Vertreibung ungeliebter Gäste

■ Nicht nur in den Kriegsgebieten, auch in Ljubljana oder Skopje wurde Roma und Albanern der „Wohnsitz aberkannt“

Wer kannte sie nicht, die Lastenträger auf den Bahnhöfen, die Süßwarenverkäufer vor Kinos, die kleinen Imbißstände an Marktplätzen? Es waren meist Albaner, hin und wieder auch Roma, die sich als Kleinhändler ihr Geld verdienten. Sie sind verschwunden – nicht nur in den Kriegsgebieten. Auch in Ljubljana, Zagreb, Belgrad oder Skopje sieht man sie nicht mehr.

Während noch vor zwei Jahren die slowenische Industriestadt Jesenice einen Bevölkerungsanteil von 38 Prozent, die Hauptstadt Ljubljana einen von 21 Prozent Nicht-Slowenen hatte und auch in der kroatischen Metropole Zagreb die Kroaten nicht mehr als zwei Drittel der Einwohner stellten, der Großraum Belgrad ohnehin multinational war, so fand seither überall ein schleichender „Bevölkerungsaustausch“ statt.

Heute leben nach offiziellen Angaben in Jesenica nur sechs Prozent „Bürger nicht-slowenischer Herkunft“; im kroatischen Zagreb sind es gerade noch 4,6 Prozent, die sich bei einer letzten Volkszählung als Albaner, Mazedonier, Roma, Slowaken, Tschechen, Deutsche und Juden bekannt haben sollen. Über Belgrad und Skopje liegen keine neuen Zahlen vor. Doch auch dort wurde vor allem Albanern und Roma auf administrative Weise „der Wohnsitz aberkannt“. Jeder, der keine klare ethnische Abstammung nachweisen konnte, bekam in den neuen Balkanstaaten Schwierigkeiten, die sogenannte „Domovina“, den „Vaterlandsausweis“, zu erhalten.

Tausende verloren Arbeitsplatz und Besitz

Galten sie schon im ehemaligen Jugoslawien nicht als eines der sechs „staatstragenden Völker“ (wie Kroaten, Mazedonier, Montenegriner, Muslimanen, Serben, Slowenen), sondern nur als eine „ethnische Minderheit“, so finden diese Volksgruppen nun erst recht kein „Vaterland“, keine eigene Republik. Doch das stört die Politiker in den neu entstandenen Balkanstaaten wenig. Denn niemand will eine Minderheit von Roma und Albanern in seinen Grenzen wissen.

Und es ist ein Teufelskreis: Ljubljana und Zagreb erklären, Albaner und Roma kämen eigentlich aus dem Süden des einstigen Jugoslawien, aus Serbien und dem Kosovo; dort sollten sie ihre Zelte wieder aufschlagen. Belgrad kontert, die meisten dieser Albaner und Roma seien gar nicht auf dem heutigen Territorium Rumpf-Jugoslawiens zur Welt gekommen, zudem hätten sie den katholischen Glauben der Kroaten und Slowenen angenommen. Man denke somit gar nicht daran, ihnen eine „Domovina“ zu gewähren.

Vor allem Albaner zählten in Ex-Jugoslawien als erfolgreiche Kleinhändler und Unternehmer. Kein Ort entlang der dalmatinischen Küste ohne albanische Grillstuben und Konditoreien, keine Großstadt ohne private albanische Handelsgesellschaften. Doch nun wirft man diesen erfolgreichen Geschäftsleuten vor, sie hätten einst nur durch krumme Geschäfte mit den Kommunisten die Firmenlizenzen erstanden. Diese „rechtlich illegalen Betriebe“ müsse man daher enteignen. Vor allem im kroatischen Dalmatien verloren so in den letzten Monaten tausende Albaner ihre Arbeitsplätze, manche auch ihren Besitz.

Doch während die Regierungen in Ljubljana, Zagreb und Belgrad die Albaner „nur“ aus dem Lande verjagen, fallen nicht wenige Albaner und Roma im bosnischen Krieg „ethnischen Säuberungen“ zum Opfer. Keine Gefangenenlager, in denen sich nicht auch Albaner und Roma befinden. Keines der bekanntgewordenen Massaker an Zivilisten, bei denen nicht auch Albaner und Roma auf grausame Weise ihr Leben ließen. Roland Hofwiler