12. - 16. Sept. 2022 mit taz-Redakteur Thomas Gerlach: Herrnhut (Oberlausitz)

Bautzen und Görlitz, Sorben und Zivilgesellschaft auf dem Lande, AfD-Hochburg - doch auch Refugium für Utopien

Herrnhut ist bis heute Zentrum der weltweit aktiven "Brüdergemeine" Bild: Archiv

Zum Programm gehören Ausflüge nach Görlitz und Bautzen, Treffen mit einem sorbischen Schriftsteller und mit dem Bürgermeister von Nebelschütz, einem Dorf, in dem auch im Alltag sorbisch gespro- chen wird. Sie lernen eine Region kennen, die mehrfach Rückzugs- gebiet für utopische Ideen war: für Herrnhuter Pietisten vor 300 Jahren wie für DDR-Oppositionelle. In den Gesprächen vor Ort geht es auch um das aktuelle politische Umfeld: die AfD erzielt hier Spitzenwerte. Die Reise endet in Bautzen - mit 4 Übernachtungen im Gästehaus der Herrnhuter Brüdergemeine.

Preis: 780 € (DZ/HP/ohne Anreise), Einzelzimmer-Zuschlag: 55 € Mindestteilnehmer 8 Personen

Reiseveranstalter: Ventus Reisen, Berlin office@ventus.com,  Tel.: 030-39 10 03 32, 

Die Reise kann nur beim Veranstalter gebucht werden.

* Reiseleitung durch taz-Redakteur Thomas Gerlach

* 4 Übernachtungen im Komenský-Gästehaus der Herrnhuter Brüdergemeine (plus Abendessen)

* Tagestouren nach Bautzen, Görlitz sowie in sorbische Dörfer (u.a. Nebelschütz)

* Treffen mit sorbischem Schriftsteller und mit sorbischem Bürgermeister

* Diverse Führungen: in der Herrnhuter Brüdergemeine, im Schlesischen Museum in Görlitz und in der Stasi-Gedenkstätte Bautzen

HIER die weiteren Leistungen

Willkommen in der Oberlausitz, eine der schönsten Gegenden Deutschlands und eine der randständigsten. Selbst von Dresden aus ist die Oberlausitz ein fernes Stück Sachsen.

Thomas Gerlach, taz-Redakteur seit 2009 - mit spezifisch ost-deutscher Berufs-erfahrung: 1982 Mechanisator in einer LPG, 1985 Film-Missionar, 1992 Diplom-Theologe nach Studium in Leipzig und Bochum

* Oberlausitz als traditionelles Refugium für Utopien

* Sorbische Gemeinden, sorbische Sprache

* Entwicklung ländlicher Regionen

* Görlitz: einst Tor nach Schlesien

* Bautzen: sanierte Altstadt und Stasi-Gedenkstätte

* Fahrt nach Görlitz, Besuch der Synagoge und des Schlesischen Museums

* Fahrt nach Bautzen (Besuch Stasi-Gedenkstätte) und ins sorbische Dorf Nebelschütz

* Diskussion mit dem sorbischen Bürgermeister von Nebelschütz über Perspektiven ländlicher Regionen und über Aktivitäten der Sorben

* Besuch der Umweltbibliothek in Großhennersdorf mit Andreas Schönfelder

* Treffen mit Vertretern der Brüdergemeine Herrnhut

* Treffen mit dem sorbischen Schriftsteller Benedikt Dyrlich

* Besuch in einem Umgebindehaus

Teilnahme nur für Geimpfte bzw. Genesene

Die Reiseleitung achtet während der Reise auf die Einhaltung der Corona-AHA-Regeln (Abstand, Hygiene, Alltagsmasken).

Das Hotel hat seinen Service auf diese Regeln eingestellt. Die Corona-Verordnungen des Freistaates Sachsen finden Sie HIER und eine gute Zusammenfassung auf der Website Tourismus-Wegweiser

Im Herbst 2017 kam die Oberlausitz endlich ganz groß raus. Allerdings negativ - als die Region, in der die AfD bei der Bundestagswahl ihren größten Erfolg feierte. In den Landkreisen Görlitz und Bautzen wurde sie stärkste Partei. 2021 festigte die Partei ihre Position. Die Oberlausitz – eine AfD-Hochburg? Das auch. Doch es gibt auch andere Perspektiven.

