DIE VERLIERER DER BALKANKRIEGE

Die kleinen Völker junger Nationen

VOR zwölf Jahren, im Juni 1991, brach mit der Unabhängigkeitserklärung von Kroatien und Slowenien die jugoslawische Föderation auseinander. Die Folgen waren zehn Jahre Krieg. Zehn Tage nur dauerte die Intervention Belgrads in Slowenien. Dagegen zogen sich die blutigen Kämpfe in der kroatischen Krajina über mehrere Monate hin. Ab 1992 weitete der Konflikt sich aus; erst nach der kroatischen Gegenoffensive kehrte im November 1995 mit dem Dayton-Abkommen ein prekärer Friede in der Region wieder ein. Doch die meisten Flüchtlinge kamen nicht zurück. Deshalb haben unter den Auseinandersetzungen zwischen den jugoslawischen „Hauptvölkern“ die kleinen Nationen am meisten gelitten.Von JEAN-ARNAULT DÉRENS *

„Wie kann man Kroate sein?“, fragte Alain Finkielkraut im Jahre 1992.(1) Aber die Frage müsste auch lauten: „Wie kann man Goraner, Torbesch, Walache, Ruthene oder Rom sein?“ Am Ende der zehn Jahre Krieg im ehemaligen Jugoslawien gab es hunderttausende Tote, Millionen Flüchtlinge und Vertriebene. Dabei sind allerdings die kleinen Volksgruppen als Leidtragende weitgehend unbeachtet geblieben, weil sich vom Krieg in Kroatien bis zum Konflikt in Mazedonien die Aufmerksamkeit auf die Auseinandersetzungen zwischen den „großen“ Volksgruppen konzentrierte.

Im ersten Krieg auf jugoslawischem Boden vom Sommer und Herbst 1991 kam es im kroatischen Slawonien zu einem furchtbaren Blutbad. Hier standen sich die Verfechter der kroatischen Unabhängigkeit und die in Kroatien lebenden Serben gegenüber. Letztere hatten sich von Kroatien abgespalten, als das Land sich auf die Unabhängigkeit zubewegte. Massive Unterstützung erhielten die Serben damals von der Jugoslawischen Volksarmee (JNA), die sich mehr und mehr für den (serbischen) Nationalismus einspannen ließ.

Aber Serben und Kroaten waren nicht die einzigen Opfer des Konflikts. Zehn Kilometer von Vukovar entfernt liegt die einstmals reiche Ortschaft Petrovci. Vor dem Krieg lebten hier zwei- bis dreihundert Serben friedlich mit ebenso vielen Kroaten sowie mit tausend Ruthenen und Ukrainern zusammen. Bei den Ruthenen handelt es sich um Westukrainer; sie stammen aus den Gebieten der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie wie der Bukowina oder der Karpato-Ukraine und nicht aus den früheren russischen Territorien. Auf dem Balkan hatten sich Ruthenen und Ukrainer in der Mitte des 18. Jahrhunderts angesiedelt, als sie in der Ära der österreichischen Kaiserin Maria Theresia als Siedler in die von den Türken befreiten Gebiete geholt wurden. Die meisten Ruthenen gehören der unierten oder auch griechisch-katholischen Kirche an, die zwar die Autorität des Papstes anerkennt, jedoch an der orthodoxen Liturgie festhält.

Als der Krieg Vukovar erreichte, kämpften einige Ruthenen aus Petrovci auf Seiten der kroatischen Truppen; andere halfen, die von serbischen Einheiten belagerte Stadt mit Lebensmitteln zu versorgen. Als die Serben die Region besetzten, gingen die prokroatischen Ruthenen mit den Kroaten ins Exil. Mehr als sechs Jahre lang gehörte Petrovci zur „Serbischen Republik Ostslawonien, Baranja und Westsirmien“. Viele der jungen Ruthenen, die dageblieben waren, leisteten in dieser Zeit ihren Militärdienst in serbischen Einheiten.

