Berichterstattung von Rapmedien

Ein Schritt in Richtung #RapToo

Den Rappern Gzuz und Bonez MC wird häusliche Gewalt vorgeworfen. Schon jetzt bringen die Vorwürfe Rapmedien dazu, ihre Arbeit zu hinterfragen.

Bonez MC & Raf Camora freuen sich bei der Verleihung der 1Live Krone über ihren Preis in der Kategorie "Bester Hip-Hop-Act"

Bonez MC (2.v.r.) bekommt 2016 den 1 Live Krone-Preis als „Bester Hip-Hop-Act“ Foto: dpa

„Ab heute ist damit Schluss“, schreibt Oliver Marquart auf rap.de. Es soll Schluss damit sein, sexistische Texte, Videos und das Verhalten von Künstler „mit dem Totschlagargument Kunstfreiheit“ zu verharmlosen. Schluss damit, das Thema der sexualisierten Gewalt nicht ernst genug zu nehmen: „Was rap.de angeht, haben wir bisher selbst nicht immer konsequent genug gehandelt.“ schreibt Marquart. Auf Vice.de findet Johann Voigt ähnliche Worte: „Sowohl Fans als auch wir als Medien sollten genauer hinsehen, wie real auch frauenfeindliche und sexistische Zeilen in Raptexten wirklich sind. Nicht erst dann, wenn sogar Vorwürfe physischer Gewalt öffentlich gemacht werden.“

Ungewohnt selbstkritische Worte in der Rap-Berichterstattung. Denn bisher werden dort häufig Künstler mit sexistischen, homofeindlichen, rassistischen und ableistischen Lyrics, hofiert. Diskriminierende Lines werden in Albumrezensionen höchstens im Beisatz erwähnt. Was also war jetzt passiert?

Am vergangenen Samstag berichtete Bild.de von den Vorwürfen einer jungen Frau gegen den Rapper Bonez MC, der zur erfolgreichen Hamburger Rap-Kombo „187 Strassenbande“ gehört. Christiane Yüksel, die Rechtsanwältin der jungen Frau, beschrieb die Vorwürfe der häuslichen Gewalt und Bedrohung gegenüber der Bild. Ein Pressesprecher der Polizei Hamburg bestätigt gegenüber der taz, dass es Ermittlungen wegen Bedrohung gegen den Rapper gebe.

Am Wochenende zuvor machte der Rapper schon einmal Schlagzeilen – und wieder ging es um häusliche Gewalt. In einer Instagram-Story hatte Bonez MC Bilder von blutigen Taschentüchern, Haaren im Abfluss und einem löchrigen T-Shirt gepostet, dazu schrieb er: „Meine Ex hat mich an den Haaren durch die Wohnung gezogen.“ Damit macht er sich öffentlich lustig über die Vorwürfe, die eine Frau ihrem Ex-Freund Gzuz – und damit einem Kollegen von Bonez MC – gegenüber erhob. Ebenfalls in einer Instagram-Story warf sie zuvor dem Ex-Freund, der ebenfalls bei der Rap-Kombo „187 Strassenbande“ ist, Betrug und häusliche Gewalt vor. Nach 24 Stunden wurde die Story automatisch gelöscht, die Screenshots beider Stories liegen der taz vor.

Artikel mussten gelöscht werden

Mehrere Musikblogs und andere Medien griffen die Gewalt-Vorwürfe der Frau auf und veröffentlichte diese. Darunter zählen Rap.de, Hiphop.de, 16bars.de, aber auch Bild.de und Mopo.de. Nach wenigen Stunden waren die Artikel von allen Websites verschwunden, lediglich der Text vom Musikexpress war noch einige Tage online, jetzt ist er auch nicht mehr auf ihrer Seite zu finden. Die Redaktion von 16bars veröffentlichte ein Statement, dass sie den Artikel aus rechtlichen Gründen offline nehmen mussten: „Eine sehr renommierte Kanzlei hat sich bei uns gemeldet, kein Rapper, kein Management.“, steht da. Und weiter: „Nach Absprache mit unserem Anwalt haben wir uns dazu entschlossen den Beitrag erstmal wieder offline zu nehmen. Alle anderen Rapmedien taten dies ebenfalls. Vermutlich weil dort die Kapazitäten für Rechtsstreite ähnlich gering sind.“

Doch während die Medien-Berichterstattung recht mau aussieht, ist die Diskussion in den Sozialen Medien groß. Eine Frage, die immer wieder aufgeworfen wird: Wie kann es sein, dass zwei sehr erfolgreichen Rappern in Deutschland häusliche Gewalt vorgeworfen wird und (fast) alle schweigen?

