Der Hausbesuch: Wertvolle Berührungen

Salome Williamson entscheidet früh für sich selbst: Sie geht von der Schule ab, wird Physiotherapeutin, studiert Jura. Gerechtigkeit ist ihr wichtig.

Eine junge Frau steht in einem hellen, aufgeräumten Wohnzimmer

Schon als Kind sei Salome Williamson wie eine kleine Erwachsene gewesen sein, sagt ihre Mutter Foto: Miguel Ferraz Araújo

Die Hamburgerin Salome Williamson mag keinen Smalltalk. Ihr geht es um die ernsten Fragen im Leben. Um Liebe, Gerechtigkeit, Glaube. Auch Tod.

Draußen: Dort, wo Salome Williamson mit ihrem Mann in Hamburg wohnt, verläuft eine soziale Grenze: Stellinger Platte mit sozialem Brennpunkt und Eimsbütteler Altbauchic treffen aufeinander. Ihre Altbauwohnung im Erdgeschoss liegt ein bisschen abseits des Trubels und hat sogar einen eigenen kleinen Garten, den mag das Paar besonders gerne.

Drinnen: Die gemütliche Zweizimmerwohnung duftet nach frischgebackenem Kuchen, Apfel-Sahne-Nuss. Den hat Salome Williamson für ihren Mann Robin gemacht, der morgen Geburtstag hat. „Wir können ihn gleich anschneiden, den schaffen wir nicht zu zweit.“ Im Wohnzimmer ist schon ein Gabentisch vorbereitet, mit Post und Geschenken von Familie und Freunden.

Draußen: Der Tisch ist auf der Terrasse gedeckt. Nach dem Beginn der Pandemie hat sie kaum noch Menschen getroffen. Auch Weihnachten haben sie und ihr Mann die Familien nicht gesehen. „Ich habe eine seltene Autoimmunkrankheit und bin Risikopatientin. Als Physiotherapeutin habe ich außerdem viel Kontakt zu Alten und Kranken, ich trage da eine große Verantwortung.“ Ihre Impfung steht beim Besuch der taz kurz bevor, endlich.

Kindheit in der Kleinstadt: Salome Williamson wächst als Älteste von drei Geschwistern in Gifhorn auf, einer Kleinstadt nahe Braunschweig. Der Wald ist gleich nebenan und die Oma fußläufig erreichbar, die Gärten der Einfamilienhäuser erlebt sie als großen Abenteuerspielplatz. Die Familie habe immer Haustiere gehabt, Hunde, Katzen, Meerschweinchen, Zwergkaninchen, sie erinnert sich sogar daran, dass einmal eine Ente in der Badewanne schwamm. „Es war eine sehr unbeschwerte Kindheit, wir konnten einfach rausgehen, spielen, ohne dass sich irgendjemand Sorgen machen musste.“

Der erste Verlust: In Gesprächen kommt sie gerne gleich zur Sache. „Ich tue mich schwer damit, über Belangloses zu reden.“ Schon als Kind sei sie wie eine kleine Erwachsene gewesen, sagt ihre Mutter über sie. Auch jetzt wirkt sie älter als 30. Als sie in der neunten Klasse ist, stirbt ihre beste Freundin an einer Gehirnentzündung. „Das war mein erster Verlust und hat mich geprägt.“ Die Schule, die Mitschüler und alles, was damit zusammenhängt, erscheint ihr in der Zeit banal. „Mathe hat mir damals irgendwie Halt gegeben, weil es da nur ein Richtig oder Falsch gab.“

Neben einem Bücherregal hängen an der Wand Luftballons in Form von R & S

2020 haben Salome und Robin Williamson geheiratet Foto: Miguel Ferraz Araújo

Raus aus der Komfortzone: Nach der 10. Klasse geht sie von der Realschule ab, „obwohl ich gut war, aber ich wollte nicht mehr“. In München beginnt sie ein Freiwilliges Soziales Jahr. Erst im Kindergarten, dann auf einer Palliativstation der Onkologie. Dort hält sie Sterbenden die Hand, wäscht sie, fährt sie in die Pathologie. Ob sie das durfte? „Sicherlich nicht, ich war 16, Jugendschutz und so. Aber ich bin sehr dankbar für diese Erfahrungen.“ Sie kann nicht verstehen, wieso so viele Menschen sich nicht mit dem Tod und dem Sterben beschäftigen. „Das gehört doch zum Leben.“

Der Beruf: Danach beginnt sie eine Ausbildung zur Physiotherapeutin in der Nähe von Wolfsburg. „Das war toll, mit den Händen zu arbeiten, zu lernen, wie der Körper funktioniert, das viele medizinische Wissen, Bewegung und Sport. Man weiß ganz konkret, wofür man lernt.“ Im Anschluss zieht sie 2011 nach Hannover, arbeitet in einem Reha­zentrum. Sie schwärmt von ihrem Beruf. „Ich treffe viele unterschiedliche Leute, kann ihnen helfen. Manche treffe ich seit Jahren jede Woche. Da weiß man irgendwann viel voneinander, auch privat.“

Neues lernen: Trotzdem kündigt sie im Jahr 2013 ihren Job, um das Abi nachzumachen. „Ich war damals 22. Die Vorstellung, das noch über 40 Jahre lang zu machen, fand ich erdrückend. Und das war auch eine Ego­sache. Ich wollte mir beweisen, dass ich es kann.“ Sie zieht nach Hamburg, besucht ein Kolleg für Erwachsene, nebenbei arbeitet sie als Physiotherapeutin und übernimmt gemeinsam mit ihrer besten Freundin die Jugendarbeit einer evangelischen Gemeinde. Sie lebt auf St. Pauli, genießt das Großstadtleben, auch die Anonymität.