Nachdem die Gebiete im Januar 1998 durch das Abkommen von Erdut wieder an Kroatien zurückfielen,(2) gingen viele Ruthenen, die sich zu sehr mit den serbischen Machthabern eingelassen hatten, ihrerseits ins Exil. Die meisten von ihnen zogen in die serbische Region Vojvodina, wo es bereits größere ruthenische Gemeinschaften gab. Die „prokroatischen“ Ruthenen indes kehrten zurück und gehören seither zur gesellschaftlichen Oberschicht. Wie der griechisch-katholische Pfarrer der Gemeide Vinkovci berichtet, gibt es heute erhebliche Spannungen innerhalb der ruthenischen Gemeinschaft – dabei haben die Ruthenen mit nationalistischen Denkmustern eigentlich nichts zu schaffen.

Derartige Geschichten spielten sich im Lauf der Kriege in Jugoslawien immer wieder ab. Die sich zuspitzende Konfrontation zwischen den nationalistischen Bewegungen setzte für die kleinen Gemeinschaften den Zwang, sich für ein Lager zu entscheiden. Das war für all die besonders schwierig, die sich aus persönlichen oder familiären Gründen oder auch aus Überzeugung nicht im Raster der Nationalitätszuweisungen wiederfinden können bzw. wollen. So zählten etwa Bosnier, deren Eltern verschiedenen ethnischen Gruppen angehörten, zu den ersten Kriegsopfern. Etwas sicherer konnten sich Bosnier gemischter Herkunft in den Gebieten fühlen, die während des Krieges der Regierungsgewalt Sarajevos unterstanden, denn in Bosnien wurde das Prinzip der Multiethnizität verteidigt. Doch selbst in Sarajevo ist der Traum vom Zusammenleben der verschieden Volksgruppen auf Betreiben der an der Macht befindlichen muslimisch-nationalistischen Partei der Demokratischen Aktion (SDA) ausgeträumt. Auch hier hat sich, nicht zuletzt durch die im Krieg erlittenen Traumata, der Wunsch nach ethnischer Homogenisierung durchgesetzt.

Im Kosovokrieg 1999 hatte die Homogenisierungsidee besonders tragische Konsequenzen. Glaubt man den albanischen Nationalisten, so handelte es sich um einen zweiseitigen Konflikt zwischen der serbischen Staatsmacht und der albanischen Zivilgesellschaft. Doch diese Darstellung lässt außer Acht, dass die Zivilbevölkerung im Kosovo neben Serben auch Angehörige anderer kleinerer Volksgruppen umfasste. Nach dem Zensus von 1981 bilden Türken, Roma, Goraner, Bosniaken und Kroaten zusammen mehr als 10 Prozent der Gesamtbevölkerung im Kosovo.(3) Seitdem dort im Juni 1999 ein internationales Protektorat eingerichtet worden ist, sind diese Gruppen ins Visier albanischer Nationalisten geraten. Roma und Kosovo-Ägypter(4)etwa wurden pauschal der Zusammenarbeit mit dem serbischen Regime beschuldigt und mit dieser Begründung zu Opfern einer systematischen „ethnischen Säuberung“. Den Türken wurde nahe gelegt, sich zu „albanisieren“.

Die Türken im Kosovo sind dreisprachig, die meisten von ihnen beherrschen Türkisch, Albanisch und Serbisch. Um im Kosovo bleiben zu können, mussten sie im Laufe ihrer Geschichte immer wieder ihre besondere Identität verleugnen und sich als Albaner ausgeben. In ähnlicher Weise überboten sich auch die albanischsprachigen Aschkali, die ethnisch als Roma gelten, in patriotischen Äußerungen, um von den Albanern geduldet zu werden. Trotzdem wurden auch sie Opfer zahlreicher Gewaltakte.

Die Minderheiten geraten in Misskredit

AUFGRUND der Ähnlichkeit ihrer Sprache mit dem Serbischen sind die im Kosovo ansässigen Kroaten und Bosniaken vielfach mit den Serben gleichgesetzt worden. Dasselbe gilt für die Goraner, ein kleines muslimisches Volk, das im Gebirge im äußersten Süden des Kosovo lebt und eine ebenfalls slawische, dem Mazedonischen verwandte Sprache spricht. Unter dem internationalen Protektorat ist es bislang nicht gelungen, die Rechte dieser Gruppen, insbesondere in den Bereichen Sprache, Kultur und Erziehung, auch nur ansatzweise zu sichern.(5) Die „kleinen Völker“ des Kosovo haben zu Recht den Eindruck gewonnen, dass sie von allen Seiten benutzt wurden. So entsandte etwa Slobodan Milošević im Februar 1999 gezielt auch Vertreter der kleinen Gruppen zu den Verhandlungen von Rambouillet – wodurch diese Minderheiten in den Augen der Albaner und der internationalen Gemeinschaft in Misskredit gerieten.

