick auf Armin Breddelohs Buchverkäufe ist seine Ermordung der größte Glücksfall seines Lebens. Bei den Krimis steht sein neuer Roman jetzt auf dem ersten Platz, und Sie dürfen mir glauben, daß ich keinen Finger gerührt hätte, um irgend etwas zu diesem Hype beizutragen. Haben Sie sonst noch Fragen?“

***

„Dieser ekelhafte, selbstgefällige, fenchelteeschlabbernde Hurenbock mit seinem Kotzbrockenbart!“ schrie Kommissarin Fischer, als sie neben Kommissar Gerold wieder im Wagen saß. „Wieso haben wir den nicht gleich in Beugehaft genommen? Wenn ich den mal als Falschparker erwischen sollte, dann gnade ihm Gott!“ Kommissar Gerold unterbrach sie nicht. Er aß ein Snickers, schaute aus dem Fenster und wartete das Ende des Wutausbruchs ab.

Doch sie war noch lange nicht fertig. „Glaubt dieser Pestfetzen im Ernst, daß er was Besseres ist als Armin Breddeloh? Und daß er mit seinem Heidegrabschändermüll den Literaturnobelpreis abgreifen kann? Und was sollte das anzügliche Geläster über Ihre Gehaltsstufe? Darauf ist er wohl auch noch stolz, dieser miese, eingebildete, vernagelte und arrogante Schmierlappen, der sich heute abend wahrscheinlich wieder in Soltau gesundstößt! He leeft as ’n Graf un geiht in Samt un Siede, aver fründelk is he as ’n Arm vull Slangen!“

„Stammen Sie aus Ostfriesland?“

„Jau!“

„Eigentlich schade, daß Sie Herrn König das alles nicht ins Gesicht gesagt haben.“

„Dat haar ick man daun sullt…“

„Fertig?“

„Weet ick noch neet.“

„Statt zu schimpfen, sollten Sie lieber ein stilles Gebet sprechen und den lieben Gott darum bitten, daß Königs Alibi wasserdicht ist. Oder würden Sie ihn gern ein zweites Mal verhören?“

„Das nicht. Aber Handschellen würde ich ihm schon gern anlegen.“

(Fortsetzung morgen. Folge verpasst? Alle bisherigen Kapitel unter taz.de/wahrheit)

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