Nach dem Abitur: Sie will Medizin studieren, das liegt nahe. Doch ihr Abiturschnitt ist nicht gut genug, um sofort anzufangen. Und obwohl sie schließlich bei einem Auswahltest Glück hat, merkt sie, dass Medizin nicht das Richtige für sie ist. „Das wäre der Weg des geringsten Widerstandes gewesen. Ich hatte Lust, das zu studieren, aber ich wollte nicht Ärztin sein. An meinem Beruf als Physiotherapeutin liebe ich, viel Zeit für meine Pa­ti­en­t*in­nen zu haben. Als Ärztin wäre das vorbei gewesen.“

Die neue Richtung: Sie macht einen radikalen Schnitt, beginnt Jura zu studieren. „Ich habe mich früher schon bei Amnesty International engagiert, mir ist Gerechtigkeit wichtig.“ Sie erfährt von einem Stipendium, das perfekt passt: Es erfordert eine abgeschlossene Ausbildung, Berufserfahrung, gute Noten. Sie hat Glück und bekommt es. Das Studium liegt ihr, inzwischen beginnt sie mit der Examensvorbereitung. Allein: „Die Stimmung, die in der Uni herrscht, das hat mich anfangs erschreckt, diese Ellenbogen-Mentalität, das Sich-gegenseitig-Ausbooten, der Ton ist rau.“

Nichts bereuen: Ob sie in ihrem Leben jetzt an einem anderen Punkt stehen könnte, darüber denkt sie nicht nach. „Ich bereue gar nichts“, sagt sie. „Persönlich hat mich alles vorangebracht. Durch meine Ausbildung bin ich jetzt finanziell unabhängig und kann neben dem Studium arbeiten.“

Berührung: In der Pandemie gibt ihr die Arbeit Stabilität. „Ich genieße es, rauszugehen. In gewisser Weise ist das auch ein Luxus“, sagt sie. Im Moment schätzt sie ihren Beruf als besonders wichtig ein. „In dieser berührungsarmen Zeit ist es für viele Menschen umso wertvoller, berührt zu werden. Die hatten vorher schon niemanden, aber die Pandemie hat ihre Einsamkeit noch verstärkt.“

Ein kleines graues verwittertes Spielzeugauto unter einem Mini-Carport aus Holz

Das Auto ist ein Geschenk von Salomes Mutter, der passende Mini-Carport ebenfalls Foto: Miguel Ferraz Araújo

Die Hochzeit: 2020 war ein besonderes Jahr für sie, nicht nur wegen Corona. Im Juni heiratet sie Robin, seit 2015 sind sie ein Paar, kennengelernt haben sie sich 2013 in der Kirche. Monatelang planen die beiden, freuen sich auf ein rauschendes, unkonventionelles Fest mit allen Lieben. Über 120 Gäste sollen dabei sein. Corona macht ihnen einen Strich durch die Rechnung, nach viel Hoffen und Bangen ist klar: Nur die Eltern können im Standesamt dabei sein, wenigstens das.

Jetzt oder nie: Ob sie das große Fest in diesem Sommer nachholen können, ist unklar. Ihr Hochzeitskleid für die kirchliche Trauung hängt im Schrank, gesehen hat Robin es noch nicht, dabei dürfte er, wie sie betont. „Wenn es in diesem Jahr nicht klappt, dann soll es nicht sein. Noch ein Jahr warten werden wir nicht, irgendwann ist die Luft raus.“ Gläubig hin oder her. Sie sei sich sicher, dass sie Gottes Segen nicht nur in der Kirche bekommen können.

Eine Entscheidung: Heiraten, das wollte sie vor allem aus Vernunftgründen. „Weil ich Robin liebe. Verliebt sein, das ist ein Gefühl. Liebe ist eine Entscheidung.“ Das sei auch Arbeit, nicht nur auf der Gefühlsebene. „Robin ist die Person, die mich am besten kennt. Wenn mir etwas zustößt, dann möchte ich, dass er die Entscheidungen trifft.“

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Der Name: Sie bezeichnet sich als Feministin, gendert konsequent. Das Thema Gleichberechtigung beschäftigt sie sehr. Dem Paar ist es wichtig, nicht in klassische Rollenbilder zu verfallen. Dennoch hat sie ihren Namen mit der Ehe aufgegeben. „Aus feministischer Sicht hätte ich ihn behalten müssen“, sagt sie. „Ich weiß, dass ich viele Entscheidungen in unserer Beziehung treffen darf, aber sein Name war das Erste, worum Robin wirklich gekämpft hat. Da habe ich gemerkt, wie viel ihm das bedeutet und wie wenig ich an meinem Namen hänge.“

Die Fernbeziehung: Seit Januar arbeitet Robin in Potsdam, wo er nun unter der Woche lebt. Mehrere Monate war der Journalist arbeitslos, Potsdam eine große Chance. „Anfangs konnte ich mir das gar nicht vorstellen, wir hocken schon sehr viel aufeinander. Aber jetzt klappt es erstaunlich gut, wir machen das Beste daraus.“ Und Potsdam gefällt ihr. „Vielleicht ziehen wir nach meinem Examen ganz dorthin, wer weiß.“

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