Anna FastabendMidlife Monologe: Nach der Wahl: Notfallkit für die Seele
Zwei Tage nach der Wahlkatastrophe sitze ich mit meinen Kolleginnen in der Redaktion. „Hat jemand von euch zufällig eine Schmerztablette?“, fragt eine und schon kramen drei andere einen kleinen Beutel hervor. „Ich hätte eine Ibu“, sagt die Kollegin mir gegenüber. „Ich eine Buscopan“, höre ich von links. „Oder willst du lieber eine Dolormin?“ Mich verwundert, wie gut sie ausgestattet sind und schon sprechen wir über ihre Minitaschen, in denen sie allerhand lebenserleichternde Dinge mit sich herumtragen.
Ich finde das Konzept ja super und frage mich, warum ich nicht schon längst selbst so ein praktisches Täschchen habe, um gut durch diese beschissene Zeit zu kommen. Mein Back-up sind aktuell die Gespräche mit A., seine selbst gekochte Hühnersuppe und die Rotz erprobten Umarmungen, falls ich mal wieder sehr verzweifelt bin. Außerdem ist da der unbeugsame Optimismus meiner Mutter. Aus dem Handy springt mich das Gruselkabinett der Tech-Bros an, aber sie erzählt mir, dass bei ihr im Garten überall die Schneeglöckchen blühen.
Bis vor ein paar Tagen hätte mich auch mein geliebtes Dinkelkornwärmekissen getröstet. Es war eigentlich kein Wärmekissen, sondern in vielen Momenten mein Rettungsring. Leider hat es den Wahlkampf nicht überlebt. Während draußen vor hitzigen Debatten die Luft brannte, fackelte es in meiner Mikrowelle ab. Jetzt bilden die Rossmann-Wärmflasche und ich eine neue Zweckgemeinschaft.
Zum Glück kann ich wenigstens wieder Musik hören. Zwischendurch habe ich mir da echt Sorgen gemacht. Standen doch nur noch schlechte Nachrichten und saure Gummiwürmchen auf dem Menüplan. Dann entdeckte ich zufällig den sphärischen Sound von Irène Drésel und seitdem schwebe ich über glitzernde Bäche und frisches Moos. Eine harte Landung gibt es zwischendurch mit Les Vulves Assassines. Schönes französisches Punkgeschrei gegen die Ungerechtigkeit.
Auch gut für die Resilienz sind in meinem Fall die kilometerlangen Spaziergänge in meinem „Himmel über Berlin“-Mantel. Er ist überlebensnotwendig, wenn ich in dieser sozialen Kälte wieder mal an einem katastrophalen Neubauprojekt vorbeilaufe.
Im Übrigen ist auch Schlafen Widerstand, am besten in frisch gewaschener Bettwäsche unter selbst aufgeklebten Neonsternen an der Wand. Mit genügend Erholung können wir dann auch wieder für unsere Rechte kämpfen. Denn wir lassen uns ganz sicher nicht durch eine rückwärtsgewandte Politik in die 50er Jahre zurückbugsieren.
Aber wo bekommt man neue Inspiration? Ich hole sie mir in der Literatur u. a. bei Virginia Woolf und Deborah Levy und im Theater bei Florentina Holzinger und Falk Richter. Und wenn wir schon dabei sind: Politisch gibt mir Heidi Reichinnek Hoffnung. Sie hat die Dinge auf den Punkt gebracht.
Übrigens, ein anderes kleines Täschchen, war die Papiertüte, in die ich neulich gekotzt habe. Es war der vorgezogene Kommentar meines Körpers zum Wahlausgang. Alles in mir wehrt sich gegenwärtig gegen einen konservativen Backlash und eine extreme Rechte als zweitstärkste Fraktion im Bundestag.
Normalerweise bespreche ich so etwas ja mit meiner Schwester, aber die ist gerade nicht da. Mit ihr kommt es immer mal wieder vor, dass wir Tränen lachen. So ein Lachanfall ist die beste Medizin in widrigen Zeiten. Er katapultiert die Angst aus dem System.
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