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TÜV Süd nach Dammbruch in Brasilien angezeigt

Tochterunternehmen des TÜV hatte einen Staudamm für sicher erklärt, später starben mehr als 270 Menschen. Angehörige gehen nun in Deutschland rechtlich gegen den TÜV vor

Das Neue

Bei der Staatsanwaltschaft München ist eine Strafanzeige gegen den TÜV Süd und einen Manager des Zertifizierungsunternehmens eingegangen. Es klagen an: fünf Hinterbliebene von Arbeiter:innen, die durch einen Dammbruch in Brasilien gestorben waren. Die Angehörigen werfen Manager und Unternehmen fahrlässige Tötung, fahrlässige Herbeiführung einer Überschwemmung, Bestechung und Verletzung der Aufsichtspflichten vor. Unterstützt werden die Ankläger:innen vom Europäischen Zentrum für Verfassungs- und Menschenrechte (ECCHR) und dem katholischen Hilfswerk Misereor.

Der Kontext

Im brasilianischen Brumadinho war es am 25. Januar 2019 auf dem Gelände der Eisenerzmine Córrego do Feijão zu einem Dammbruch gekommen. Dabei starben mindestens 272 Menschen. 21 werden bis heute vermisst.

Der Konzern Vale betreibt den Damm. Das Unternehmen ist der weltweit größte Eisenerzexporteur. Seine Werke müssen regelmäßig zertifiziert werden. Dafür führte ein brasilianisches Subunternehmen des TÜV Süd vor Ort Kontrollen durch. Dabei wurden im März 2018 Probleme bemängelt, berichten brasilianische Medien. Es sei zu viel Wasser in einem Auffangbecken gewesen.

Das sei von Vale nicht behoben worden, trotzdem habe die TÜV-Süd-Tochter zertifiziert, dass der Damm sicher sei. Vier Monate später hatte sich laut Misereor der Druck auf den Damm so erhöht, dass er im Januar 2019 brach. 13 Millionen Kubikmeter Schlamm rissen nicht nur Menschen mit sich, sie verseuchten auch Böden und Teile des Flusses ­Paraopeba, der in der Region für Trinkwasser sorgt.

Es ist nicht der erste Dammbruch in Brasilien. Im Jahr 2015 riss ein Dammbruch im brasilianischen Mariana 19 Menschen mit sich, giftiger Schlamm gelang in den Atlantik. Das Bergwerk wurde von einem Subunternehmen von Vale betrieben.

Die Reaktionen

Vor dem Münchner Firmensitz des TÜV Süd protestierten am Donnerstag schlammverschmierte Aktivist:innen der Initiative Lieferkettengesetz, die fordert, dass deutsche Unternehmen Menschenrechte und Umweltstandards im Ausland achten.

Der TÜV Süd versicherte, ein „großes Interesse an der Aufklärung der Unglücksursache“ zu haben. Eine Kommunikationsbeauftrage der Prüffirma sagte dem Evangelischen Pressedienst (epd), dass sich ein Vertreter des Konzerns am Donnerstag mit Angehörigen der Opfer getroffen habe. Weitere Angaben oder eine Stellungnahme wollte das Unternehmen nicht geben, weil das Verfahren noch läuft.

Misereor sieht einen Interessenkonflikt: Das Unternehmen Vale müsse für Zertifizierungen wie die vom TÜV Süd bezahlen. „In risikoreichen Industrien wie dem Bergbau dürfen die Verantwortlichkeiten für Sicherheit, Umwelt und Menschenrechte nicht durch eine unübersichtliche Entscheidungskette verschleiert werden“, schreibt Misereor in einer Fallbeschreibung.

Die Konsequenz

Vale muss für alle Schäden aufkommen, so urteilte ein Gericht im Juli. Die Konten des Konzerns sind wegen Schadenersatzzahlungen blockiert. Es sind mehr als 2,5 Milliarden Euro. Das Unternehmen soll zudem eine „kollektive Wiedergutmachung“ von 90 Millionen Euro zahlen, um Umweltschäden zu beseitigen. Obendrauf kommen die Pensionen der Angehörigen bis zum ihrem 75. ­Lebensjahr, zu deren Zahlung sich der Minenbetreiber Vale verpflichtete.

Die Konsequenzen für den TÜV Süd sind unklar.

Nicole Opitz