prêt-à-porter

Kann Maggie Thatcher auch im Sommer sexy sein?

Die Pariser Prêt-à-porter-Schauen werden immer mit Spannung erwartet. Zwar reihte sich seit Mitte September eine Modewoche an die nächste: Doch was sind schon New York, London und Mailand gegen Paris, das noch immer das letzte Wort hat? Was „Paris“ bringen wird – diese Frage birgt eben für die Sommersaison 2005 ihre ganz besondere Brisanz.

Im Frühjahr nämlich – zur Präsentation der Kollektionen für den Herbst/Winter 2004 – gab es auf den Laufstegen vermehrt Kostüme zu sehen. Da waren die Twinsets, die Frisuren, vor allem aber eines: die Bluse. Siehe da: Pünktlich zum Herbstbeginn ist die Parole in den Modemagazinen: „Look like a lady“. Fünfzigerjahre: „Glanz“, sagen die einen; „Chefsekretärin“ die anderen. Viel zitiert der Ausspruch des amerikanischen Modedesigners Marc Jacobs: Es gehe darum, Margaret Thatcher sexy zu finden.

Überall ist das Bild der hochgeschlossenen blaugrauen Rüschenbluse zu sehen, mit seidiger Schleife gebunden. Und bei den Schauen der letzten Wochen, etwa in Mailand dominierte – die Bluse. In New York zeigte die Newcomerin Proenza Schouler eine Kollektion, von der es etwas süffisant hieß: „Schwiegertochtertauglich“. Die Mode, so scheint es, hat eine konservative Wende genommen. Was also bringt Paris: Schafft es die Bluse in den nächsten Sommer?

Für den ersten Tag der Defilees nun kann man die Frage getrost vergessen. Er gehört den jungen Designern, die die Sexyness von Maggie Thatcher nicht wirklich beschäftigt. Bless, Ines Kaag und Desirée Heiss, die über die Kunst zur Mode gekommen sind, nehmen das Prêt-à-Porter ganz wörtlich: Auf dem Laufsteg im Carousel du Louvre hängen versetzt durchscheinende Leinwände. Projektion eines Boulevards am Spätabend; dann beginnt das Defilee. Es ist ein schönes, viel versprechendes Bild für das „Fertig zum Tragen“: die Models direkt zwischen den Passanten. Die Mode löst das Versprechen weniger ein. Anfangs gehen die asphaltgrauen Modelle unbemerkt im Alltag unter; später werden Gebilde an den Körper gebracht, als gelte es, jede Bekleidungskonvention zu vermeiden. Unterhalb der Schulter bekommt der Schleier eine neue Bestimmung: absichtslos mal vorn, mal hinten zu schwingen.

„Lutz“ hingegen, der in Paris lebende deutsche Modemacher Lutz Hueller, ist bei der traditionellen Garderobe geblieben: fast, jedenfalls. Ihre hellblauen Kniestrümpfe tragen die Models über den Pumps. Jacketts sind zu sehen, mit Ärmeln bis zu den Schultern geschlitzt, als Futter blitzt weißer Nadelstreifen. Bisweilen bleibt von einer Jacke nur ein kleines Krägelchen und der oberste Knopf. Auf einem weißem, formschlichten Kleid sieht man schwarze Muster, Gekritzel und mit Kreuzstich gestickte Blumen. Dann eine Art weite Weste, die im Gehen aufweht und flattert wie ein Schal. Auf die Straße gebracht wird sie nicht mit Blöße wie auf dem Catwalk, sondern mit einem Futterkleid. „Ich mag diese Geste: sich den Schal anzuziehen“, sagt Hueller nach der Schau. Er hat sie im Kleid festgehalten.

Der Belgier Christian Wijnants präsentierte die farbkräftigste Kollektion. Es war die sinnlichste und die sommerlichste zugleich. Senfgelb, smaragdgrün, altrosa; am bravsten daraus die Hemdblusenkleider. Charakteristisch waren weite, vom gerafften Ausschnitt ins Volumen gebrachte Gewänder sowie die grafischen, fast psychedelischen Muster, die Wijnants auf schmalen Kleidern zeigte. Kein gedrucktes, sondern ein genähtes Muster, weswegen die Etuikleider fest waren wie seidige Schatullen. Dagegen das Mille-fleurs-Seidencomplet: Eng umschließt die Hose die Hüften; weit – weil plissiert – ist nur die Vorderhose. Mit der Weite kommt eine wehende Lässigkeit. Die tausend Blumen als Kleid sind ein Hauch von Seide, über den Schultern von geknoteten Bändern gehalten. Er habe an ein lose fallendes Gewand gedacht, an den Abend nach einem schwülen Tag, sagte der 27-jährige Designer. Ein guter Beginn.

KATRIN KRUSE