In Mazedonien, wo die ethnische, konfessionelle und sprachliche Vielfalt besonders groß ist, hat sich die Geschichte wiederholt: Seit Beginn der Kämpfe zwischen den mazedonischen Streitkräften und der albanischen Guerilla im Februar 2001 hat die internationale Gemeinschaft zu den geplanten Gesprächen jeweils nur die Vertreter der beiden großen Parteien (Mazedonier und Albaner) geladen, während Türken, Roma, Serben, Walachen ebenso wie die Torbesch – muslimische Slawomazedonier(6) – vor der Tür blieben.

Überhaupt reduzierte sich im Laufe des Konfliktes die soziale Wirklichkeit zunehmend auf die Auseinandersetzung zweier großer nationaler Lager. Den kleineren ethnischen Gruppen blieb damit nichts anderes übrig, als sich an eine der beiden Seiten zu assimilieren. Die Serben oder die orthodoxen Walachen(7) hielten es naturgemäß mit den Mazedoniern. Dagegen ist der Fall der Torbesch etwas schwieriger: Da sie Mazedonisch sprechen, werden sie von den Albanern nicht als ihresgleichen akzeptiert; andererseits lehnen die mazedonischen Nationalisten alles ab, was mit dem Islam in Zusammenhang steht. So wurden etwa in Prilep im Juni 2001 einige vor allem von Türken und Torbesch besuchte Moscheen von mazedonischen Demonstranten zerstört.

Umgekehrt betreiben islamische Organisationen, die von Albanern dominiert sind, in den nichtalbanischen muslimischen Gemeinden Mazedoniens vor allem unter den Türken und Torbesch eine Albanisierungskampagne, auch wenn diese Volksgruppen nur 4 bzw. 3 Prozent der Bevölkerung des Landes ausmachen.(8) Falls sich die politische Lage verschlechtern sollte, werden sich diese Gruppen einer der großen Parteien anschließen müssen und so einen wichtigen Teil ihrer Identität aufgeben.

Ergebnis der politischen Spaltungen und der diversen Kriege, die den Balkan seit einem Jahrzehnt heimgesucht haben, ist folglich ein nationaler Homogenisierungsprozess auf breiter Front. Um es mit Ernest Gellner auszudrücken: Die Situation in Mitteleuropa nach 1918 gleicht nicht mehr einem komplexen Mosaik oder einem vielfarbigen pointillistischen Gemälde, sondern mehr und mehr einem Fresko, das aus einigen wenigen großen Farbflächen besteht.(9) Ist diese Entwicklung aufzuhalten? Bringt das Ende des Kriegs im ehemaligen Jugoslawien zwangsläufig die Herausbildung monoethnischer Nationalstaaten, in denen es nur noch einige wenige nationale Minderheiten gibt, deren Rechte von internationalen Organisationen garantiert werden müssen?

Bereits die Sprache bietet zahlreiche Probleme, wichtige Begriffe bedürfen dringend einer semantischen Bestimmung. Was ist mit „Volk“, „Nation“, „Minderheit“ oder „Nationalstaat“ gemeint? Dem westlichen Verständnis nach sind „interethnische“ Konflikte beklagenswert, denn ethnische Gruppen sind schließlich (gemäß dem linearen Modell gesellschaftlichen Fortschritts) Vorläufer oder Vorstufen der Nationalstaaten. 1992 hielt François Mitterrand im Rahmen eines Kolloquiums einen Eröffnungsvortrag mit dem Titel „Europa und die Stämme“. Ob „Ethnie“ oder „Stamm“ – solche Ausdrücke suggerieren, dass es sich bei den Menschen auf dem Balkan um „Wilde“ oder „Primitive“ handelt, die im Grunde nicht zu Europa gehören. Die jugoslawische Volksrepublik unterschied zwischen den „Hauptvölkern“ der Föderation bzw. einer oder mehrerer der Teilrepubliken – den Serben, Kroaten, Slowenen, Mazedoniern, Montenegrinern sowie (seit Ende der Sechzigerjahre) den Muslimen, wobei Letztere als eigene nationale Volksgruppe, nämlich als muslimische Slawen Bosniens und des Sandschak von Novi Pazar betrachtet wurden – und den nationalen Minderheiten (oder Nationalitäten). Letztere sind ethnische Gruppen, die innerhalb der Föderation keinen Titularstaat besaßen. Auch Volksgruppen, die über einen Titularstaat außerhalb Jugoslawiens verfügen, wie die Italiener Istriens, die Ungarn der Vojvodina oder die Kosovo-Albaner, galten unabhängig von ihrer tatsächlichen Größe als „nationale Minderheit“.

