american pie

Unendliche Brown-Saga

Neue Vorwürfe gegen Antonio Brown überschatten dessen Debüt bei den Patriots.
Die Suspendierung des Football-Profis droht

Antonio Brown ist schnell. Sehr schnell. Als Football-Spieler ist er dermaßen geschickt, Verteidiger abzuschütteln, dass ihn viele für den besten Passfänger der Welt halten. Am Sonntag konnte Brown das wieder mal beweisen: Für seinen neuen Klub, die New England Patriots, fing er bei den ­Miami Dolphins gleich mal einen Touchdown-Pass von Quarterback Tom Brady und sammelte so viele Yards wie kein anderer Wide Receiver.

Zu schnell war Brown an diesem Sonntagnachmittag aber auch für die Presse. In den USA ist es üblich, dass die Medien nach dem Spiel Zugang zur Kabine erhalten und mit den dann meist noch verschwitzten oder frisch geduschten Spielern sprechen können. Doch als sich in den Katakomben des Hard Rock Stadiums von Miami die Türen zur Patriots-Kabine öffneten, war Brown schon nicht mehr aufzufinden, sein Spind war ausgeräumt und sogar sein Namensschild entfernt worden.

Die Flucht war verständlich. Denn war Browns erster Auftritt für seinen neuen Verein zwar ein sportlicher Erfolg, aber ansonsten läuft es gerade gar nicht gut für den 31-Jährigen. Seit Brown vor gut einer Woche bei den Patriots, dem amtierenden Super-Bowl-Sieger, unterschrieben hat, tauchen immer neue, immer ernstere Vorwürfe auf. Das Bild, das nun entsteht, ist das „eines Sportsuperstars, der das Leben eines Rockstars lebt“, so schrieb es Sports Illustrated in einer Enthüllungsstory, „und es sich zur Gewohnheit gemacht hat, andere Menschen zu beleidigen, anzugreifen und zu betrügen“.

Dabei hatte die Antonio-Brown-Saga vergleichsweise harmlos begonnen. Nach neun extrem erfolgreichen Jahren bei den Pittsburgh Steelers verstritt sich Brown mit Steelers-Quarterback Ben Roethlisberger und erzwang, nachdem ausführlich dreckige Wäsche gewaschen worden war, einen Wechsel zu den Oak­land Raiders. Für die spielte er allerdings keine einzige Minute: Nachdem er schon im Trainingslager mit einer mysteriösen Verletzung, einer Erfrierung an den Füßen, die er sich bei einer Kältetherapie zugezogen hatte, aufgetaucht war, prügelte er sich fast mit dem Manager der Raiders und legte sich dann auch noch mit der NFL an, als er sich weigerte, seinen nicht mehr den Regeln entsprechenden Helm auszurangieren. Jeden neuen Skandal befeuerte Brown, ein begeisterter Social-Media-Nutzer, mit Postings auf den entsprechenden Kanälen.

Als Brown schließlich von den Raiders gefeuert wurde und prompt bei den sportlich wesentlich vielversprechenderen Patriots unterschrieb, konnte man sein Verhalten noch als clevere Inszenierung eines exzentrischen Skandalprofis werten. Und viele waren anfangs der festen Überzeugung, dass die als extrem diszipliniert geltenden Pat­riots um Quarterback Brady und Cheftrainer Bill Belichick, die zusammen sechs Super Bowls gewonnen haben, diesen scheinbar unkontrollierbaren Profi schon in den Griff bekommen würden. Doch mittlerweile dürfte man sich auch in Boston fragen, ob es wirklich eine gute Idee war, Brown zu verpflichten.

Denn die Tinte auf dem Einjahresvertrag über 10,5 Millionen Dollar war kaum getrocknet, da meldete sich Britney Taylor, die ehemalige Privattrainerin von Brown, und beschuldigte ihn der sexuellen Belästigung und Vergewaltigung. Brown bestreitet alle Vorwürfe und unterstellt, Taylor wolle ihn erpressen. Tatsächlich hätte sich Taylor wohl auf einen außergerichtlichen Vergleich und eine Zahlung von 2 Millionen Dollar eingelassen, die Brown aber ablehnte. Erst danach hat sie Anzeige erstattet.

Nun steht Aussage gegen Aussage, aber seit dem Sports- Illustrated-Artikel vom Montag erscheinen die Aussagen von Taylor immer glaubhafter. Das Magazin befragte mehr als zwei Dutzend ehemalige Angestellte, Trainer und Mitspieler von Brown und stieß bei diesen Recherchen auf mehrere anhängige Gerichtsverfahren und neue Anschuldigungen, darunter unbezahlte Rechnungen, mehrere Fälle von häuslicher Gewalt und ein weiterer Vorwurf der sexuellen Belästigung.

Ein Sportmagazin stieß auf mehrere anhängige Gerichtsverfahren und neue Anschuldigungen

Immer neue Vorwürfe, vor denen wohl auch einer der schnellsten Spieler der NFL nicht weiter davonlaufen wird können und die auch seinen neuen Verein mehr beschäftigen werden, als den Patriots lieb sein kann. Am Montag traf sich NFL-Boss Roger Goodell mit Britney Taylor. Die Frage steht nun im Raum, ob Antonio Brown möglicherweise suspendiert wird.

Thomas Winkler