So randständig, auch im politischen Sinne, wie die Region heute erscheint, so offen war sie über Jahrhunderte. Görlitz war und ist das Tor nach Schlesien, ein Begriff, der zu DDR-Zeiten peinlichst vermieden wurde, weil er als „revanchistisch“ galt. Und von Herrnhut aus, jener barocken Gründung des frommen Grafen Zinzendorf, kommt man nach Prag genauso schnell wie nach Dresden. Konkurrierende Mächte, unterschiedliche Kulturen, Sprachen und Konfessionen haben die Oberlausitz geprägt. Sogar ein Papst war schon hier, wobei Karel Wojtyla „nur“ Kardinal war, als er 1975 die katholischen Sorben besuchte.

Und trotzdem war die Oberlausitz niemals nur Brücke, sondern immer auch Rückzugsraum, Nische, Labor. Großhennersdorf galt vielen zu DDR-Zeiten als „gallisches Dorf“. Wie es dazu kam, dass ein kirchliches Heim für geistig Behinderte junge, widerständige Leute aus der ganzen DDR anzog, darüber kann Andreas Schönfelder berichten. Kurzum, es ist Zeit, die vielen Facetten der Oberlausitz wahrzunehmen. Die AfD ist eine davon, nur eine.

Bautzen Bild: Archiv

Wir treffen uns am 12. September im Komensky-Gästehaus der Brüdergemeine in Herrnhut (Anreise-Infos am Schluss). Beim Abendessen lernen wir uns kennen und werfen einen Blick auf das Programm der kommenden Tage. Morgen bleiben wir in Herrrnhut und Umgebung. Spannend wird es, weil sich hier zwei ganz unterschiedliche Epochen und Haltungen verbinden – Barock und DDR-Sozialismus, Frömmigkeit und Widerstand.

Als die Nachfahren der protestantischen Hussiten in Böhmen von der katholischen Gegenreformation bedrängt wurden, gewährte Reichsgraf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1700 – 1760) den Glaubensflüchtlingen Schutz. 1722 gründeten sie Herrnhut. Der Ort wurde Zentrum der Herrnhuter Brüdergemeine, die sich durch die Förderung von Wirtschaft und Bildung hervortat.

Vor allem aber war er Ausgangspunkt weltweiter missionarischer Aktivitäten, die bis heute nachwirken. Anders als bei den Großkirchen, wo die Taufe oft mit kolonialer Besitzergreifung einherging, begriffen die Herrnhuter Mission als etwas, was unserer Idee von Entwicklungshilfe nahekommt. Im Kirchsaal, dem Versammlungsraum der Gemeinde, können wir uns im Missionsmuseum von diesem Ansatz überzeugen.

Anschließend führt uns unser Begleiter Andreas Schönfelder zum Gottesacker und hinauf auf den Altan, einem Aussichtsturm von 1790. Vor uns liegt Herrnhut, dahinter aber geht der Blick tief hinein in das Dreiländereck, nach Liberec mit seinem Hausberg Jeschken, zum Isergebirge, allerdings auch nach Turów, zu den Dunstschwaden des zweitgrößten polnischen Kohlekraftwerks.

Umgebindehäuser sind eine Besonderheit der Oberlausitz: eine Kombination von fränkischem Fachwerkhaus und slawischem Blockhaus Bild: Archiv

Von Herrnhut geht es mit dem Bus ins benachbarte Großhennersdorf. In diesem hintersten Winkel der DDR suchten unangepasste Jugendliche, weit weg von Ost-Berlin eine Nische im Katharinenhof, einer diakonischen Einrichtung. In seinem Umfeld gedieh widerständiges Leben. Andreas Schönfelder gehörte auch dazu. Die Umweltbibliothek, die er 1987 gründete, hat sich seit der Wende zu einem geistig-kulturellen Zentrum weiterentwickelt.