Der Begriff „Minderheit“ war also rein juristisch definiert und spiegelte nicht notwendig die realen demografischen Verhältnisse wider. Auch wenn eine Gruppe in einer Stadt oder Gegend die Mehrheit stellte, blieb sie „Minderheit“. So wehrten sich die Albaner im Kosovo dagegen, als Minderheit angesehen zu werden: Innerhalb der Teilrepublik Serbien, zu der das Kosovo gehörte, waren sie tatsächlich eine Minderheit, innerhalb der autonomen Provinz Kosovo jedoch eindeutig die Mehrheit. Heute, nach der Errichtung des internationalen Protektorats, sind es die Serben, die sich dagegen wehren, als Minderheit zu gelten.

Doch unabhängig von der Frage, welche Bezugsgröße man wählen soll (das Kosovo, wie es die Albaner, oder Serbien bzw. Jugoslawien, wie es die Serben fordern) muss man konstatieren, dass der Begriff Minderheit als solcher auf dem Balkan keinen guten Klang hat – trotz der Garantien von Seiten der internationalen Gemeinschaft. In dieser Region ist es herrschende Meinung, dass Minderheitenrechte ein Zugeständnis sind, das die Mehrheit jederzeit wieder zurücknehmen kann. Diese Vorstellung von „Minderheit“ ist an den Begriff des millet angelehnt, wie man im Osmanischen Reich die unter dem Schutz der Zentralgewalt stehenden Gruppen nannte. Hinzu kommt, dass Minderheiten keine staatliche Legitimation beanspruchen können. Ziel jeder nationalistischen Strömung auf dem Balkan war es aber stets, einen Staat zu gründen oder zu verteidigen , wobei der Staat „ethnisch“ oder „national“ definiert wird und sich seine Legitimation folglich aus einer angenommenen geografischen, politischen und kulturellen Volkszugehörigkeit herleitet.

Was aber genau bedeuten Begriffe wie „Nation“ oder „Volk“ auf dem Balkan? Die „objektiven“, allgemein anerkannten Kriterien wie Sprache oder Religionszugehörigkeit sind in der Realität nur schwer isoliert zu betrachten. Natürlich trifft es zu, dass die Religionszugehörigkeit die offensichtlichste Barriere zwischen den orthodoxen Serben und den katholischen Kroaten darstellen; doch die Albaner verstehen sich als ein Volk, obwohl es unter ihnen Muslime, Orthodoxe und Katholiken gibt.

Eine ethnisch definierte Nation

DIE Wurzeln hierzu liegen im Osmanischen Reich. Die Hohe Pforte verweigerte damals zwar Gruppen, die sich national definierten, die Anerkennung, Religionsgemeinschaften hingegen standen unter dem „Schutz“ des Sultans und verfügten im Rahmen der millets über Selbstverwaltungsstrukturen. Auf dieser Grundlage entstanden die heutigen Nationalstaaten. Diese konfessionelle Verankerung der Gruppen erklärt auch, warum die jeweiligen Nationalkulturen so eng mit den orthodoxen Kirchen verbunden sind – auch wenn die orthodoxe Theologie seit dem Zweiten Konzil von Konstantinopel im Jahre 1872 einen derartigen Nationalismus als ethnozentrierte Häresie verurteilt.(10)

Sind die millets also schlicht als Vorformen nationalstaatlicher Strukturen anzusehen? Jahrhundertelang haben die Menschen auf dem Balkan in ethnisch stark vermischten Gesellschaften gelebt. Die Identität eines jeden bestimmte sich nach völlig unterschiedlichen Kriterien. Religionszugehörigkeit ebenso wie sozialer und beruflicher Status spielten überall eine wichtige Rolle. Zudem herrschte Sprachenvielfalt: Es gab eine liturgische Sprache – Arabisch für die Muslime, Griechisch oder Altkirchenslawisch für die Orthodoxen –, eine Verwaltungssprache (Türkisch), eine oder mehrere Handelssprachen (zumeist Griechisch) und schließlich ein lokales Idiom, das von Stadt zu Stadt oder Landstrich zu Landstrich verschieden war. Die nationalen Bewegungen attackierten diese Vielsprachigkeit und werteten eine Sprache zur Nationalsprache auf. So kam es, dass in dem Maße, in dem sich die einen eigenen Staat erstrebenden modernen Nationalbewegungen durchsetzten, die kulturelle Vielfalt nach und nach dahinschwand.

