Der Hausbesuch: Poesie aus Erschöpfung

Elisa Aseva ist Kellnerin und Lyrikerin, lebt bürgerlich und prekär. Die Eltern kommen aus Äthiopien, in Deutschland ist sie aufgewachsen.

Autorin Elisa Aseva steht in ihrem hellen Wohnzimmer - an der Decke ein Kronleuchter

Elisa Aseva wurde 2020 vom Internationalen Literaturfestival Berlin eingeladen Foto: Wolfgang Borrs

Geboren wurde sie auf der Flucht ihrer Mutter von Äthiopien nach Deutschland. Heute ist Elisa Aseva 41 Jahre alt und hat erfahren, dass die Erwartungen ans Leben ganz unterschiedlich sein können.

Draußen: Ein Nachmittag in einer Seitenstraße des Kottbusser Damms in Berlin. Vom Lockdown ist hier Anfang des Jahres, in einer der am engsten besiedelten Gegenden der Stadt, nicht viel zu spüren. Die Geschäfte sind geschlossen, aber die Straßen sind voll.

Drinnen: Das Treppenhaus des Mietshauses, in dem Elisa Aseva seit zehn Jahren mit ihrem mittlerweile 17-jährigen Sohn lebt, ist flaschengrün gestrichen. Im obersten Stock, „der Armen­etage“, wie Elisa Aseva flapsig sagt, öffnet sie die Tür und entschuldigt sich, dass sie nicht aufgeräumt hat: Sie habe mit einer Freundin spontan bis 5 Uhr morgens Geburtstag gefeiert. Sie bittet in ein minimalistisch eingerichtetes Wohnzimmer: zwei Bücherregale, zwei Vintage-Sessel und eine weiße Vitrine. Zurzeit wohnt Elisa Aseva alleine hier. Für den Lockdown ist ihr Sohn zu seinem Vater gezogen. Dort habe er mehr Komfort: „Der Vater hat Geld, ich nicht.“

Name: Bei ihrer Geburt lautete ihr Vorname Elsabeth, ein wie sie sagt klassischer Mädchenname im christlich geprägten Äthiopien, dem Herkunftsland ihrer Eltern. Bei ihrer Ankunft in Baden-Württemberg als fünf Monate altes Baby wurde daraus die deutsche Form: „Da saß ein Mann, der aufschrieb, was er verstand.“ Elisabeth. An und für sich möge sie den Namen, sagt sie: „Aber im Arbeitskontext klang er mir zu förmlich.“ Deshalb sagte sie dort: „Nennt mich einfach Elisa.“

Viele kennen Ketamin nur als Partydroge oder Betäubungsmittel für Pferde. Doch der Wirkstoff wird auch bei Depressionen eingesetzt. Klappt das? Eine Recherche – in der taz am wochenende vom 10./11. April 2021. Außerdem: Wie man Langeweile als Antrieb nutzen kann. Und: Der ehemalige Sternekoch Peter Frühsammer leitet jetzt eine Krankenhauskantine. Ein Gespräch über Urlaub auf dem Teller und Mutti-Gerichte. Ab Samstag am Kiosk, im eKiosk, im Wochenendabo und bei Facebook und Twitter.

Schreiben: Bei Facebook veröffentlicht Elisa Aseva Lyrik, Prosaminiaturen und Politisches. Weil sie ihr Geschriebenes in Form von Posts publiziert, wirkt es unmittelbar. Die Selbstbeschreibung auf ihrem Profil lautet „unbekannte verfasserin“. Doch mittlerweile ist sie auch außerhalb des sozialen Netzwerkes bekannt. 2020 wurde sie unter anderem vom Internationalen Literaturfestival Berlin eingeladen. Als Autorin würde sie sich selbst dennoch nicht bezeichnen. Sie sieht ihre Texte als „Erschöpfungsabschürfungen einer ungelernten Arbeiterin“, da sie nur nachts zum Schreiben komme, erschöpft von der Lohnarbeit. Wenn sie zu müde ist, sich noch Gedanken um die Form zu machen, fließen die Wörter nur so aus ihr heraus, sagt sie.

