Die Wahrheit: Von Würmern belutschte Augäpfel

„SoKo Heidefieber“. Ein Überregional-Krimi (Folge 2). Heute: Ein Kriminalschriftsteller wird von Buchhandlungskunden gedemütigt.

Trügerisch unschuldig liegt die Heide da Foto: Imagebroker/Imago

(Was bisher geschah: Der Kriminalschriftsteller Armin Breddeloh liest in der Buchhandlung Patz in Bad Bevensen aus seinem brandneuen, sehr mordlustigen Regionalkrimi „Heidefieber“.)

Detlev Patz erhob sich. „Vielen Dank, Herr Breddeloh, für diesen schaurigen Einblick in die Unterwelt von Bad Bevensen, in der es offenkundig gefährlicher zugeht, als die Polizei erlaubt! Und vielen Dank auch Ihnen, meine Damen und Herren, daß Sie so zahlreich erschienen sind. Gestatten Sie mir noch den Hinweis auf die nächste Veranstaltung: Am Freitagabend nächster Woche wird der renommierte Hamburger Schriftsteller Frank Schulz hier bei uns aus seinem Kriminalroman ‚Onno Viets und der Irre vom Kiez‘ lesen. Beehren Sie uns dann bitte wieder! Und bevor ich gleich das kleine Büfett eröffne, das wir für Sie angerichtet haben, wird Herr Breddeloh gewiß gern einige Bücher signieren. Oder möchten Sie vorher vielleicht noch die eine oder andere Frage an ihn richten? Ja? Der Herr dort hinten in dem grünen Jackett?“

Ein Mittfünfziger stand auf und sagte: „Herr Breddeloh, in dem Abschnitt, den Sie heute vorgelesen haben, kommt zweimal die Formulierung ‚einen Moment lang‘ vor. Ist das Absicht oder Einfallslosigkeit?“

Breddeloh lief rot an. „Sie scheinen zu glauben, daß Sie meine Romane besser schreiben könnten als ich selbst“, erwiderte er. „Aber das Urteil über meine literarischen Fähigkeiten können Sie getrost meinen Leserinnen und Lesern überlassen!“

Dafür gab es abermals Beifall, und als Breddeloh die Bücher signierte, bekam er viele Komplimente zu hören. „Sie haben so eine samtige Stimme“, sagte eine freundliche ältere Dame, die sich auf ihren Rollator stützte. „Machen Sie auch Hörbücher, Herr Breddeloh?“ Ein junger Mann teilte ihm mit, daß er niemals etwas Geileres gelesen habe als die Schilderung des Amoklaufs in der Fritz-Reuter-Schule in dem Roman „Heidejagd“. „Wie da die Lehrer in der Mensa umgenietet werden – das hätte nicht mal Stephen King besser hingekriegt!“ Und eine Buchhändlerin aus Lüneburg, Ende zwanzig, sommersprossig und strohblond, reichte ihm ihre Visitenkarte, lud ihn zu einer Lesung ein und fragte ihn, ob denn auch schon ein vierter Roman in Arbeit sei.

„Oh ja“, sagte Breddeloh. „Der wird ‚Heidegold‘ heißen. Da geht es um die Verwicklung eines Juweliers aus Bad Bevensen in illegale Geschäfte mit Edelmetallen aus dem Amazonasbecken. Ich arbeite mich gerade in diese Materie ein …“

Trotz des Zuspruchs konnte man ihm deutlich ansehen, daß ihm eine Laus über die Leber gelaufen war. In Gestalt des Herrn mit dem grünen Jackett. Der nun auch noch die Frechheit besaß, die nette Buchhändlerin aus Lüneburg in ein Gespräch zu ziehen, obwohl Breddeloh ihr gern noch etwas mehr von seinen Recherchen für das neue Buch berichtet hätte.

Leise grummelnd ging er zum Büfett und angelte sich eine Cocktailtomate.

„Und?“ sagte Detlev Patz. „Geht’s jetzt auf große Lesereise?“

„Erst Dienstag. Deutschland, Österreich und die Schweiz. Vier Wochen lang.“

„Ist das nicht langweilig, immer dieselben Sachen vorzulesen?“

Breddelohs Miene verdüsterte sich weiter. Ein Wort der Bewunderung für die Reichweite seiner Lesetour hätte ihm besser gefallen. Was sollte er auf diese unverschämte Frage antworten?