Die neuen Staaten, deren Eliten in Paris, Wien oder Berlin ausgebildet wurden, orientierten sich bewusst am westlichen Nationalstaatsmodell, das eine rein ethnische Definition des Begriffs „Nation“ impliziert und konfessionelle und sprachliche Homogenität voraussetzt. Auf diese Weise bringen die neuen Staaten im Eiltempo Nationen hervor – ein Prozess, in dem das breite Spektrum der Identitätskriterien auf eine relativ enge Vorstelllung von „nationaler Identität“ reduziert wird. Bevölkerungsgruppen, die sich diesem Modell widersetzen oder ihm nicht gerecht werden – in den meisten Fällen handelt es sich aufgrund ihrer religiösen Zugehörigkeit um Muslime –, werden so zu nationalen Minderheiten.

Dass es diese nationalen Minderheiten überhaupt gibt, ist eine direkte Folge der Entstehung der Nationalstaaten. Denn solange die politische Legitimation des Staates nicht auf ethnischen Kriterien beruht, hat der Begriff „nationale Minderheit“ überhaupt keinen Sinn. Da im Übrigen die Staatsgrenzen den meist überzogenen territorialen Ansprüchen der neuen Nationen nie entsprechen können, entstehen unweigerlich grenzübergreifende Minderheitengruppen. In diesem Sinne lassen sich alle Kriege, die in der Balkanregion seit 150 Jahren stattgefunden haben – von der Orientalischen Krise 1878 über die Balkankriege von 1912 und 1913 und die beiden Weltkriege bis zu den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien zwischen 1991 und 2001 –, als Versuche verstehen, die Staatsgrenzen mit dem von der Nation erträumten Staatsgebiet in Übereinstimmung zu bringen.

Solche Versuche standen früher häufig im Zeichen von Parolen wie „Großserbien“, „Großalbanien“ oder „Großbulgarien“. Heute berufen sich die Nationalisten nicht mehr auf die so genannten natürlichen Grenzen ihrer Länder; statt von Großalbanien sprechen etwa die albanischen Nationalisten von einem „ethnischen Albanien“ – wobei sie unterschlagen, dass die Albaner die betreffenden Gebiete seit Jahrhunderten gemeinsam mit anderen ethnischen Gruppen bewohnen. Der Balkan ist einfach zu klein, als dass all die einander widersprechenden territorialen Forderungen verwirklicht werden könnten. Das hat zu schrecklichen Auseinandersetzungen geführt, aber auch zum Scheitern aller Versuche, Identität anders als über die Nation zu definieren.

Und doch war das Modell des Nationalstaats nicht der einzig gangbare Weg. So wurden etwa die Aromunen allein durch ihre geografische Zerstreuung daran gehindert, Territorialansprüche zu stellen. In Mazedonien lebten am Ende des 19. Jahrhunderts zwischen 69 600 (einer serbischen Statistik von 1889 zufolge) und 80 700 Aromunen (einer bulgarischen Statistik von 1900 zufolge); nach einer griechischen Statistik von 1904 liegt die Ziffer hingegen bei nur 25 100.(11) Das hat wohl damit zu tun, dass die Griechen viele Aromunen als Griechen ansahen, während es umgekehrt im strategischen Interesse der Serben und Bulgaren lag, den Anteil der griechischen Bevölkerung in Mazedonien herunterzuspielen.

Zur Zeit des Osmanischen Reiches war Mazedonien ein großes Land. Die verschiedenen christlichen Völker führten dort einen schonungslosen Kampf um die Frage der nationalen Identität. In den Schulen ebenso wie in den orthodoxen Kirchen (von Seiten serbischer, griechischer oder bulgarischer Geistlicher) wurde vielfach eine Identität festgeschrieben. Und auch die Regierungen in Belgrad, Sofia und Athen setzten erhebliche finanzielle Mittel ein, um ihre Interessen in der Region durchzusetzen. Doch bereits im Vertrag von Bukarest im Jahre 1913 zeichnete sich die Aufteilung Mazedoniens ab.