Andreas Schönfelder wird uns durch die Umweltbibliothek führen. Doch die alte Bäckerei bietet mehr. Es gibt ein Programmkino und dazu ein Café mit veganen Speisen. Dort werden wir zu Mittag essen. Wie schwierig Bildungsarbeit in einer Region ist, die seit Jahrzehnten unter Abwanderung leidet und wo die AfD heute Spitzenwerte erzielt, weiß Andreas Schönfelder auch. Er wird vondem Spannungsfeld berichten, von alten SED-Eliten und neuen Demagogen.

Eine architektonische Besonderheit der Region sind die Umgebindehäuser, die deutsche und slawische Stile verbinden und somit das verkörpern, wofür Intellektuelle wie Schönfelder stehen - das gemeinsame Erbe als Schatz zu begreifen. Eines dieser Häuser werden wir besichtigen.

Stolz auf das Erreichte: Bürgermeister Thomas Zschornak ist in Nebelschütz seit 30 Jahren der Chef Bild: Sven Doehring

Für den Rückweg gibt es zwei Varianten, eine bequeme und eine naturverbundene. Wer müde ist, kann mit dem öffentlichen Bus nach Herrnhut zurückfahren. Wer noch Kräfte hat, folgt für den Rückweg dem etwa drei Kilometer langen, idyllischen Zinzendorf-Skulpturenpfad. Er führt über Wiese, Wald, einem Teich und vielen Plastiken, die sich mit der Lebensgeschichte von Zinzendorf befassen, zurück ins Komensky-Haus, wo wir zu Abend essen.

Etwa 60.000 Sorben soll es noch in Sachsen und Brandenburg geben, nicht mehr alle sprechen Sorbisch. Am Donnerstag fahren wir mit einem Mietbus in ein Dorf, wo Sorbisch gesprochen wird. Nebelschütz/Njebjelcicy mit seinen 420 Einwohnern liegt im Gebiet der katholischen Sorben. Thomas Zschornak, seit dreißig Jahren Bürgermeister, wird uns durch das Dorf führen.

Nebelschütz hat ökologische Landwirtschaft, einen Hofladen als Treff, einen Fußballverein, eine Garnelen-zucht, einen alten Steinbruch und jede Menge neuer Ideen. Zu Zschornaks Lieblingswörtern gehört nicht zufällig das Wort „enkeltauglich“.

Benedikt Dyrlich (l.) und sein Bruder Nikolaus Dürlich, mit „ü“, in dessen Werkstatt. Bild: Thomas Gerlach

Es geht aber auch auf anderer Ebene voran: Das Volk der Sorben hat sich 2018 erstmals eine gewählte Vertretung gegeben und Zschornak ist einer ihrer Abgeordneten. Die Sorben sind ein Schatz für die deutsche Mehrheitsgesellschaft und nebenher Brückenbauer zu unseren slawischen Nachbarn. Im Nebelschützer Steinbruch, wo alljährlich Bildhauer zu einem Pleinair zusammenkommen, essen wir zu Mittag.

Weiter geht es mit dem Bus durch das „Land der tausend Kreuze“ wie die Region auch genannt wird. Dreihundert davon stehen auf dem Friedhof von Ralbitz/Ralbicy. Wir werden den Ort besuchen, bei dem alle Kreuze aus einer Werkstatt stammen, die in dritter Generation von der Familie Dyrlich/Dürlich betrieben wird. Derzeitiger „Herrgott-Schnitzer“ ist Nikolaus. Sein Bruder Benedikt sollte Priester werden. Stattdessen hat sich Dyrlich als Kulturpolitiker, Journalist und vor allem Schriftsteller einen Namen gemacht. Er ist einer der bekanntesten Vertreter der sorbischen Literatur.

