„Ich wollte so nah wie möglich an die Front“

Der Nürnberger Nils Thal half in der Ostukraine als Feuerwehrmann – und sammelte Material über mutmaßliche russische Kriegsverbrechen

Nils Thal, 35, kommt aus Nürnberg, war früher Boxer und arbeitet eigentlich als Berufsretter in Deutschland.

Interview Juri Larin

taz: Herr Thal, warum sind Sie im Krieg nach Charkiw gefahren?

Nils Thal: Mir war klar, dass ich helfen kann – nicht als Kämpfer, sondern als Feuerwehrmann und Rettungssanitäter. In Charkiw werden die Krankenhäuser wohl bald überfüllt sein. Je näher man an der Front ist, desto teurer wird es, den Menschen zu helfen. Also habe ich beschlossen, so nah wie möglich an die Front zu gehen.

Was war besonders eindrücklich, als Sie dort angekommen sind?

Als ich in Charkiw ankam, wirkte die Stadt menschenleer, ich dachte: „Was mache ich hier?“ Drei oder vier Tage später flogen Raketen über das Dach des Hauses, in dem ich wohnte, und explodierten nur hundert Meter entfernt. Ich habe die Druckwelle gespürt und hatte sofort einen metallischen Geschmack auf der Zunge. Gerade als ich ankam, gab es auch eine Gegenoffensive der ukrainischen Armee. Es kam zu vielen Nachtkämpfen. Ich sah sie aus meinem Haus. Alles flog über das Dach, es wackelte. Doch am stärksten geprägt hat mich die Suche nach Benzin. Da hatte ich wirklich Angst. Ich musste von Tankstelle zu Tankstelle, bis ich endlich welches gefunden hatte.

Was haben Sie in Charkiw gemacht?

Ich war hauptberuflich als Feuerwehrmann tätig. Außerdem habe ich meinen Kollegen bei der Charkiwer Feuerwehr geholfen, die Geräte zu verstehen, die ihnen aus vielen Ländern der Welt zugesandt wurden. Einige gab es vorher in der Ukraine nicht. So habe ich zum Beispiel herausgefunden, wie man ein spezielles Suchgerät aus den USA benutzen kann, um Menschen in Trümmern zu finden. Eine Woche lang habe ich dafür mit Kollegen in Deutschland telefoniert, wir haben das Handbuch studiert und Kanadier befragt, die das Gerät schon länger benutzen.

Was ist Ihnen von Ihrer Arbeit in Charkiw besonders in Erinnerung geblieben?

Der erste Beschuss, den ich mitbekam. Charkiw wurde beschossen und wir als Feuerwehrleute mussten daraufhin ein Lagerhaus aufräumen. Wir haben die ganze Nacht dort gearbeitet, es gab viele Trümmer – aber niemand konnte verstehen, was die Russen mit dem Angriff erreichen wollten. Ich versuche immer nachzurecherchieren und zu verstehen, woher ein Einschlag kam, wie die Rakete flog und warum der Einschlag ausgerechnet an diesem Ort erfolgte. Hier war es ein Treffer in der Kirgisischen Straße in Charkiw. Eine Minute zuvor wurde eine Schule in der Straße der Helden der Arbeit getroffen. Für meine Nachforschungen stand ich auf dem Dach des Lagerhauses zwischen den Bränden, nahm mein Smartphone und überprüfte die Geolocation unseres Standorts. Ich stellte fest, dass sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite ebenfalls eine Schule befand. Während ich den Standort überprüfte, wurde erneut geschossen. Ich habe das mit meinem Handy aufgenommen. Es wurden zwei Raketen gefeuert. Ich verstand: Wahrscheinlich wurde das Ziel verändert, ansonsten hätten die Russen mehr getroffen. Am nächsten Morgen sah ich in den Nachrichten, dass eine Schule und das Lagerhaus in der Straße der Helden der Arbeit getroffen wurden. Ich glaube, sie wollten eher die zweite Schule gegenüber dem Lagerhaus angreifen, denn in dem Lagerhaus befand sich nichts.

Warum hätten sie die Schulen angreifen wollen?

In der Regel werden Schulen bei Katastrophen als Schutzräume und als Sammelstellen für Ausrüstung, Lebensmittel und Medikamente genutzt. Das Ziel der russischen Armee war es also, die Verteidigungsanlagen und die örtliche Bevölkerung zu treffen.

Was machen Sie mit Ihren Nachforschungen?

Ich berichte dem Auswärtigen Amt in Deutschland. Mein Bericht zum Beschuss der Schule war der erste. Daraufhin erstellte ich Berichte zu den Kriegsverbrechen der russischen Armee zusätzlich für die Nationale Polizei der Ukraine und die deutsche Botschaft. Vom Auswärtigen Amt habe ich außerdem einen direkten Kontakt zum UN-Untersuchungsausschuss vermittelt bekommen. Die Ver­tre­te­r*in­nen der UN fanden es etwa seltsam, dass ich diese Berichte erstellte. Doch zu dem Zeitpunkt war ich anscheinend der einzige Ausländer vor Ort, der solche Berichte geschickt hat.

Übersetzung: Anne Frieda Müller