Das verlorene „s“

Die Familie Timoschkin kämpft mit den deutschen Behörden um die richtige Schreibung ihres Namens. Eine wahre Geschichte aus Meine bei Braunschweig, aufgeschrieben von Esther Geißlinger

Ein „s“. Mehr möchte Dmitri nicht von der Bundesrepublik – aber der große Staat tut sich schwer damit, den kleinen Buchstaben zu verschenken. Höchstens kaufen dürfte der Noch-Russe das Schriftzeichen, das seinen Nachnamen lesbar machen und ihm das Leben in der neuen Heimat erleichtern würde. Seit Monaten plagen sich Dmitri, seine Frau Natascha und ihre Zwillingssöhne mit den Behörden, und inzwischen hat sich das kleine „s“ zu einem Riesenproblem entwickelt.

Schuld daran sind eine Reihe von Zufällen und eine Gesetzgebung, die diesen Zufällen mehr Bedeutung zumisst als sprachlicher Logik und Hilfe für Neu- Deutsche.

Als Dmitri, Nachname Timoschkin, 1992 zum Studium nach Deutschland kam, hatte er einen Pass in der Tasche, der noch von einer sowjetischen Behörde ausgestellt worden war. Die Sowjetunion transkribierte aus politischen Gründen kyrillische Namen nach französischer Phonetik in lateinische Schrift – der Name „Timoschkin“ schrieb sich also „Timochkine“. Die Nachfolgestaaten der Sowjetunion stiegen auf englische Schreibweise um – würde Dmitri heute einen Pass beantragen, hieße er „Timoshkin“. In den zwölf Jahren, die der heute 35-Jährige in Deutschland lebt, ließ er mehrfach seine Papiere verlängern, irgendwann verschwand dabei das „e“ am Ende des Namens, der damit in keiner Sprache der Welt mehr korrekt auszusprechen ist. Nun will die Familie sich einbürgern lassen und bat beim Standesamt darum, in den neuen Pässen das Buchstaben-Kuddelmuddel zu beseitigen: „Denn so ist es doch einfach blöd“, meint Natascha.

Aber statt das „s“ einzufügen, brachten die Beamten in Meine, Samtgemeinde Papenteich bei Braunschweig, ein zusätzliches Problem ins Spiel: die Vatersnamen. Die sind offizieller Bestandteil eines russischen Namens und müssen – sagt das deutsche Recht – im deutschen Pass auftauchen. Damit sind die Deutschen „russischer als die Russen“, spottet Dmitri: „Selbst die Sowjetunion hat im Auslandspass die Vatersnamen nicht eingetragen. Inzwischen verschwinden sie sogar in Russland aus dem Sprachgebrauch.“ In seinen zwölf Jahren in Deutschland hat Dmitri den Vatersnamen nie benutzt und füllt sich unwohl damit, ihn als werdender Deutscher aufgedrückt zu bekommen: „Damit kommt ein fremdes Element hinzu, als wäre ich nur ein Bürger zweiter Klasse.“

Aber was schert das eine deutsche Behörde? So bekam Dmitris Ehefrau zur bereits vollzogenen Einbürgerung einen Namen beschert, der alles ist, nur nicht deutsch: Ihr Vorname Natalia schreibt sich „Nataliya“, da sie Mitte der 90er Jahre aus der Ukraine einreiste, die bereits englisch transkribierte. Der Vatersname Vadimovna wurde vom Standesamt nach ISO-Norm übertragen, der Nachname Timochkin ist sogar noch falscher als der ihres Mannes: „Denn wenn die Namensgebung dem russischem Recht folgt, auf das sich das Standesamt beruft, müsste er in der weiblichen Form Timoschkina gebildet werden“, erklärt die studierte Ärztin.

