Die These: Kein Bikini ist auch keine Lösung

Dass Frauen oben ohne sonnen dürfen, löst längst nicht alle Probleme. Denn öffentliche Nacktheit kann auch eine Landnahme sein, Vertreibung inklusive.

Spuren eines Bikinioberteils auf der Haut einer Person mit Sonnenbrand.

Mit und ohne Bikinioberteil ungesund Foto: Zoonar/picture alliance

Neulich an einem Weiher im Schwarzwald. Auf einer Wiese liegen viele, die sich sonnen, einige gehen baden, alle tragen Badehose, Bikini, Badeanzug. Bis auf ein Paar, das nackt ins Wasser geht. Der Mann schwimmt los; der Frau ist es zu kalt, knietief bleibt sie stehen, verschränkt ihre Arme vor den Brüsten so, dass diese nicht zu sehen sind. Es ist ein erbärmlicher Anblick. Da will jemand frei und unverfroren sein und ist unfrei und friert.

Trotzdem: Die Nackten am Weiher sind ein Signal; zwischen Bekleideten ist ihre Nacktheit ein Statement. Sie erlauben sich etwas, was andere nicht tun. I teach you a lesson.

An einem Wasserspielplatz im Plänterwald, einem Park in Berlin, dürfen Leute sich jetzt oben ohne sonnen. Männer und Frauen. Eine Frau hatte geklagt, dass sie nicht oben ohne da sitzen darf, während Männer es dürfen, und bekam recht. Es wird als Akt der Gleichberechtigung verkauft. Auch ich finde es ungeheuerlich, dass Männer sich entblößen dürfen und Frauen nicht.

Trotzdem: Dass nun Frauen, deren Brüste sexuell konnotiert sind, sich zeigen können, ist leider nicht der Befreiungsschlag, den ich mir wünsche. Die sexuelle Konnotation geht ja nicht weg, indem nun alle Geschlechter oben ohne rumliegen dürfen. Frauen mit entblößten Brüsten werden weiterhin angegafft werden, von heimlich aufgenommenen Fotos ganz zu schweigen. Welche Frau will das?

Männer ohne freien Oberkörper wären gerechter

Mehr Gleichheit würde doch nur dann entstehen, wenn auch Männer ihren Oberkörper bedecken müssten. Was mir entgegenkäme, denn mir sind bekleidete Männerbrüste angenehmer. Die nackigen finde ich hässlich. Gut, nicht von allen Männern, junge Männer, da, wo die Haut glatt ist, die Haare nicht grau …

Wer immer sich jetzt über meine Wertung aufregen möchte, bedenke: Ungeheuerlich ist, dass sich viele Männer das jeden Tag erlauben – die Körper von Frauen zu beurteilen. Am liebsten wenn sie nackt sind. Und jung.

Eine andere Spielwiese: Ich habe einen Schrebergarten. Neben meinem hat ein muslimische Familie den ihren. Die meisten Frauen laufen auch an heißesten Tagen mit Kopftuch und schlabbrigen langen und langärmligen Gewändern rum. Der Mann dagegen in kurzen Hosen und – zu meinem ästhetischen Missfallen – oberkörperfrei. Seine Bigotterie widert mich an. Denn nichts anderes kann ich darin sehen. Schon gar keine Kultur, kein religiöses Gebot.

Gleiches mit Gleichem vergelten geht im Schrebergarten nicht. Ich will nicht oben ohne durch den Garten flanieren. Den verhüllten Frauen würde ich damit nicht helfen. Wobei: Vielleicht würde der Mann dann endlich einen Sichtschutz aufstellen – obwohl die Schrebergartensatzung das verbietet. Es käme uns beiden gelegen.

Wie dem auch sei, nicht die öffentliche Verordnung, dass Frauen nun oben ohne im Park liegen dürfen, würde gleiche Ausgangslagen bringen – sondern eine öffentliche Verordnung, dass auch Männer sich im Park zu bedecken haben. So wie es jetzt ist, hilft es nicht gegen Sexismus und verletzt gleichzeitig das Schamgefühl von einigen Menschen so sehr, dass sie an den Wasserspielplatz im Plänterwald nicht mehr gehen können.

Nackte Widersprüche lassen sich nicht auflösen

Denn die Sache mit der Nacktheit ist verzwickt und voller Widersprüche, auch für mich, weil ich doch selbst sehr gern nackt bade. Vor allem an Seen. Wobei ich immer in Erwägung ziehe, dass meine Nacktheit anderen den Raum nimmt und sie da nicht mehr hin können, weil Nacktheit für sie ein Tabu ist. Ich weiß das, denn ich habe es erlebt.