Wir treffen ihn in Bautzen, der „Hauptstadt“ der Sorben. Zunächst wird uns Benedikt Dyrlich die Altstadt zeigen. Dann kehren wir mit ihm in das sorbische Restaurant „Wjelbik“ ein, wo uns die Familie Lukasch mit einem Sorbisches Hochzeitsessen bewirten wird. Danach kommen wir mit Benedikt Dyrlich ins Gespräch - über die reiche, aber weithin unbekannte sorbische Literatur. Natürlich wird er auch eigene Texten lesen, auf Sorbisch und Deutsch, Dyrlich schreibt stets zweisprachig. Am Abend geht es per Bahn und Bus nach Herrnhut zurück

In der Altstadt von Görlitz Bild: Gaby Coldewey

Am Freitag reisen wir nach Görlitz. Jakob Böhme lebte hier. Seine „Aurora oder Morgenröte im Aufgang“, die der mystisch inspirierte Schuster 1612 verfasste, war das erste philosophische Werk in deutscher Sprache. Böhmes Wohnhaus liegt am Ostufer der Neiße im polnischen Zgorzelec. Das Haus ist Endpunkt eines Spaziergangs, der vorbei am Jugendstil-Kaufhaus, über den Ober- und Untermarkt und die Altstadtbrücke nach Polen führt.

In der Dreiradenmühle können wir gut polnisch zu Mittag essen. Danach werden wir das Schlesische Museum besuchen. Es erzählt von der Geschichte und Kultur dieser multikulturellen Region, aber auch von Verlust und Vertreibung.

Die Doppelstadt Görlitz/Zgorzelec ist ein architektonisches Kleinod, durch Kriegsfolge, Teilung und Randlage aber eben auch eine geschundene Stadt und eine politisch unruhige dazu. Wie kann man trotzdem gesellschaftlich aktiv werden? Wie die Grenze überwinden und eine gemeinsame europäische Zukunft gestalten? Vertreter der Görlitzer Zivilgesellschaft werden uns davon erzählen. Danach geht es zurück nach Herrnhut, wo wir wieder zu Abend essen.

An nächsten Morgen verabschieden wir uns nach dem Frühstück von Herrnhut und fahren noch einmal nach Bautzen. Dort erwartet uns in der ehemaligen Stasi-Haftanstalt ein Stück harte DDR-Realität. Der Name Bautzen hatte zu DDR-Zeiten einen düsteren Klang.

Der Besuch von Bautzen II ist auch über dreißig Jahre nach dem Ende der SED-Diktatur noch eine emotionale und seelische Zumutung. Aber er ist notwendig, um die Risse und die Brüche in diesem wunderschönen Landstrich zu verstehen. So schließt sich der Kreis – und so schließt sich die Reise. Utopie und Dystopie liegen oft dicht beieinander, so auch in der Oberlausitz. Nach einem Mittagessen endet die Reise am Bautzener Bahnhof.

Die Reiseleistungen im Einzelnen

Beginn und Ende der Reise:

Wir treffen uns am Montag, den 12. Sept., um 18 Uhr im Komenský Gästehaus in Herrnhut (Oberlausitz).

Von Bautzen gibt es jede Stunde (z. B. 16:20 Uhr) eine Zugverbindung nach Löbau (15 Min.), dort Umsteigen in den Bus Nr. 10 nach Zittau, der nach 20 Minuten in Herrnhut hält.

Ende der Reise: Freitag, 16. Sept., gegen 14 Uhr am Bahnhof in Bautzen.

Teilnahme nur für Geimpfte und Genesene möglich

Zur Sicherheit der Reisegruppe und unserer Gesprächspartner*innen müssen alle Reisenden von einer Covid-19-Erkrankung genesen oder vollständig geimpft sein. Das erweitert zudem die Möglichkeiten, sich während der Reise im Rahmen der lokalen Corona-Schutzregeln zu bewegen.

Während der Reise achtet die Reiseleitung auf die Einhaltung der Corona-Regeln (Abstand, Hygiene, Masken). Das Gästehaus Komensky hat seinen Hotel-Service auf diese Regeln eingestellt.

Die Corona-Verordnungen des Freistaates Sachsen finden Sie HIER und eine gute Zusammenfassung auf der Website Tourismus-Wegweiser. Vor der Reise erhalten Sie vom Veranstalter eine aktuelle Übersicht der Regelungen.