Die osmanische Herrschaft hatte eine imperiale Struktur. Das gesellschaftliche Gleichgewicht wurde durch eine starke Zentralgewalt gewährleistet. Das Aufkommen des Nationalismus hingegen war eng mit der politischen Demokratie verknüpft. Man kann sogar sagen, dass der Nationalismus die Demokratie begründete, denn jede Form von Emanzipationsbewegung muss zuallererst ihren Wirkungsrahmen festlegen. Es ist kein Zufall, dass Serbien, dessen Emanzipationsbestrebungen mit dem Aufstand gegen die Türken im Jahre 1804 begannen (seit 1830 ist das Land autonom), eine der ältesten parlamentarischen Demokratien der Region ist. In Serbien gingen die Entwicklung der Demokratie und die Entstehung des Nationalstaats nach französischem Vorbild Hand in Hand – in beiden zentralen Punkten entsprechen die Strukturen des Landes also einem modernen Politikverständnis.

Der jugolawische Föderalismus war in vielerlei Hinsicht ein Erbe des Osmanischen Reichs. Ein weiterer Einfluss war die Nationalitätentheorie des Austromarxismus, die den Versuch darstellt, die persönliche Nationalität von der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Gebiet zu trennen.(12) []Unter Tito sicherte sich das Regime die Loyalität aller ethnischen Gruppen des Landes durch die Etablierung wirkungsvoller Schutzgarantien. Auch Slobodan Milošević hat zehn Jahre lang durch einen solchen politischen Mechanismus innerhalb Serbiens für Stabilität gesorgt – während er gleichzeitig in der Außenpolitik einen serbisch-nationalistischen Kurs einschlug. Es ist eine der großen Paradoxien des Krieges im ehemaligen Jugoslawien, dass gerade Serbien ein derart multiethnisches Land ist – von der muslimisch-bosniakischen Gemeinde des Sandschak von Novi Pazar über die vielen, über das ganze Land verstreuten Roma, bis zum Völkergemisch in der Vojvodina.

Abgesehen von einigen Gewaltakten, für die eine Gruppe serbischer Extremisten um Vojislav Šešelj verantwortlich ist, ist das Zusammenleben der verschiedenen Volksgruppen in der Vojvodina nach wie vor friedlich, schon weil Belgrad an einer Krise in dieser für Serbien ökonomisch und landwirtschaftlich wichtigen Region nicht gelegen gilt. Das Beispiel der Vojvodina zeigt, dass ethnische Kriege keineswegs unausweichlich sind und dass eine multiethnische Gesellschaft nicht zwangsläufig instabiler ist als eine monoethnische Gesellschaft. Ob es zum Krieg kommt, hängt vom Verhältnis zwischen Zentralgewalt und den verschiedenen ethnischen Gruppen ab.

Allerdings führt in multiethnischen Gesellschaften die Etablierung eines Mehrparteiensystems häufig dazu, dass sich die ethnischen Unterschiede in der Parteienlandschaft widerspiegeln. Dafür ist Bosnien ein gutes Beispiel. Bei den Wahlen von 1990 stimmte dort zwar etwa ein Drittel der Bürger für nichtnationalistische Parteien, dennoch entsprachen die Stimmanteile der drei Parteien – der muslimischen Partei der Demokratischen Aktion (SDA), der Serbischen Demokratischen Partei (SDS) und der Kroatischen Demokratischen Gemeinschaft (HDZ) – dem Anteil der von ihnen vertretenen Gruppen an der Gesamtbevölkerung.(13) Seitdem ist es denn auch noch nicht vorgekommen, das auch nur ein politisches Anliegen über die Grenzen der Volksgruppen hinweg verfolgt worden wäre.

Mit der Auflösung Jugoslawiens hat das Konzept Titos, die einzelnen Volksgruppen zu schützen, ein Ende gefunden. Die Nachfolgestaaten Jugoslawiens versuchen, ihre Legitimität über das Nationalprinzip zu begründen, was im Falle Kroatiens gelungen ist. Der Preis des Erfolgs war der Exodus eines großen Teils der serbischen Bevölkerung.(14) In Mazedonien hätte der Versuch, die Legitimät des Staates national – nämlich slawomazedonisch – zu begründen, beinahe das gesamte Land in einen Bürgerkrieg gestürzt.

