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Die Schwestern der Schwulen

Der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) hat für die zentrale Berliner CSD-Kundgebung am kommenden Samstag keine Frau nominieren wollen. Wozu noch das „L“ im Namen?

Das Berliner CSD-Forum e. V., Organisator der „Christopher Street Parade“, bat den LSVD um politische Redebeiträge für die Kundgebung an der Siegessäule. Der LSVD, das zur Erläuterung, ist die einflussreichste und tatsächlich politisch alerteste Homoorganisation der Republik. Hervorgegangen aus der DDR-Bewegung SVD, Anfang der Neunziger im Kürzel um das L erweitert, um zu signalisieren, dass man sich, wie in Skandinavien, Kanada, den USA und den Niederlanden, als Organisation nicht nur für schwule Interessen engagiert. Der LSVD jedenfalls tagte – und fand nur einen Mann für würdig, bei der Kundgebung zu sprechen. Dem Vernehmen nach hat sich keine Lesbe bereit gefunden, vor 50.000 Menschen zu sprechen.

Merkwürdig: Kann man von einem Verein, der sich für die Rechte von BürgerInnen einsetzt, nicht verlangen, dass er seine Frauen ermutigt? Es würde ihn überdies – zumindest, was die Geschlechterdemokratie anbetrifft – von der zart quotierten Union unterscheiden.

Zwölf Menschen hat der LSVD im Bundesvorstand, darunter vier Frauen. Und die sollen alle unwürdig, ja unbegabt sein, das Lesbische zu repräsentieren? Unfug. Die Regenbogen-Community kennt alle Geschlechter – der LSVD aber verhält sich so, als seien lesbische Frauen noch nicht ganz aus der Lehrlingsphase heraus: Weshalb aber dann das „L“ im Namen?

Und: Was sagen eigentlich die Grünen dazu? Die haben doch den – die anderen Parteien kneifen ja alle noch –, den nachhaltigsten Einfluss auf diesen Verband: Finden die das toll, dass Lesben immer nur die verschämten kleinen Schwestern der Schwulen bleiben sollen? Kann eine Organisation öffentliche Förderung bekommen, wenn sie das Lesbische im Regenbogenhaften so rüde übergeht?

Oder liegt die Respektlosigkeit gegenüber den Lesben im LSVD darin begründet, dass gerade sie den Trend zur Pornografisierung des CSD – und damit auch deren Unterstützer unter den LSVD-Schwulen – kritisierten? Ist also, wer die öffentliche Feier von körperlichem Sex, urinalen Fetischen und grenzwertigen Selbstdarstellungen ablehnt, zu prüde für eine Rede an der Siegessäule?

Der LSVD ist wichtig. Wichtig bleibt er aber nur dann, wenn er auch seinen lesbischen Aktivistinnen den Raum gibt, der ihnen zusteht. Wie viel genau? Sagen wir … mindestens die Hälfte des Regenbogenhimmels! JAF