Die Wahrheit: Die Leiche mit den Glasaugen

„SoKo Heidefieber“. Ein Überregional-Krimi (Folge 3). Heute: Die Kommissare Fischer und Gerold ermitteln im seltsamen Literaturmilieu

Scheinbar idyllisch geht es in der Heide zu. Foto: Imago

(Was bisher geschah: Der Kriminalschriftsteller Armin Breddeloh verlässt die Buchhandlung Patz in Bad Bevensen, kommt jedoch nie zu Hause an. Kurze Zeit später findet ein Ehepaar aus Klein Bünstorf eine Leiche.)

Angesichts der obduzierten Leiche aus dem Nixengrund fiel es dem Pathologen Dr. Hans-Werner Büthers nicht leicht, die richtigen Worte zu finden. Armin Breddeloh, sagte er, sei durch Strangulation zu Tode gekommen. „Die Gewalteinwirkung auf das Zungenbein und das Kehlkopfgerüst ist unübersehbar. Insofern ist das alles nicht ungewöhnlich. Aber womit Sie sich noch beschäftigen müssen, ist der Fakt … ich meine, der Umstand …“

„Machen Sie’s nicht so spannend“, sagte Kommissar Gerold. Er saß wie auf heißen Kohlen, denn er hätte seinen Sohn Fabian schon längst aus dem Kegelverein abholen müssen. Noch drei Sekunden länger und er hätte gesagt: „Spucken Sie’s aus, Doc!“

„Um es kurz zu machen“, sagte Dr. Büthers, „verhält es sich so: Die in der Nähe des Fundorts der Leiche geborgenen Augäpfel sind dem Opfer mit einem Instrument unbekannter Bauart entnommen worden, und dann hat man ihm zwei Glasaugen eingesetzt.“

„Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“

„Nein. Diese Leiche hat zwei Glasaugen.“

„Und die hat ihr der Mörder eingepflanzt?“

„Entweder der oder eine andere Person.“

„Vor oder nach dem Mord?“

„Post mortem. Also danach.“

Gerold atmete tief ein. Und wieder aus.

„Gibt’s auch irgendwelche guten Nachrichten? Verwertbare Spuren zum Beispiel?“

„Bisher nicht. Der Täter muß einen Weltraumanzug getragen haben. Anders kann ich mir das nicht erklären. Aber der Todeszeitpunkt läßt sich jetzt eingrenzen: zwischen Donnerstagabend um neun und Freitagmorgen um drei.“

Immerhin etwas, dachte Gerold und rief Kommissarin Fischer an. „Sie werden mir nicht glauben, wenn ich Ihnen erzähle, was sich bei der Obduktion ergeben hat …“

Weder in Breddelohs Gemächern noch auf seiner Festplatte stießen die Beamten auf weiterführende Anhaltspunkte. Fündig wurde Kommissarin Fischer ganz woanders, und sie eilte in Kommissar Gerolds Büro. „Chef? Ich hab hier was …“

„Seien Sie doch bitte so nett, mich nicht mehr ‚Chef‘ zu nennen“, sagte er.

„Mein Name ist Gerold. Vorname Gerold, Nachname Gerold. Gerold Gerold.“

„Im Ernst? Also, ich heiße Ute. Wie Sie ja schon wissen. Angenehm. Aber ich heiße nicht Ute Ute, sondern Ute Fischer. Wie Sie ebenfalls schon wissen. Und wir kennen uns zwar erst seit vierzehn Tagen, aber in Zukunft werde ich Sie mit Gerold ansprechen, Chef.“

„Und was haben Sie?“

„Ich hab Breddelohs Roman ‚Heidefieber‘ gelesen. Da wird ein Mordopfer im Nixengrund in Bad Bevensen aufgefunden. Mit zwei Glasaugen, die der Mörder der Leiche eingesetzt hat.“

O Himmel, dachte Gerold. Was ist das für eine kranke Scheiße? Im Beisein von Detlev Patz sahen Kommissar Gerold und Kommissarin Fischer sich das Video von Armin Breddelohs letzter Lesung an. Die Überwachungskamera hatte alles aufgezeichnet.

„Wer ist denn dieser Meckerpott in dem grünen Jackett?“ fragte Gerold.

