Benachteiligte Jugendliche abholen: Am Anfang war Theater

Mit dem Projekt „Theater – Ja!“ arbeiten Schulen und Theater in Bremerhaven erfolgreich an der gesellschaftlichen Teilhabe

Jugendtheater zum Klimawandel: „Planet der Hasen“ im Jungen Theater Bremerhaven Foto: Heiko Sandelmann/Theater Bremerhaven

BREMERHAVEN taz | Brennpunkte muss man in Bremerhaven nicht lange suchen. Jedenfalls hatten Schulamt und Junges Theater keine Schwierigkeiten, geeignete Teilnehmer für ihr Kooperationsprojekt „Theater – Ja!“ zu finden. Um sozial benachteiligte Jugendliche geht es da, deren Familien nicht nur finanziell andere Sorgen haben als die kulturelle Teilhabe an der Gesellschaft. Und Tanja Springer, die Leiterin des Jungen Theaters (JUB!), sagt so schlicht wie bitter: „In Bremerhaven kommt jede Schule dafür infrage.“ Begonnen hat das Projekt im vergangenen Schuljahr an sechs Schulen, gerade startet die zweite Runde. Zwei Theaterpädagoginnen besuchen Schulen, die ihr kulturelles Profil schärfen wollen und dem Projekt Platz im Stundenplan schaffen können: ob nun als AG oder Projekteinheit, Hauptsache verbindlich – und ohne Noten.

Bereits zum zweiten Mal dabei ist die Pestalozzischule in Bremerhaven-Mitte. Schulleiterin Rebekka Schlüter zeigt sich nicht nur aus ästhetischen Gründen begeistert, sondern betont vor allem, was Theater auch grundsätzlich zu Bildung und Persönlichkeitsentwicklung beitragen kann: Aufmerksamkeit, Teamarbeit, Textverständnis – ganz zu schweigen vom Mut, sich auf die Bühne zu stellen.

Umgekehrt spricht Theaterintendant Ulrich Mokrusch mit Nachdruck vom pädagogischen Anspruch des Projekts. „Das ist echt knallharte Bildungsarbeit“, sagt er und verweist auf die regelhaften Nachbesprechungen der Theaterbesuche, die Berge von Unterrichtsmaterialien und die enge Zusammenarbeit mit Lehrkräften bis hin zum Konferenzbetrieb der Bildungseinrichtungen. Insgesamt beschäftigt das Bremerhavener Theater heute fünf Pädagog*innen. Dass zwei außerhalb des Hauses in Schulen tätig sind, ist eine bundesweite Besonderheit. Auch, dass in Bremerhaven Flatrate-Karten gezielt an Kinder ausgegeben werden, ist alles andere als selbstverständlich.

Dass Schule und Theater die Verzahnung von Bildung und Kultur wechselseitig betonen, ist nicht nur konzeptionell wichtig. Es geht auch ums Geld. Bildung ist Ländersache und aus der senatorischen Behörde in Bremen kam nichts für „Theater – Ja!“. Finanziert hat’s nun die Kommune, über Mittel zur Ganztagsbetreuung. Damit das funktioniert, war ein bisschen Glück und viel Flexibilität der Schulen nötig. Dass Bremerhavens Schuldezernent Michael Frost zugleich auch für die Kultur zuständig ist, hat sicher ebenfalls geholfen. Trotzdem sähe Mokrusch die Kulturvermittlung gern als anerkannte Bildungsarbeit.

In Bremerhaven besonders hart

Seit einem Jahr finden sie nun jedenfalls statt: Theaterprojekte in zwei bis vier Wochenstunden sowie Aufführungsbesuche in Stadttheater und JUB!. Zum Schuljahresende stehen auch eigene Produktionen der Schüler*innen an: Die Amerikanische Schule hat im vergangenen Schuljahr etwa Maurice Sendaks Kinderbuchklassiker „Wo die wilden Kerle wohnen“ auf Kinderängste befragt.

Mit der Produktion „Verdammt!“, haben Schüler*innen der Gorch-Fock-Schule ihren unmittelbaren Alltag künstlerisch bearbeitet. Was genau in diesem Jahr passiert, wird sich erst im Projekt entwickeln. Theaterpädagogin Ludmilla Euler bezeichnet sich dann auch als „Theaterfinderin“, wenn sie zusammen mit den Jugendlichen an Stoffen und Ausdrucksformen arbeitet.

Und das ist gerade in Bremerhaven nicht immer ganz einfach, wo Armut und Sprachbarrieren überdurchschnittlich hoch sind. Es ist kein Geheimnis, dass hier viele Schulen hart an der Belastungsgrenze arbeiten. Für „Theater – Ja!“ fangen die Probleme schon mit der Lesekompetenz an: Im Projekt wird teils mit von Schauspieler*innen eingesprochenen Tonaufnahmen gearbeitet.

90 Prozent Auslastung

Eingebettet ist „Theater – Ja!“ in ein größeres Partnerschaftsprogramm, an dem 26 Schulen teilnehmen. Bereits die neuen Lehrkräfte, um die sich Bremerhaven bekanntlich händeringend bemüht, werden zum Einstand ins JUB! eingeladen – in der Hoffnung natürlich, dass sie mit ihren Schüler*innen wiederkommen. Man setze da auf den „Schneeballeffekt“, sagt Tanja Spinger.

Minimalziel ist, dass die Jugendlichen wenigstens ein bis zwei Mal pro Jahr ins Theater gehen. Wahrscheinlich sieht es in der Praxis sogar sehr viel besser aus. Abschließend ausgewertet sind die Zahlen zwar noch nicht, aber dennoch freut sich das JUB! über rund 90 Prozent Auslastung in der vergangenen Spielzeit. Das ist mindestens ein starkes Indiz für die Zugkraft der Partnerschaft von Schule und Theater.

Und natürlich geht es um mehr, wenn Schulleiterin Rebekka Schlüter von Schüler*innen erzählt, die stolz vorm dem Stadttheater stehen, in dem ihr Stück gespielt wurde. Der Kontakt mit dem Kulturbetrieb sei, so die Projektmacher*innen, ein Ausdruck von Integration in die Gesellschaft. Und das nicht erst über die Generationen, sondern auch ganz unmittelbar: Wenn hier die Kinder auch ihre Eltern mit ins Theater nehmen.

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