Doch so einfach ist es nicht. Ob die Vorwürfe stimmen, kann zu diesem Zeitpunkt keine*r sagen; und bis sie nicht bewiesen sind, gilt berechtigterweise die Unschuldsvermutung für beide. Doch es kann auch nicht richtig sein, dass Frauen Gewalt-Vorwürfe erheben und Beschuldigte ihren Einfluss und Geld nutzen, um alle zum Schweigen zu bringen.

Die Schwierigkeiten für Medien

Für Medien handelt es sich in dem Fall, um die schwierige Form der Verdachtsberichterstattung: Also immer dann, wenn über eine kriminelle Verhaltensweise geschrieben wird, und eine rechtskräftige Verurteilung (noch) nicht vorliegt. Dabei müssen viele verschiedene Faktoren von den Journalist*innen beachtet werden, wie beispielsweise ein Mindestbestand an Beweisen, Stellungsnahmen von allen Betroffenen sowie die Unschuldsvermutung.

Wie wichtig die journalistische Form der Verdachtsberichterstattung ist, hat die #MeToo-Bewegung gezeigt

Wie wichtig, dieses journalistische Instrument ist, hat die #MeToo-Bewegung gezeigt, die ausgelöst wurde von einem Zeitungsartikel im New Yorker, in dem dem US-Produzenten Harvey Weinstein sexualisierte Gewalt in mehreren Fällen vorgeworfen wird. Ein Artikel war Anstoß, dass sich ein nicht kleiner Teil der Gesellschaft mit sexistischen Strukturen beschäftigen und Täter für ihre vergangenen Taten Konsequenzen zu spüren bekommen. Dass durch Verdachtsberichterstattung aber auch Menschen von der Gesellschaft zu Unrecht vorverurteilt werden können, zeigt beispielsweise der Fall des Wettermoderators Jörg Kachelmann.

Die Beweislage im Fall der beiden Rapper ist gering: Es liegt die Vorwürfe der Ex-Freundin vor, die beiden Rapper äußern sich nicht und bei einem der Fälle ist bekannt, dass die Hamburger Polizei Ermittlungen aufgenommen hat. Erschwerend kommt hinzu, dass es sich bei häuslicher Gewalt um Straftaten, die in geschlossen Räumen passieren, meist keine Zeug*innen gibt. Klarheit kann es also erst geben, wenn und falls ein Gericht ein Urteil fällt.

Für Journalist*innen darf das jedoch nicht bedeuten, einfach abzuwarten. Stattdessen muss aufwendige Recherche betrieben werden, wozu gerade Rapmedien häufig die finanzielle und personelle Stärke fehlt. Gerade deswegen dürfen größere Medienhäuser es nicht als Nischenthema betrachten, und müssen sich damit auseinandersetzen. Auch müssen Rapmedien, ihre eigene Arbeit kritisch hinterfragen und gucken, inwiefern sie zu diesen Strukturen beitragen.

Rap.de, Vice und Bento haben damit schon angefangen und veröffentlichten in den letzten Tagen kritische Auseinandersetzungen mit deutscher Rap-Musik. Darin wurde unter anderem ein #MeToo für die Rapszene gefordert: „Deutschrap hat ein strukturelles Problem mit Sexismus – und braucht dringend ein #metoo“ schreibt rap.de. Die Einsicht, dass Sexismus strukturell ist, kommt spät, doch vielleicht ist die Berichterstattung anlässlich der Vorwürfe gegen Gzuz und Bonez MC der letzten Tage, ein kleiner erster Schritt in Richtung #RapToo.

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