heute in hamburg

„Ein Ausstieg bedeutet keine ideologische Distanzierung“

Infoveranstaltung: „Vom Aussteigen zum Umsteigen: Ex-Nazis bei der Antifa?“, 20 Uhr, Rote Flora, Achidi-John-Platz 1. Eintritt frei, Einlass ab 19 Uhr

Interview Katharina Gebauer

taz: Frau Sigl, vom Ex-Nazi zur Antifa, besser geht es doch kaum, oder?

Johanna Sigl: Das ist kritisch zu betrachten: Generell sehe ich jede Antifaschistin und jeden Antifaschisten positiv. Dennoch bewegt sich ein Ausstieg aus der rechtsextremen Szene nicht nur auf ideologischer Ebene. Es gibt darüber hinaus Handlungsentwürfe, die in der extremen Rechten umgesetzt wurden, die der eigenen Identitätsversicherung dienen und die gerne ungebrochen nach einem Ausstieg mitgenommen werden. Und für andere linke Aktivist*innen bedeutet es, mit jemandem Politik machen zu müssen, der ein paar Jahre zuvor eine reale Bedrohung dargestellt hat. Das kann Menschen davon abhalten, sich bei der Antifa einzubringen und aktiv zu werden.

Wieso engagieren sich Aussteiger und Aussteigerinnen überhaupt nach ihrem Bruch mit der rechten Szene ausgerechnet in der linken Szene?

Häufig bearbeiten und reflektieren die Personen ihr ehemaliges Leben nicht adäquat. Eher reproduzieren sie im neuen Aktivismus bekannte und vertraute Handlungsmuster. Was die Aussteiger*innen in rechten Kreisen gut konnten, machen sie dann etwa auch bei der Antifa. Einige suchen einfach wieder diesen Gruppenzusammenhalt. Wenn es darum geht, Wiedergutmachung zu leisten, gibt es jedoch weitaus passendere Aktionsfelder.

Welche denn?

Zivilgesellschaftliche Orte, wo Ausstei­ger*innen im Hintergrund arbeiten und sich für linke Ansichten einsetzen können, gibt es viele. Vereine oder Ehrenämter sind etwa eine Möglichkeit.

Wie können Aussteiger*innen denn richtig unterstützt werden?

Johanna Sigl, 36, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialarbeit und Sozialpä­dagogik der Leuphana-Universität in Lüneburg.

Es gibt bereits bundesweit Projekte, die organisierte Ausstiegshilfen leisten und die den Betroffenen bei der ideologischen Entfernung unterstützen, die gar nicht darauf erpicht sind, dass Aussteiger*innen an die Öffentlichkeit gehen. Exit etwa ist vor allem bekannt, weil sie viel Aufmerksamkeit um die Aussteiger*innen generieren. Es geht aber nicht nur um die organisatorische Begleitung eines Ausstiegs, sondern um die Gesamtbiografie eines Menschen. Man unterscheidet hier zwischen einem lauten und einem leisen Bruch.

Wozu diese Unterscheidung?

Aussagen von Ex-Nazis sollten mit Bedacht analysiert werden: Lautstark zu sagen, die extreme Rechte sei nur eine Ansammlung dummer Menschen, ist eben noch keine ideologische Distanzierung.