Status: Ihre Selbstbezeichnung „ungelernte Arbeiterin“ ist keine Koketterie: „Ich habe schließlich keine Berufsausbildung.“ Den Begriff habe ein Sachbearbeiter der Agentur für Arbeit für sie verwendet, als sie ein einziges Mal einen Antrag auf Unterstützung stellte. Ein Schlüsselerlebnis: „Mir wurde bewusst, dass ich den Aufstiegsauftrag, der in meiner Familie wie bei den meisten Mi­gran­t*in­nen klar da war, nicht erfüllt habe.“

Eine Kommode mit Globus und Kerzenständer

Antike Kommode mit schickem Globus Foto: Wolfgang Borrs

Aufstiegsauftrag: Im Gegensatz zu ihrem Bruder, der immer bemüht war, anzukommen, der den badischen Dialekt annahm, studierte und Arzt wurde, hatte Elisa Aseva Schwierigkeiten, ihren Platz zu finden. Sie habe die Schule gehasst, sagt sie. In fast allen Fächern mangelte es an Konzentration, auch bedingt durch ihre häusliche Situation: „Meine Mutter hat viel geschrien, oft aus dem Nichts.“ Aber: „Deutsch, Religion und Geschichte haben mich beflügelt. Da bin ich herausgestochen, habe Lob bekommen.“

Lebenswelten: Aseva sei in der Schule zwar beliebt gewesen, „aber die Lebenswelt meiner Mit­schü­le­r*in­nen war nicht meine.“ Statt die Schulbank zu drücken, ging sie in Bibliotheken und las sich durch das, was sie als Bildungskanon ansah. Wegen ihrer Fehlstunden flog sie von drei Gymnasien. Mit 16 ging sie nach Berlin und holte das Abitur in Form einer so genannten Nichtschülerprüfung nach. In nur zwei Wochen erarbeitete sie sich den Stoff von Jahren: „Als niemand mehr Druck machte.“ Statt im Anschluss eine Karriere zu verfolgen, bemühte sie sich darum, einen eigenen Lebensentwurf zu finden und verdingte sich unter anderem als Kellnerin.

Frühkindliche Prägungen: Ihr Vater, einst wohlhabend, in der äthiopischen Diktatur enteignet und verfolgt, blieb eine Leerstelle. Sie weiß nicht einmal, warum er ihre Mutter alleine mit den Kindern flüchten ließ: „Vermutlich, weil er zu alt war. Er ist kurz darauf gestorben.“ Zu ihrer Wahlfamilie indes gehören eine Nonne und eine jüdische Frau. Die Nonne wurde, als ihre Mutter nach der Flucht krank war und sie und ihr Bruder im Kinderheim waren, für sie zur zweiten Mutter. Und die wohlhabende Jüdin „aus dem Bildungsbürgertum“ wurde zu ihrer Wahloma.

Andere Welten: Die zwei Frauen vermittelten den Kindern andere Werte. Während ihre Mutter „von allen gehindert und bitter wurde“ und von ihren Kindern vor allem erwartete, dass sie funktionieren, förderte und forderte ihre selbsternannte Oma sie, nahm sie mit in den Urlaub und zeigte ihnen die Welt der Bücher. „Meine Mutter war gebrandmarkt, eine Überlebende im doppelten Sinn.“ Wie bei vielen Traumatisierten sei ihre Beziehung zu den Kindern nach Flucht und Krankheit gestört gewesen: „Sie konnte Fröhlichkeit nicht ertragen.“

Solidarität: Im Kinderheim hat Elisa Aseva gelernt: „Da sind andere. Man ist Teil einer Masse.“ Das, was andere aus der Schule kennen, „das Runterrennen zum Essen in einer großen Gruppe, war Alltag.“ Auch ihre Mutter habe immer „einen Sippengedanken gehabt: Wir stehen hier für viele.“ Als Jugendliche entdeckte Aseva den Kommunismus für sich: „Ich sehe, dass die Umsetzung bislang immer misslungen ist.“ An die Idee an sich aber glaube sie bis heute.

