Hamburger Szene von Petra Schellen

Hinein in den Bus! Komme, was wolle

Der Ehemann wollte es mir noch einmal so richtig zeigen und rempelte mich beim Aussteigen kräftig

Manche Dinge haken sich in einem fest. Das kann ein Wort, ein Blick, ein – eingebildeter oder echter – Subtext sein, der sich im Kopf festsetzt und zu lebenslangem Groll mutiert. Immer wieder durchläuft das Erlebte – und wir reden hier nicht von echten Traumata, sondern von Alltags-Gerangel – das Hirn, will einfach nicht raus aus dem System.

Ist man selbst der Akteur, findet man diese Alltagsparanoia relativ normal. Erlebt man es bei anderen, merkt man, wie wahnhaft das ist. Neulich zum Beispiel: Da wollte ich an den Landungsbrücken in den 112er-Bus steigen, und mit mir ungefähr 30 andere. Und die drinnen wollten raus. Ich wartete also, ungeduldig bedrängelt von der älteren Hanseatin hinter mir, die wohl nicht ertrug, dass ich jemandem den Vortritt ließ.

„Erst aussteigen lassen“, sagte ich also beiläufig zu ihr – aber da war ich an die definitiv Falsche geraten. Was mir einfiele, schnauzte sie. Unverschämt sei ich, „und Ihren Rat brauche ich schon gar nicht“. Dass auch ihr Sitzplatz in spe erst frei wird, nachdem alle ausgestiegen sind und das Abwarten also auch in ihrem Interesse ist, habe ich ihr nicht erklärt. Ich war einfach zu müde. Ihr Mann aber nicht. Der drängelte sich mit Teufelsblick und den Worten „Unverschämtheit“, „unerhört“ an mir vorbei, als hätte ich seiner Frau die Handtasche gestohlen.

Naja, dachte ich, Unsympathen gibt es immer wieder und hatte das Ganze schon vergessen, als mich drei Stationen weiter jemand beim Aussteigen kräftig rempelte. Wer war’s? Richtig, der Ehemann, der es mir nochmal so richtig zeigen wollte und der noch nicht vergessen hatte – ja, was eigentlich? Dass ich ein Quäntchen Zivilcourage gezeigt hatte, von der alle reden, die aber als Einmischung denunziert wird, wenn wirklich praktiziert? Oder trieb ihn die gute alte Loyalität zwischen Eheleuten, die zusammen durch dick und dünn gehen, egal, ob Außenstehende Schaden nehmen?

Und wie viele solcher Im-Nachhinein-Rempel-Einsätze hat dieser Ehemann wohl pro Tag? Vermeintlich viele, denn seine Frau sah nicht aus, als sei ihr Anschnauzer ein seltener Ausrutscher.

Aber vielleicht war dies die Choreographie ihres Rentnerdaseins: Der eine bellt, der andere echot – verbal oder körperlich – hinterher, zwei Egoisten im stetigen Kampf gegen den Rest der Welt.