Als ich Teenager war auf dem Dorf in den 70er Jahren gab es im Sommer nichts, wo wir uns vergnügen konnten, außer einem Baggersee. Dort verbrachten wir die Nachmittage, dort konnten wir schwimmen. Bis sich plötzlich Unbekleidete auf unsere Wiese legten, und das veränderte alles. They taught us a lesson. Wir wussten jetzt, dass wir von hinterm Mond waren.

Innerhalb kürzester Zeit pilgerten Heerscharen nackter Leute an den See. Sie lagen nicht in einem abseitigen Winkel, sie lagen mitten am Weg. Der Sommer war ruiniert. Was sie sagten: Mit Klamotten geht hier nichts.

Nur leider ging nackig für uns auch nichts, denn die Nacktheit am Baggersee war im Dorf ein Skandal. Der Pfarrer sah Sodom und Gomorrha und verdammte von der Kanzel aus alle, die es wagten, auch nur an den Baggersee zu denken. Die einzige Alternative, die wir hatten, war, abseits auf einem schmalen, steinigen Strandstreifen unsere Decken auszubreiten, wir mussten an den Nackigen vorbei. „Ach, dort drüben sind die Dörfler“, hieß es dann, weil wir Badeanzüge trugen.

Dabei muss es nicht mal um Religion gehen, es kann auch einfach ein gesteigertes Schamgefühl sein, ein introvertierter Wesenszug oder, seien wir ehrlich: ästhetisches Empfinden

Wer nackt ist, zieht einen Kreis um sich

Die Nackigen hatten unseren Raum besetzt, und ich bin bis heute empört darüber. Seither ist mir klar: Öffentliche Nacktheit kann eine Landnahme sein, Vertreibung inklusive. Denn es gibt Leute, die öffentliche Orte, wo nackte Menschen sich versammeln, meiden oder meiden müssen. Da muss es nicht mal um Religion gehen, es kann auch einfach ein gesteigertes Schamgefühl sein, ein introvertierter Wesenszug oder, seien wir ehrlich: ästhetisches Empfinden. Besonders schön sind die meisten fremden Menschen nackt nämlich nicht.

Umgekehrt gilt die Landnahme auch. Wer nackt ist, zieht automatisch einen größeren Kreis um sich, den niemand betreten soll.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

FKK-Strände sind ein Kompromiss. Und wenn ich eine Wahl habe, gehe ich immer an den Nacktbadestrand. Auch an den illegalen am Flughafensee in Berlin, den Freikörperkulturfans befestigten, damit der Strand nicht abrutscht, und wo sie dafür sorgen, dass er nicht zugemüllt wird.

Mülleimer haben sie hingehängt, Aschenbecher kann man sich holen. Denn „Kippen im Kies ist mies“, so steht es an einer Pfostenwand. Illegal hin oder her – auf mehreren privat betriebenen Webseiten wird er als einer der besten FKK-Strände beworben. Ein Spazierweg führt direkt daran vorbei.

Im Mai, so erzählen es sich die Dauergäste des FKK-Strands am Flughafensee, seien sie vom Weg aus beschimpft und mit Steinen beworfen worden. Von Männern, die verschleierte Frauen im Schlepptau hatten. Indiskutabel ist das, falls es stimmt, aber indiskutabel auch die Diskussion, der ich beiwohnte zum Vorfall: dass die Leute sich an die Sitten in Deutschland zu halten hätten und bei uns sei nackt baden nun mal Usus. „So einfach ist es nicht“, intervenierte ich. Unsere Nacktheit kann auch das Schamgefühl von Deutschen verletzen. „Sollen sie halt an einen anderen Strand“, wurde geantwortet.

Ich weiß nicht, wie der Konflikt zu lösen ist. Der alte Fritz muss her. Jeder soll nach seiner Façon selig werden. Die Nackigen sollen nackig sein, aber um die Befindlichkeit der Nichtnackigen wissen und sie nicht belehren wollen. Die Bekleideten sollen bekleidet sein, aber um die Befindlichkeit der Nackigen wissen und sie nicht belehren wollen.

Ob das geht? Keine Ahnung.

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Seit 2002 bei der taz, erst im Lokalteil, jetzt in der Wochentaz. 2005 mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet für die Reportage „Schön ist das nicht“, 2011 wurde die Reportage „Die Extraklasse“  mehrfach prämiert. 2021 erschien ihr Roman "Brombeerkind" im Ulrike Helmer Verlag. Es ist ein Hoffnungsroman. Mehr unter: www.waltraud-schwab.de . Auch auf Twitter. Und auf Instagram unter: wa_wab.un_art

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