Ihrer Ansicht nach, warf eine keck frisierte Dame ein, sei Harry Rowohlt ja der beste Vorleser aller Zeiten gewesen. „Haben Sie den mal kennengelernt?“

„Nein“, sagte Breddeloh, wobei es ihm mühelos gelang, seine Stimme eisig klingen zu lassen.

„Und Sie haben auch nie eine Lesung von ihm besucht?“

„Nicht daß ich wüßte.“ Die Stimme noch fünf Grad kälter.

„Da haben Sie aber was versäumt! Der Mann war einfach göttlich …“

Harry Rowohlt habe auch mal in Bad Bevensen gelesen, sagte Patz. „Da hat er erzählt, daß er sich ganz komisch gefühlt habe, als er hier aus dem Zug gestiegen sei, und erst nach zehn Minuten sei er darauf gekommen, woran das lag: Er war überall der Jüngste!“

In das Gelächter, das diese Anekdote auslöste, stimmte Breddeloh nicht ein. Man hatte ihn in der vergangenen Viertelstunde zu oft gedemütigt. Er schützte vor, daß er heute noch arbeiten müsse, kassierte sein Honorar und setzte seinen 595 Euro teuren Kaninchenfilzhut von Hermès auf. Dann schwang er sich in seinen vor der Buchhandlung geparkten Citroën C5 Aircross, um in den Nachbarort Bienenbüttel zu fahren, wo er eine Villa mit zwölf Zimmern, Fitneß-Studio, Dachgarten und Außenpool bewohnte. Aber er kam nie dort an.

***

„Wer hat ihn entdeckt?“ fragte Hauptkommissar Gerold die Polizisten, die das Schutzzelt über dem Nixengrund aufbauten.

„Das Ehepaar da oben am Kopf der Treppe …“

Gerold seufzte. Wie es sich für einen Hauptkommissar gehörte, war er ein breitschultriger Bär von einem Mann mit einem Nervenkostüm aus korrosionsfreiem Stahl, aber wenn es etwas gab, das ihm fast so viel zu schaffen machte wie das Überbringen einer Todesnachricht, dann war es die Befragung von Spaziergängern, die einen grausigen Fund gemacht hatten.

Sicherlich, sie standen unter Schock, diese Leutchen, und das mußte man verstehen. Schwer erträglich war es jedoch, wenn sie die einfachsten Fragen nur mit einem Stammeln beantworten konnten. Oder wenn sie sich, schlimmer noch, so großspurig wie der Meisterdetektiv Kalle Blomquist aufspielten. Hin und wieder war es auch vorgekommen, daß sie jede Auskunft verweigerten und ihren Anwalt zu sprechen wünschten.

Doch in diesem Fall erwiesen sich die Zeugen als gescheit und zurechnungsfähig. Die beiden Eheleute – ein Forstrat und eine Lehrerin aus Klein Bünstorf, einem Vorort von Bad Bevensen – sagten in aller Ruhe aus: Sie hätten an diesem schönen Frühlingsmorgen eine Wanderung zu dem beliebten Ausflugsziel Sängershöh unternommen, einer hochgelegenen Uferböschung über der Ilmenau, und dort bemerkt, daß im Nixengrund, einem Tümpel unterhalb der Anhöhe, eine Leiche liege, woraufhin sie mobiltelefonisch die Polizei verständigt hätten.

„Haben Sie den Toten angefaßt?“ fragte Gerold.

„Wo denken Sie hin!“ sagte die Frau, und ihr Mann lachte auf und stellte fest, daß sie weder blöd noch nekrophil seien.

„Das wollte ich Ihnen auch nicht unterstellen“, sagte Gerold. „Sie haben alles richtig gemacht, und wir sind Ihnen dankbar.“

„Chef?“ rief die Oberkommissarin Fischer von unten herauf. „Können Sie mal kommen? Wir haben hier was Merkwürdiges gefunden …“

Es war ein menschlicher Augapfel. Zehn Meter vom Fundort der Leiche entfernt.

„Hier liegt noch einer!“ rief einer der Polizisten, die den Boden absuchten. „Und der wird gerade von zwei Würmern belutscht!“

(Fortsetzung morgen. Folge verpasst? Alle bisherigen Kapitel unter taz.de/wahrheit.)

Gerhard Henschel: „SoKo Heidefieber“.Ein Überregionalkrimi. Hoffmann und Campe Verlag. 288 Seiten, 16 Euro. Das Buch erscheint am 6. Mai 2020. © 2020 Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg

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