Die Timoschkins sind Bilderbuch-Migranten: Vor ihrem gepflegten Einfamilienhaus parkt ein gehobener Mittelklassewagen deutscher Produktion, drinnen krähen die fünfjährigen Zwillinge im Kindergarten erworbenes deutsches Liedgut über den Abendbrottisch. Natascha ist zurzeit Hausfrau, Dmitri arbeitet als Programmierer. Das Paar lernte sich in Hannover kennen, die Kinder wurden dort geboren. Sie wachsen zweisprachig auf, allerdings beklagen die Eltern den deutschen Akzent, mit dem die Kleinen Russisch plaudern.

„Deutschland ist das Land, in dem wir leben und alt werden möchten“, erklärt Dmitri. Die Einbürgerung war für ihn, der bereits als Schüler Deutsch lernte und einen großen deutschen Freundeskreis hat, eine kleine Formalität, die eine längst getroffene Lebensentscheidung amtlich macht. „Nie hätte ich gedacht, solche Probleme zu bekommen – gerade bei der Einbürgerung, die einen Akt der Freude darstellen sollte.“

Die Freude ist der Familie verdorben durch den Streit um das kleine „s“ und die sperrigen Vatersnamen. „Vielleicht meinen ja einige, es sei lächerlich, sich über so etwas aufzuregen“, sagt Dmitri. „Aber ein Name ist etwas Intimes, ein Teil meiner Identität. Ich verlange nichts Übertriebenes: Ich möchte nur so heißen, wie ich immer geheißen habe, und das nach deutschen Regeln.“ Denn schließlich, fügt Natascha hinzu, „geht es ja um einen deutschen Pass und nicht um einen chinesischen“.

Vor allem machen sich die Eltern Gedanken um die Zwillinge, die im nächsten Jahr zur Schule kommen und sich von da an mit ihren kompliziert geschriebenen Nach- und den ungebräuchlichen Vatersnamen herumschlagen müssen. Vater Dmitri weiß inzwischen, wie er die Schreibweise zu erklären hat: „Timochkin mit ch wie in Chevrolet.“ Was ihm im Kollegenkreis den Spitznamen „Dima Chevrolet“ eingebracht hat – „dieses Theater wollte ich meinen Jungs ersparen“.

Aber das Standesamt schaltet auf stur und beruft sich auf die Paragraphen: In der „Dienstanweisung für Standesbeamte“ heißt es: „Ergibt sich die lateinische Schreibweise aus einer Personenstandsurkunde des Heimatlandes, ist diese Schreibweise maßgeblich“ – ganz egal, wie falsch sie ist. Der Fall wurde inzwischen weitergereicht: Vom Standesamt Meine zum Landratsamt Gifhorn, wo Dirk Meyer für die schwierigen Fälle zuständig ist. „Die Sache ist unglücklich gelaufen“, gibt er zu. Aber Gesetz ist Gesetz: „Im Pass steht Timochkin, das haben wir übernommen.“ Zurzeit liegt die Sache beim Amtsgericht in Hildesheim, das vielleicht ein Auge zudrückt und das kleine „s“ verschenkt. Wenn nicht, bleibt der Familie nur eines: nach der Einbürgerung eine Namensänderung zu beantragen. Für Dmitri ist das unakzeptabel: „Ich will meinen Namen eben nicht ändern, ich will ihn so behalten, wie er ist.“ Außerdem wäre der Behördenakt teuer – laut Auskunft des Standesamtes Meine koste das „s“ für die Familie rund 500 Euro, die Beseitigung der Vatersnamen weitere 350. „Dieses Geld würde ich lieber in die Ausbildung meiner Kinder stecken.“ Ungerecht findet er auch, dass Spätaussiedler ihre Namen kostenlos ändern dürfen, andere Migranten aber zahlen müssen.

Dirk Meyer vom Landratsamt erklärte gegenüber der taz, dass die Änderung so teuer nicht sein könne, genaue Summen nannte er aber nicht. Und er erklärte noch einmal den Grund für den Schlamassel: „Wir können einem fremden Staat nicht vorschreiben, wie er die Namen seiner Bürger schreibt.“

Dmitri bat daraufhin im russischen Generalkonsulat in Hamburg um Hilfe und erhielt einen Stempel, aus dem hervorgeht, wie die Russen den Namen auf Deutsch schreiben würden: mit „sch“.