heute in hamburg

„Architektur nicht isoliert betrachten“

Film „Aus westlichen Richtungen“, 20 Uhr, B-Movie, Brigittenstraße 5, Eintritt auf Spendenbasis

Interview Marinus Reuter

taz: Frau Henrich, wofür steht das westdeutsche Eigenheim politisch?

Juliane Henrich: Eine These meines Films ist, dass in der Nachkriegszeit der Wunsch nach dem Eigenheim geweckt wurde, um es dem Aufbegehren gegen die Gesellschaft entgegenzustellen. Es gibt Texte aus den 1950er-Jahren, die das formulieren. In diesen Texten geht es darum, die Bundesbürger mit Eigentum an Grund und Boden zu verbinden, gegen die kommunistische Gefahr. Das war auch ein Grund für die Zersiedlung auf dem Land, mit seinen vielen Neubaugebieten und Einfamilienhäusern. Meine Mutter war in einer K-Gruppe …

… einer kommunistischen Gruppe

… und wusste entgegen der Parolen, dass sie mehr als nur ihre Ketten zu verlieren hat.

Fing damit Ihr Interesse an der Nachkriegs­architektur an?

Am Anfang war nur ein naiver Blick. Ich bin im Westen geboren und bin als junge Erwachsene dort weggezogen. Wenn ich wieder im Westen war, habe ich eine Faszination für das Aussehen der Gegend empfunden und mich gefragt, was hinter dem diffusen Gefühl „Westen“ steht.

Sie sind dem in einer Essay-Form nachgegangen, warum?

Im Essay spitzt man nicht wie im Journalismus zu, im Gegenteil kann man immer noch einen weiteren Zusammenhang aufmachen. In meinem Film kommen Kindheitserinnerungen und Familiengeschichte neben theoretischen Texten und zeitgenössischen Betrachtungen vor.

Foto: Danny Avidan

Juliane Henrich, 35, Filmemacherin, ist in Bielefeld aufgewachsen. Ihre Filme handeln oft von der Bedeutung von Orten.

Ist die Architektur Westdeutschlands so vielschichtig?

Ihre Momente lassen sich jedenfalls nicht isoliert betrachten. Zum Beispiel die Grundidee der Großsiedlungen: Sie wurzelte unter anderem in sozialistischen Ideen aus den 1920er-Jahren. Es ging um Wohnraum für viele, indem neue Gemeinschaften geschaffen werden sollten. Wie die Trabantenstädte am Ende gebaut wurden, hatte aber viel mit den kommerziellen Interessen von Investoren zu tun. Doch die Konkurrenz der Systeme hat den Westen auch dazu gebracht, es besser als der Osten machen zu wollen.

Also westdeutsche Nachkriegsarchitektur als gebaute Wertvorstellung?

Ja, Ludwig Erhard schreibt etwa darüber, die Häuser und Wohnungen angenehmer zu gestalten, damit sich die Leute stärker als Teil der Gesellschaft verstehen. Ich war überrascht, seine Wachstumskritik zu lesen: Sie würde die heutige CDU bestimmt überraschen.