Irgendwie Union gegen irgendwie Hertha

Vor der Wende: 1987 gab es in Köpenick ein illegales Freundschaftsspiel zwischen einem Ost- und einem Westberliner Verein

Von Gunnar Leue

Union gegen Hertha – was heute ein Bundesligaderby ist, war in den Jahren des geteilten Berlins nicht mal als simples Freundschaftsspiel denkbar. Zu abstrus und real zugleich die Angst vor allem der Ostberliner Politiker, dass so ein Spiel mit einem blau-rot-weißen Band der Sympathie auf den Rängen zu einer Art politischen Manifestation werden könnte.

Das heißt nicht, dass abseits des offiziellen deutsch-deutschen Freundschaftsspielbetriebs gar nichts passierte. So fand am 24. Oktober 1987 im Bezirk Köpenick ein illegales Fußballspiel zwischen einer Ost- und einer Westberliner Elf statt, das man mit etwas vereinshistorischer Lockerheit auch als Spiel „Irgendwie Union gegen irgendwie Hertha“ bezeichnen könnte. Beide Kontrahenten – der KSV Johannisthal und der Berliner SC – hatten in ihrer Vereins-DNA je ein bisschen von den schon damals beliebtesten Berliner Fußballklubs.

Der KSV Johannisthal hatte nicht nur viele Unioner in seinen Reihen, sondern spielte auch in der Union-Liga, in der diverse Freizeitteams mit Fans der Eisernen kickten. Der in Charlottenburg beheimatete Berliner SC wiederum ist die Vereinskeimzelle von Hertha BSC, da die Fußballabteilung ihres Vorläufers Hertha 92 von 1923 bis 1930 im Berliner SC integriert war.

Noch verschlungener als diese Bezüge ist der Weg zur historisch denkwürdigen Partie (im Köpenicker Ortsteil Schmöckwitz), die in keinem Geschichtsbuch steht und offiziell als Spiel zweier Köpenicker Mannschaften angemeldet war.

Alles begann mit einer privaten Ost-West-Bekanntschaft im Jahr 1987. Elmar Werner, ein 24-jähriger Theologiestudent aus Johannisthal, hatte in Kirchenkreisen den jungen Westberliner Götz Heinze kennengelernt. Während der bei gemeinsamen Kneipenbesuchen in Ostberlin gern 68er-Anekdoten von seinen Begegnungen mit Rudi Dutschke erzählte, berichtete Elmar Werner, wie er als Protestant mit seinem katholischen Schulfreund Joachim Döring 1980 einen alternativen Fußballverein gegründet hatte. Und wie jener KSV Johannisthal bald darauf sogar unter dem Radar des offiziellen Spielbetriebs ein Fußballturnier mit Teams von westlichen Botschaften veranstaltet hatte. Schlauerweise lud Elmar Werner damals auch sowjetische Genossen von der UdSSR-Botschaft mit ein, was ein Grund gewesen sein könnte, dass die Stasi nicht dazwischenfunkte. Es kam, was nach ein paar Bieren häufig bei Kneipengelaber herauskommt: eine verrückte Idee. In diesem Fall von Götz Heinze, der an ein Spiel zwischen dem KSV und dem Berliner SC dachte. Natürlich in Ostberlin, im Westen ging’s ja nicht.

Zwei Monate tüftelten die Hobbykicker an der Planung des Coups, über den Immer-noch-KSV-Präsident Elmar Werner 32 Jahre später sagt: „Eigentlich war das eine wahnsinnige Aktion, denn wir organisierten sie ja nicht kurz vorm Mauerfall, wo die Stasi die Dinge kaum noch unter Kontrolle kriegte.“

Zur akribischen Vorbereitung gehörte, dass der Ost-West-Kick auf dem Großfeld in Schmöckwitz beim Platzwart als Freundschaftsspiel zwischen KSV Johannisthal und der Betriebssportgemeinschaft WSSB (Werk für Signal- und Sicherungstechnik Berlin) angemeldet wurde. Auch die eigenen KSV-Spieler kannten den wahren Gegner dieses Hochrisikospiels nicht, nur drei, vier Vereinsvorständler des KSV wussten Bescheid. Sie waren es auch, die die Westberliner Fußballer am Samstagvormittag des 24. Oktobers an verschiedenen Grenzübergängen der Stadt abholten. Um nicht aufzufallen, waren die nicht als Fußballer erkennbar eingereist. In ihren Taschen hatte sie keine Spielerkleidung, dafür am Körper unter den Jeans zweifach Unterwäsche an – eine fürs Spiel. Ihre Fußballtreter an den Füßen fielen deshalb nicht auf, weil es sich um Kunstrasenschuhe mit angegossener Noppensohle handelte. Lediglich der BSC-Torwart hatte die konspirative Vorsorge verpeilt, wurde von den etwas verwunderten DDR-Grenzern aber durchgewinkt.

Etwas verwundert waren auch die wenigen Zuschauer der Partie am frühen Mittag, lief doch der KSV-Gegner ebenfalls mit KSV-Trikots auf. Das Spiel selbst war dann eine klare Sache. Der KSV, damals ein Spitzenteam der dritten Kreisklasse Köpenick, besiegte die Charlottenburger, die auch nur die dritte Mannschaft des BSC waren, 6:1.

Nach dem historischen Match ging es gemeinsam in die dritte Halbzeit, die für die Westkicker kurz vor Mitternacht im Zustand annähernder Volltrunkenheit am Grenzübergang Oberbaumbrücke endete. Last Exit Westberlin. Geschichte wurde gemacht, nun ging’s voran back to Kreuzberg.

Worüber man sich außer über die Brisanz des Risikospiels noch keine Gedanken gemacht hatte: das Rückspiel. Warum auch, ein solches war schlicht illusorisch, denn der Mauerfall so fern der Vorstellung wie ein DDR-Meistertitel für den 1. FC Union.

Als der Mauerfall im November 1989 aber doch geschah, dauerte es nur wenige Wochen bis zum Rückspiel. Es fand am 20. Januar 1990 auf dem Hubertussportplatz statt – genau eine Woche vor der denkwürdigen Freundschaftsbegegnung Hertha gegen Union im Olympiastadion vor über 50.000 Zuschauern.

KSV-Mann Joachim Döring, an der historischen Partie als Mitorganisator und Mitspieler beteiligt, staunt heute fast ein wenig über seine einstige Unbekümmertheit. „Damals war uns die Dimension und die Gefährlichkeit von dem, was wir veranstalteten, gar nicht so bewusst. Im Nachhinein können wir schon stolz drauf sein.“

Illegale Spiele veranstaltet der KSV Johannisthal heute nicht mehr, aber stattdessen unter anderem seit neun Jahren ein Mauerfall-Cup-Turnier, bei dem der Berliner SC bereits zweimal mitspielte. Zudem begegneten sich beide Klubs in der vergangenen Saison in der Ü50-Liga. Und eine besondere personelle Brücke in die Vergangenheit gibt es noch: Der Torwart, der 1987 als einziger Westberliner mit seinem BSC-Trikot mitspielte, ist heute Mitglied beim KSV. Sein Trikot von einst soll demnächst an die Devotiona­lien­wand des KSV-Vereinsheims in Oberschöneweide kommen, wo zwischen Union- und anderen Vereinswimpeln auch ein alter Hertha-Wimpel hängt, den Götz Heinze damals 1987 mit rübergeschmuggelt hatte.