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Doris AkrapGeraschelWer krank ist, muss leiden, leisten oder labern

Foto: privat

Krank (Atemwege, Rücken, Seele, Deutschlands Wirtschaft) sind zur Zeit viele, aber haben Sie sich schon mal mit heißem Tee den Gaumen so verbrannt, dass Sie klangen wie Po­li­ti­ke­r frühmorgens im Deutschlandfunkinterview, deren Zunge noch Anlaufschwierigkeiten hat?

Nicht schön.

Ich hatte diese Woche das Vergnügen und deshalb viel Zeit zum Zuhören. Die nicht überraschende Auswertung: Meiden Sie den politischen Betriebslärm, wenn Sie Ihre Lymphknoten nicht dazu motivieren wollen, sich auf Rekordniveau aufzupumpen.

Da war mal wieder einer dieser Vorschläge aus dem Ministerium für verstaubte Ideen: Wer krank ist, muss leiden. Leiden tut man eh schon (siehe oben) und soll deswegen nun zwar nicht gleich am ersten Tag auch noch aus dem Job fliegen, aber auch kein Geld mehr kriegen. Lohnfortzahlung am 1. Krankheitstag kann weg. Im Wirtschaftsministerium der Frau Reiche sollte man vielleicht mehr Studien lesen als nur die, dass Deutsche öfter krankgeschrieben sind als andere Nationen. Zum Beispiel solche, die nachweisen, dass Präsentismus und Drohungen, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall zu streichen, zwar die Anwesenheit, bei Weitem aber nicht die Leistung der Mit­ar­bei­te­r*in­nen erhöhen.

Auf die Idee zu kommen, dass Angestellte besser arbeiten, wenn der Unterschied ihres Gehalts zu dem der Chefetagen nicht so eklatant wäre, auch dafür gibt es Studien.

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche ist übrigens einer der häufigsten Gäste des deutschen Davos, des „Tegernsee-Summits“, des Ludwig-Erhard-Gipfels, von dem die Ehefrau des amtierenden Kultur- und Medienministers sagt, er sei „die Keimzelle der neuen Bundesregierung“ gewesen.

Mein vom Verschleimungs- und Schwachheitszustand sowieso schon stark erhöhtes Stöhnbedürfnis nimmt sich zwischen zwei Niesern allen weiteren verfügbaren Platz.

Hier ­erscheinen zwei Kolumnen im Wechsel. Nächste Woche: „Grauzone“ von Erica Zingher

Und dann kommt der Bundeskanzler und lässt wissen, dass man seinem guten Freund vom Tegernsee übel mitgespielt wurde. Alle Vorwürfe gegen Wolfram Weimer seien falsch.

Der Vorwurf „Interessenkonflikt“ ist allerdings alles andere als ausgeräumt. Der Minister hat ja schon bei Amtsantritt angekündigt, nach seinem Ausflug in die Politik wieder zurück ins Business zu gehen. Nach dem Motto: kurz rein da, Händeschütteln, Visitenkarten einsammeln, bisschen vor Dingen warnen, vor denen man grad so warnt (KI, Weltuntergang, Rechte an der Macht) und dann aber auch schon wieder fast in die Kurve einbiegen, auf der das nächste Fest am Tegernsee mit Politprominenz vorbereitet wird. Ach ja, Kulturminister ist man ja auch noch, also ja, da haben wir ein schönes Streichprogramm zusammengestellt und wenn Sie „heute-journal“ oder „tagesthemen“ schauen, dann werden Sie gegen Ende immer auch auf eine hübsche Fotoausstellung oder ein tolles Konzert hingewiesen. Aber jetzt muss ich wirklich los, tschühüss.

Die anschwellenden Schleimhäute kriegen keine Ruhe, bis ein Retter im Radio spricht. Es ist der Sicherheitsexperte und Politikberater Nico Lange, der dem Deutschlandfunk ein Frühmorgeninterview gibt. Auf die Frage der Moderatorin („Schwierige Situation bestmöglich gelöst?“), mit der sie die „Kommunikationsleistung“ der Europäer hinsichtlich des 28-Punkte-Kapitulationsplans für die Ukraine erfragen will, antwortet Lange: „Ja, jetzt ist ja nicht alles Kommunikation. Manche in der Politik machen den Fehler, zu denken, man könne alles kommunikativ lösen.“

Ja, jetzt ist ja nicht alles Kommunikation

Nico Lange

Europas Ukrainepolitik besteht aus Warten: Warten auf einen runden Tisch mit Trump, um ihm seine Ideen auszureden. Wir reden ziemlich viel übers Reden und wer das darf und wer nicht. Politik ist aber mehr als die Zeit zwischen oder die Fortsetzung von Talkshow- oder Gipfelauftritten. Darauf 1 Liter Bergtee.

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