Mangel an Solidarität: Die Bestrebungen in Deutschland zur Eindämmung der Coronapandemie sieht sie kritisch. Sie macht sich Sorgen um die Länder, die schon zuvor kein gutes Gesundheitssystem hatten: „Ich verstehe nicht, warum nicht alles getan wird, alle zu retten.“ In Gedanken sei sie in Äthiopien: „Da ist Krieg. Und Lockdown.“ Jeden Tag liest sie Fachzeitschriften und tauscht sich in einer Face­bookgruppe mit anderen aus. Aus der Gruppe ist die Zero-Covid-Petition hervorgegangen, die einen solidarischen europäischen Shutdown fordert.

Küchenutensilien hängen an der Küchenwand sowie ein gerahmtes Bild mit Aufschrift "Pollesch Hinrichs - im Palast"

Elisa Asevas Küche Foto: Wolfgang Borrs

Zugehörigkeit: Im Kinderheim gehörte sie nie ganz dazu: „Wir hatten schließlich noch unsere Mutter.“ Zurück bei ihr, in „der einzigen schwarzen Familie im Dorf“, sei sie akzeptiert gewesen, habe aber Unterschiede gespürt: „Wir waren nicht so reich, nicht so wohlbehütet wie die anderen Kinder.“ Als Jugendliche rasierte sie sich die Haare ab, kleidete sich im Oi-Stil linker Skins. Als sie sich in Berlin auf dem zweiten Bildungsweg auf das Abitur vorbereitete, passte Elisa Aseva auch nirgendwo rein. Weder zu den ostdeutschen Wendehungrigen, noch zu den „Westberliner Abgehängten“, wie sie sagt. „Während meine alten Klassenkameraden in Baden-Württemberg Karriere machten, habe ich Berlin in seinen Unterschichten kennengelernt.“ Erst als Kellnerin in einem Kreuzberger Café fand sie Gleichgesinnte, empfand sich als Teil einer Gemeinschaft. Als sie den Vater ihres Sohnes kennenlernte, „der aus der Oberschicht kommt“, merkte sie: „Ich kann das soziale Parkett bedienen.“ Doch wirklich zugehörig fühlte sie sich in der gutbürgerlichen Umgebung nicht.

Selbstentfaltung: Als Kind wollte sie Schriftstellerin werden. Doch das Versprechen freier Selbstverwirklichung hält sie für eine Lüge: „Nichts rührt nicht von den gesellschaftlichen Verhältnissen her. Da sind immer materielle Bedingungen.“ Vom Schreiben zu leben sei für sie nie eine reale Option gewesen: „Da war immer ein materieller Druck.“ Jetzt, da sie Anfragen als Autorin bekomme, habe sie gemerkt: „Nee, ich bin Arbeiterin. Das Schreiben ist etwas, was ich mir abzwacke. Ich habe einen Job, ein Kind, politische Projekte.“

Zukunft: Eine ihrer glücklichsten Zeiten war die im Café, das sei für sie wie eine Familie gewesen. Als ihr Chef ihr nach der Trennung vom Vater ihres Sohnes kündigte, „weil ich meine alte Fröhlichkeit verloren hatte und als alleinerziehende Mutter nicht immer arbeiten konnte“, empfand sie das als Schlag. Diesen Sommer will sie mit einer Freundin ein eigenes Café mit Veranstaltungsformaten eröffnen. Kairo soll es heißen: „Ich mache dann Kaffee, eine Fließbandarbeit, die ich liebe.“ Da schließe sich auch ein Kreis: „Äthiopien, Kaffeeland, Kaffeebusiness.“

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de