Der Berliner Wochenkommentar I

Hass im Gepäck

Gegen den Mann, der mit seinem Gürtel einen Kippa tragenden Israeli schlug, wurde das Urteil gesprochen. Richtig zufrieden stellen kann es nicht.

Prächtiges Portal des Landgerichts

Hier wurde Recht gesprochen: das Berliner Landgericht an der Turmstraße Foto: dpa

So richtig gut gehen konnte der Prozess gegen den 19-jährigen Knaan Al S. vor dem Jugendschöffengericht nicht. Die daran geknüpften Erwartungen waren enorm. Aber trotz akribischer Befragungen durch den Richter, trotz des viral gegangenen Videos, das Al S. zeigt, wie er seinen Gürtel als Peitsche gegen sein kippatragendes Opfer verwendete, ließ sich der Vorfall vom 17. April in Prenzlauer Berg nur bedingt rekonstruieren.

Was auf der Hand lag: Der aus Syrien geflohene Palästinenser hatte sein Opfer – einen wenig älteren Israeli – dreimal getroffen und judenfeindlich beschimpft. Die eigentliche Frage war aber die nach seiner Motivation. Am Ende der Beweisaufnahme wollte das Gericht der von Al S. zum Besten gegebene Version nicht glauben, die beiden Kippaträger und somit vermeintlichen Juden hätten ihn, der bekifft und mies gelaunt unterwegs war, durch Beschimpfungen provoziert.

Wenig glaubwürdig wirkten auch die Beteuerungen Al S.’ und seines Cousins (mit dem er damals unterwegs war), Politik oder die Rolle Israels interessierten sie nicht und gegen Juden hätten sie genauso wenig wie gegen Mitglieder jeder anderen Religion. Bei den Befragungen ließen sie wissen, „Jude“ sei eben ein Schimpfwort in ihrem Herkunftsland und man werfe dort einem Freund schon mal spaßeshalber ein „Ich verfluche deine Juden“ an den Kopf (wie auch immer das genau zu verstehen sein soll).

Ja: Ein gewisse Portion Judenhass gehört bei vielen Menschen in der arabischen Welt zur kulturellen Grundausstattung, nicht nur unter von Israel vertriebenen Palästinensern. Das hat Wurzeln schon in der religiösen Überlieferung: Der als bester aller Menschen verehrte Prophet ließ Hunderte Juden massakrieren, weil sie ihn verraten haben sollen, und als seine Todesursache gilt vielen Muslimen die Vergiftung durch eine Jüdin. Im 19. und 20. Jahrhundert exportierte dann der europäische Antisemitismus seine Narrative in die Region.

Was helfen könnte: häufiger über Antisemitismus sprechen

Vor diesem Hintergrund erscheint nun den einen, namentlich der Jüdischen Gemeinde, die gegen Al S. verhängte Strafe von vier Wochen Arrest nach Jugendstrafrecht viel zu mild. Andere finden, dass gerade die Nebenklage hier einen unreifen jungen Mann zum exemplarischen Judenhasser stilisieren wollte, wo doch der endemische Antisemitismus in Deutschland viel gravierender sei. Alle haben ein bisschen recht – und genau deswegen kann das Moabiter Urteil nicht wirklich weiterhelfen.

Was helfen könnte: noch häufiger und offener über Antisemitismus sprechen. Dass ihn viele EinwanderInnen quasi im Gepäck haben, darf weder der Entschuldigung noch der pauschalen Verurteilung dienen.

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