Schockwirkung erwünscht

Im Kampf gegen Corona setzt das Innenministerium auf Massentests, Handy-Tracking
und eine härtere Kommunikationsstrategie. Und warnt vor einem Zustand der „Anarchie“

Masterplan? Horst Seehofer (70) gehört zur Risikogruppe Foto: Christian Thiel/imago

Von Malte Kreutzfeldt

In einem vertraulichen Strategiepapier hat das Bundesinnenministerium mögliche Szenarien zum Verlauf der Coronaepidemie dargestellt. Zudem geht es um angestrebte Gegenmaßnahmen und die damit verbundene Kommunikationsstrategie. Zuerst hatte der Rechercheverbund aus Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR über das 17-seitige Papier berichtet, das auch der taz vorliegt. Es drängt neben einer starken Ausweitung der Coronatests und der Erhöhung der Zahl von Intensivbetten auch auf eine veränderte Kommunikationsstrategie. Das Innenministerium bestätigte am Freitag die Existenz des Papiers, wollte es aber nicht kommentieren, weil es „nicht für die Öffentlichkeit bestimmt“ sei.

Zum Verlauf der Epidemie vergleicht das Ministerium drei Szenarien. Das „Worst Case“-Szenario geht davon aus, dass sich die Verdopplungszeit der Infiziertenzahl von anfangs 3 Tagen auf 6 Tage bis Mitte April und 9 Tage bis Ende April verlängert (aktuell liegt sie bei knapp 5 Tagen). In diesem Fall hätten sich bis Ende Mai etwa 70 Prozent der Bevölkerung infiziert. Bis zu 350.000 Menschen benötigten gleichzeitig eine intensivmedizinische Versorgung – was angesichts der vorhandenen Kapazitäten bedeuten würde, dass 85 Prozent derjenigen, die sie brauchen, abgewiesen werden müssten.

In diesem Szenario würden innerhalb von zwei Monaten knapp 1,2 Millionen Menschen durch das Coronavirus sterben. Das Innenministerium geht dabei aufgrund von Hochrechnungen aus anderen Ländern von einer Sterblichkeitsrate von 1,2 Prozent aus, sofern eine ausreichende Krankenhausversorgung gewährleistet ist. Zu Zeiten, in denen die Kapazitäten nicht ausreichen, wird eine Sterblichkeit von 2 Prozent angenommen. Diese Werte sind deutlich höher als in einem Szenario des Robert-Koch-Instituts vom 20. März: Dies ging von einer Sterblichkeit von 0,56 Prozent aus, erklärte dazu aber, dass dieser Wert „eher am unteren Rand bestehender Schätzungen“ liege.

In einem als „Dehnung“ bezeichneten Szenario wird davon ausgegangen, dass die Verdopplungszeit der Infiziertenzahl durch schärfere Maßnahmen zur Verringerung physischer Kontakte schon bis Anfang April auf 6 Tage und bis Mitte April auf 9 Tage steigt. In diesem Fall würden nur etwa 20 Prozent der Bevölkerung infiziert. Der Bedarf an Intensivbetten würde dabei die Kapazität nur geringfügig überschreiten, sodass nur 16 Prozent der Pa­tienten abgewiesen werden müssten. In diesem Szenario würden nur etwa 220.000 Menschen sterben. Allerdings müsste der Ausnahmezustand mit weitgehenden Kontaktbeschränkungen dabei rund sieben Monate andauern.

Das dritte Szenario trägt den Namen „Hammer and Dance“, offenbar in Anlehnung an einen viel zitierten Artikel über Eindämmungsstrategien zur Coronaepidemie. Dieses geht davon aus, dass zusätzlich zur Verlängerung der Verdopplungszeit anschließend die Ausbreitung des Virus durch umfangreiches Testen und Isolieren von Infizierten stark verringert werden kann. Dadurch sinkt die Zahl der Infizierten auf insgesamt rund 1 Million und die der Toten auf 12.000.

Ausgangsbeschränkungen bis mindestens Ende April

Um das zu erreichen, müsse die Zahl der Coronatests schnell und massiv erhöht werden. „Getestet werden sollten sowohl Personen mit Eigenverdacht als auch der gesamte Kreis der Kontaktpersonen von positiv getesteten Personen“, heißt es in dem Papier. Um Personen zu ermitteln, die mit einem Infizierten in Kontakt waren, will das Innenministerium auch Handy-Daten nutzen: „Um das Testen schneller und effizienter zu machen, ist längerfristig der Einsatz von Big Data und Lo­ca­tion Tracking unumgänglich.“ Alle positiv getesteten Personen müssten dann isoliert werden, „zu Hause oder in einer Quarantäneanlage“.

Wenn diese Testkapazitäten schnell gesteigert würden, könnten die allgemeinen Ausgangsbeschränkungen ab 20. April schrittweise gelockert werden – was aus Sicht des Innenministeriums auch erforderlich ist. „Eine längere Periode der Ausgangsbeschränkungen ist weder wirtschaftlich noch sozial aufrechtzuerhalten“, heißt es.

Neben den Strategien zur Eindämmung der Epidemie beschäftigt sich das Papier auch ausführlich mit der politischen Krisenkommunikation – und drängt darauf, die Gefahren stärker zu betonen als bisher geschehen. „Wir müssen wegkommen von einer Kommunikation, die auf die Fall­sterblichkeitsrate zentriert ist“, schreiben die Autoren. Diese habe jungen und gesunden Menschen bisher den Eindruck vermittelt, dass sie selbst kaum betroffen seien.

„Um das Testen schneller und effizienter zu machen, ist längerfristig der Einsatz von Big Data und Location Tracking unumgänglich“

Strategiepapier des Innenministeriums
Folgeschäden auch für junge Menschen

Das ist aus Sicht des Innenministeriums aber nicht der Fall. Zum einen drohten auch bei jungen Menschen Folgeschäden wie eine reduzierte Lungenkapazität. Zum anderen würden – zumindest in den negativeren Szenarien – die Folgen im Familienumfeld unmittelbar spürbar. „Viele Schwerkranke werden von ihren Angehörigen ins Krankenhaus gebracht, aber abgewiesen und sterben qualvoll um Luft ringend zu Hause“, warnt das Papier – und fordert: „Um die gewünschte Schockwirkung zu erzielen, müssen die konkreten Auswirkungen einer Durchseuchung auf die menschliche Gesellschaft verdeutlicht werden.“

Neben den gesundheitlichen Folgen warnt das Ministerium zudem in drastischen Worten vor den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen. Im günstigsten Fall einer schnellen Eindämmung und Kontrolle der weiteren Ausbreitung werde das Bruttoinlandsprodukt nur um 4 Prozent sinken. Im schlimmsten Fall sei ein Einbruch um 32 Prozent denkbar. Was das bedeuten könnte, umschreibt das Papier so: „Es droht, dass dies die Gemeinschaft in einen völlig anderen Grundzustand bis hin zur Anarchie verändert.“

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