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Debatte über WM-Aus für Deutschland Kein Sinnbild für gar nichts

Andreas Rüttenauer

Kommentar von

Andreas Rüttenauer

Kaum ist die WM-11 raus, geht es los mit den großen gesellschaftspolitischen Interpretationen. Die sind zwar Quatsch, die Debatte müssen Linke dennoch führen.

O h je. Die deutsche Fußballnationalmannschaft hat es schon wieder nicht unter die besten 16 Teams der Welt geschafft. Nach dem 3:4 nach Elfmeterschießen gegen Paraguay musste die von Julian Nagelsmann vor zwei Jahren ausgerufene Mission WM-Titel doch arg früh abgebrochen werden. Doch das Spiel ist noch lange nicht zu Ende. Leider.

Denn was dem Land jetzt droht, wird bestimmt deutlich nerviger als das ideenlose Angriffsspiel der deutschen Kicker bei dieser WM. Eine saublöde Frage liegt in der Luft: Was sagt das Auftreten der deutschen Fußballnationalmannschaft über den Zustand Deutschlands aus? Niedergang, miese Laune, irgendwas mit woker Unkultur. Oh je.

Analogien scheinen auf der Hand zu liegen. Bundestrainer Julian Nagelsmann als Reformer ebenso überfordert wie der Kanzler. Das deutsche Positionsspiel als Auslaufmodell wie der Verbrennermotor der deutschen Automobilindustrie. Oder das Opfern deutscher Spieltugenden als Spiegelbild für die befürchtete Deindustrialisierung des Standorts Deutschland. Und bestimmt kommt schnell einer daher, der sagt, dass es die Linken sind, die am Niedergang des deutschen Fußballs schuld seien.

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So originell wie Timmy-Analysen

Alle gesellschaftlichen Phänomene lassen sich entlang der Nationalmannschaft durchdeklinieren. Weil die mit Adler und Nationalfarben daherkommt, fällt das besonders leicht. Die fälligen Debatten könnten uns deshalb länger erhalten bleiben als all die ach so originellen Texte darüber, was der Umgang mit dem Buckelwal Timmy wohl über den Zustand des Landes aussagt. Darüber hatten sich ganze Redaktionen schier wundkommentiert.

Man möchte angesichts all des drohenden Unsinns am liebsten einfach in eine Art Debattenboykott gehen. Doch so einfach ist das nicht. In Zeiten des rassistischen Kulturkampfs sollte der aufgeklärte Teil der Gesellschaft wachsam bleiben. Mit dem Ausscheiden der bunten DFB-Auswahl hat AfD-Nazi Björn Höcke ein Bild der deutschen Weltmeisterauswahl von 1954 auf X gepostet. „Elf Freunde sollt ihr sein“, schrieb er dazu. Und zu einem zwinkernden Smiley: „Aus Gründen“. Das ist wirklich gruselig.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Andreas Rüttenauer

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10 Kommentare

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  • Martin Rees

    "Mit dem Ausscheiden der bunten DFB-Auswahl hat AfD-Nazi Björn Höcke ein Bild der deutschen Weltmeisterauswahl von 1954 auf X gepostet. „Elf Freunde sollt ihr sein“, schrieb er dazu."



    Die näheren Umstände lassen aber f. 1954 Zweifel aufkommen



    "Insgesamt 13 Spieler lassen sich auf Initiative des Deutschen Fußballbundes (DFB) am 27. Oktober 1954 bei mehreren Spezialisten in Düsseldorf untersuchen. Diese kommen zu dem Schluss, dass „mehr oder minder die gesamte Nationalelf leichtere Leberschädigungen davongetragen hat“ (8). In dem vom DFB am 8. November 1954 veröffentlichten Gutachten wird eine „Mundinfektion“ vermutet, „was durch das enge Zusammenleben der Mannschaft, durch die ungewöhnlichen körperlichen Anstrengungen und die fehlende Erholungspause nach der Weltmeisterschaft begünstigt wurde“ (8). Allerdings wird eingeräumt, dass „ein Teil der Spieler Vitamin-C-Injektionen erhalten“ habe. Es sei dennoch „unwahrscheinlich, dass es sich . . . um eine ,Spritzen-Gelbsucht‘ handeln könnte“. Aus heutiger Sicht sicher eine Fehldiagnose"



    (...)



    „Wir haben Traubenzuckerspritzen bekommen, und da war für jeden Einzelnen ja keine Spritze da.“



    aerzteblatt.de/archiv/fussballweltmeisterschaft-1954

  • LeKikerikrit

    Andere Mütter haben auch hübsche Töchter.



    Heißt: andere Länder können auch Fußball spielen.



    Beweis: wie viele Spieler der sogenannten Underdogs spielen in europäischen Spitzenmannschaften?



    Nebenbei: Herr Nagelsmann mag ja ein ganz cooler Typ sein. Für seine Position fehlt ihm das Format.

  • Libuzzi

    Vielleicht ist es eher sinnbildlich, dass mit den Niederlanden und Deutschland an einem Tag gleich zwei der großen europäischen Traditionsmannschaften ausgeschieden sind. Die multipolare Fußballwelt kommt, und das auf Kosten des "Westens" -- und das ausgerechnet in den USA, einem Land, in dem aggressiv versucht wird, die Uhr zurückzudrehen und die alte, kolonialistische Dominanz wieder herzustellen.

  • 9G
    950192 (Profil gelöscht)

    Ich denke, es ist die Bandenwerbung.

  • Jungle Warrior

    Ich finde die DFB Elf steht schon irgendwie sinnbildlich für das was im Länd geschiet, nur anders als es Rechte meinen. Saturiert, Leidenschaftslos, Arrogant und an allem die Schuld sehen, außer bei sich selbst.

  • Axel Schäfer

    Nachdem fussballbewanderte Kollegen mir heute mitgeteilt haben, das da zu viel Ablenkung gewesen wäre, weil die Spieler alle ihre ganze Familie mitgeschleppt haben und ständig in sog. sozialen Medien unterwegs waren. Da fehlte wohl die Konzentration auf das Turnier und dass man eine Aufgabe mal konzentriert im Team angeht und abarbeitet und sich mal für einen begrenzten Zeitraum auch zusammenreisst.



    Ich glaube das ist schon ein bischen auf Politik und Gesellschaft übertragbar.

    • miri

      @Axel Schäfer:

      Ja! Der Geist von Malente! Keine Frauen, alle in Gruppenschlafsäle (mit Stockbetten!), und abends um zehn wird das Licht ausgemacht! Das war die gute alte Zeit :-)

  • Kelkin

    TAZ-Redaktionskollege Tobias Müller beschreibt in derselben Ausgabe die integrative Kraft des Fußballs - für die Niederlande. Aber in Deutschland gelten mal wieder andere Regeln...

    • nihilist

      @Kelkin:

      Ja, richtig. Deutschland ist nicht die Niederlande, manche Dinge sind dort anders gelagert als hier.



      Und nun?

      • Volker Scheunert

        @nihilist:

        Wow, starke Behauptung! Dann nennen Sie uns doch bitte mal ein paar dieser "anders gelagerten Dinge"...