Patz zuckte die Achseln. „So ’n Journalist aus Lüneburg, glaub ich. Der war ab und zu schon mal hier. Alwin Peters oder so. Haben Sie den etwa im Verdacht?“

„Das lassen Sie mal unsere Sorge sein“, sagte Kommissarin Fischer. „Ist Ihnen an dem Abend hier was aufgefallen, das uns weiterhelfen könnte?“

Da müsse er passen, sagte Patz. „Es war alles wie immer. Von den Leuten, die hier gelesen haben, ist vorher noch nie einer umgebracht worden, und soweit ich weiß, ist von unseren Kunden auch noch nie einer auf einem Steckbrief aufgetaucht …“

„Spulen Sie mal vor“, sagte Gerold. „Bis zu der Stelle, wo dieser Grünspecht Ihren Laden verläßt.“

Das war um 21.57 Uhr gewesen. Zwanzig Minuten nach Armin Breddelohs Abgang.

„Dann sollten wir jetzt vielleicht doch diesem Peters auf den Zahn fühlen“, sagte Gerold und reckte seine ansehnlichen Schultern. Dabei blieb sein Blick an einem Tisch mit Kriminalromanen hängen: „Heidegrab“, „Heideglut“, „Heidezorn“, „Heidefluch“, „Heidefleisch“, „Eisheide“, „Mordheide“, „Blutheide“, „Killerheide“ … Er griff eines der Bücher heraus, schlug es auf und las die Sätze: Der Mörder schlug den Mantelkragen hoch und stapfte durch den Schafkot zur Bushaltestelle. Irgendwo bellte ein Hund.

„Verkaufen Sie viele von diesen Heidekrimis?“ fragte Gerold. Patz nickte. „Hunderte.“ – „Und wie viele Breddelohs haben Sie im letzten Quartal verkauft?“

„Jedenfalls mehr als die von seinem schärfsten Konkurrenten Waldemar König aus Schneverdingen. Der schreibt auch nur lauter Heidekrimis. Für die haben wir einen eigenen Tisch eingerichtet. Wollen Sie mal sehen?“

Es lagen dort Bücher mit Titeln wie „Die zersägte Äbtissin“, „Die Heidegrabschänder“ und „Die Blutmühle von Barum“ aus.

„Das scheint ja ein einträgliches Marktsegment zu sein“, sagte Kommissarin Fischer.

„Segment?“ Detlev Patz lachte so trocken auf, wie er konnte.

„Das ist kein Segment! Die Kunden kaufen praktisch überhaupt keine anderen Bücher mehr! Versuchen Sie mal, denen was von Goethe oder Arno Schmidt schmackhaft zu machen!“

Kommissar Gerold sah ihn groß an. „Arno wer?“

„Arno Schmidt“, sagte Patz. „Der hat auch in der Lüneburger Heide gewohnt. Aber nicht, daß Sie den jetzt auch noch verdächtigen. Arno Schmidt ist schon 1979 gestorben.“

Kommissarin Fischer empfing einen Anruf und sagte dann: „Chef? Ich meine, Gerold?“

„Ja?“

„Neuigkeiten. Wir haben Breddelohs Wagen. Leider ausgebrannt. Auf einem Acker zwischen Becklingen und Bostelwiebeck.“

„Zwischen wo?“

„Zwischen Becklingen und Bostelwiebeck.“

„Sie sehen mich so an, als ob Sie sich vorstellen könnten, daß ich einen Schimmer davon hätte, wo das ist, meine liebe Frau Fischerin, aber da irren Sie sich! Ich bin selbst erst vor drei Jahren in diese entlegene Gegend gezogen …“

***

Bevor sie losfuhren, um Alwin Peters zu verhören, drückte Kommissarin Fischer ihrem Chef im Auto Armin Breddelohs Roman „Heidefieber“ in die Hände. Auf Seite 204 stand: Mit einem Schuhlöffel klaubte Lamborghini-Uwe dem Posaunisten das rechte Auge heraus. „Haben Sie doch Erbarmen“, wimmerte der Musiker. „Ich bin ein Vater von drei Kindern!“

„Nein, von drei Halbwaisen“, sagte Lamborghini-Uwe und riß ihm auch das andere Auge heraus. Dann setzte er ihm mit einer Spezialzange zwei Glasaugen ein und schnitt ihm die Kehle durch. Weil er das cool fand. Und weil er die Bullen damit schocken wollte.

„Adieu, Monsieur“, sagte er und warf den Toten in den Nixengrund. Es stiegen drei, vier Wasserblasen auf, und dann versank die Leiche im Morast.

(Fortsetzung morgen. Folge verpasst? Alle bisherigen Kapitel unter taz.de/wahrheit.)

Gerhard Henschel: „SoKo Heidefieber“. Ein Überregionalkrimi. Hoffmann und Campe Verlag. 288 Seiten, 16 Euro. Das Buch erscheint am 6. Mai 2020. © 2020 Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg

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