Serbien ist wie gesagt paradoxerweise immer noch ein ausgesprochen multiethnisches Land. Erst die demokratische „Revolution“ vom Oktober 2000 hat die Frage, ob auch Serbien sich als Nationalstaat verstehen sollte, wieder aktuell gemacht. Im Falle eines (wahrscheinlichen) Auseinanderbrechens Serbien-Montenegros wird Serbien ein unabhängiger Staat. In diesem Fall wird die Frage anstehen, ob es sich als mono- oder als multiethnischer Staat begreifen wird. Allgemeiner lautet die Frage: Wird es den Balkanstaaten insgesamt gelingen, ihre politische Legitimation auf andere Prinzipien zurückzuführen als auf das Nationalprinzip?(15)

Am Beispiel der Balkanregion zeigt sich, wie überaus wichtig es ist, die Vorstellung zu überwinden, dass der Nationalstaat die einzige politische Option sei. Der Nationalstaat ist in der Geschichte der menschlichen Gesellschaften keineswegs eine zwangsläufige Erscheinung. Wenn man davon ausginge, müsste man neue Auseinandersetzungen für unabwendbar halten. Das würde bedeuten, dass die „kleinen Völker“ – die über dem Konflikt der großen Parteien in Vergessenheit geratenen Minderheiten – erneut einen hohen Preis entrichten müssten.

deutsch von Patrick Batarilo

* Journalist, Belgrad, Autor zus. mit Catherine Samary: „Conflits yougoslaves de A à Z“, Paris (L’Atelier) 2000.

Fußnoten:

1 Alain Finkielkraut, „Comment peut-on être Croate ?“, Paris (Gallimard) 1992.

2 Vgl. „Les conflits yougoslaves de A à Z, Paris (L’Atelier) 2000.

3 Vgl. Michel Roux, „Le Kosovo. Dix clés pour comprendre“, Paris (La Découverte) 1999.

4 Eine den Roma eng verwandte ethnische Gruppe. Die Ägypter tauchen erst seit kurzem in den Statistiken auf, sie grenzen sich selbst von anderen ethnischen Gruppen ab.

5 Vgl. Stanislav Milojkovic, „De l’enseignement des langues au Kosovo“, Webseite des Courrier des Balkans, http://www.balkans.eu.org/article1282.html.

6 Goraner im Kosovo und Torbesch in Mazedonien sind den Pomaken Griechenlands und Bulgariens verwandt.

7 Die Walachen, auch Aromunen genannt, sprechen eine romanische, dem Rumänischen verwandte Sprache.

8 Angaben aus der Volkszählung von 1994; die Auswertung des Zensus von 2002 steht noch aus.

9 Siehe Ernest Gellner, „Nationalismus und Moderne“, Berlin (Rotbuch) 1991.

10 Das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel reagierte damit auf die Anerkennung der autonomen Bulgarischen Kirche durch einen Firman der Heiligen Pforte von 1870. Das Konzil verlieh damals der bulgarischen Kirche den Status eines „Exarchats“.

11 Vgl. Georges Castellan, „Histoire des Balkans, XIVè–XIXè siècles“, Paris (Fayard) 1991. Die osmanische Provinz Mazedonien umfasste ein Gebiet, das über die heutige Republik Mazedonien hinaus auch Teile von Nordgriechenland und Westbulgarien einschloss.

12 Siehe das Buch des Austromarxisten Otto Bauer, „Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie“, Wien 1907. Bauer definierte die Nation nicht nur als eine Gemeinschaft gleicher Abstammung und Sprache, sondern als eine aus gemeinsamer „geronnener“ Geschichte entstandene Kultur- und Charaktergemeinschaft.

13 Vgl. Xavier Bougarel, „Anatomie d’une poudrière“, Paris (La Découverte) 1996.

14 Vgl. Diane Masson, „L’utilisation de la guerre dans la construction des systèmes politiques en Serbie et en Croatie, 1989–1995“, Paris (L’Harmattan) 2002.

15 Vgl. Jean-François Gossiaux, „Pouvoirs ethniques dans les Balkans“, Paris (PUF) 2002.