Ortstermin

Stolz und Vorurteil

Der Pride in Szczecin zeigt die Spaltung der polnischen Gesellschaft: Die einen freuen sich über Unterstützung aus Berlin, die anderen bleiben in ihrer reaktionären Parallelwelt

Die Werte, auf die es ankommt im Leben, kennen keine Ländergrenzen und Sprach­barrieren Foto: Czarek Sokolowski/ap

Aus Szczecin Modest Adam

Die Anspannung war groß vor dem zweiten Stettiner Pride am vergangenen Sonntag. Einige Wochen zuvor waren bei der Parade im ostpolnischen Białystok die Teilnehmer von Nazi-Hooligans brutal angegriffen und verletzt worden. Es kam zu Verhaftungen und Rangeleien mit den Sicherheitskräften.

In Szczecin, der Hauptstadt Westpommerns, war man entsprechend gerüstet. 9000 Polizisten, zum Teil mit Schutzhelmen, maskiert und schwer bewaffnet, standen für den Ernstfall bereit. All das hat die Teilnehmenden nicht vom Demonstrieren abgehalten, ganz im Gegenteil, es kamen noch mehr als zum ersten Stettiner Pride, auch aus Deutschland. Fast 6000 sollen es dieses Mal gewesen, ca. 4000 Teilnehmer waren es im Vorjahr.

Diese Gegenreaktion ist kein Einzelfall, sondern in ganz Polen zu beobachten. Je mehr sich die rechtskonservative Regierung unter Führung der PiS gegen LGBT positioniert, um so mehr solidarisiert sich ein Teil der Gesellschaft mit der Queer Community und leistet Widerstand.

Die Spaltung der Gesellschaft aber bleibt. „Es kommt mir vor, als ob es in diesem Land zwei völlig unterschiedliche Realitäten gäbe. Ein Teil der Polen lebt in der einen und ein Teil in der anderen Realität. Wie in einer an Schizophrenie erkrankten Gesellschaft“, sagt Monika ­Tichy, Queer-Aktivistin und Leiterin der Stettiner Lambda Vereinigung, die den Pride organisiert hat. „Es gibt immer mehr Gay Prides. Bis 2016 waren es nur sechs in größeren Städten. In diesem Jahr sind es 25, die immer größer werden. Gleichzeitig wächst die Unterstützung für die PiS, die behauptet, wir seien pervers, pädophil, die gegen uns hetzt und offen zur Gewalt gegen uns aufruft, die in letzter Zeit tatsächlich stark zugenommen hat. Ich kann dieses Phänomen einfach nicht verstehen.“

Junge Engagierte informierten über den Pride, luden Freunde ein

Die verzweifelte Lage, in der sich nicht heteronormative in Polen lebende Menschen befinden, hat sich auch im Ausland herumgesprochen und einige dazu motiviert, diese in ihrem Kampf gegen Diskriminierung und für mehr Freiheit zu unterstützen. Hilfe kam vor allem aus Berlin und der Grenzregion. Junge Engagierte bildeten auf Facebook Gruppen, tauschten sich aus, informierten über den Pride in Szczecin, luden Freunde ein mitzumachen. Zwei politisch motivierte Berliner Partyveranstalter , „Gegen“ und „Golosa“, die aus ihrer eigenen Erfahrung wissen, wie schwer es ist, gegen Homophobie anzukämpfen, boten gemeinsam an, nach Szczecin zu kommen und umsonst aufzulegen. Am Ende kam sogar ein eigener Berlin-Wagen zustande.

„Ich habe als Teenager in einer Kleinstadt in Frankreich erfahren, was es heißt schwul zu sein. Damals starben viele Schwule an Aids. Wir wurde stigmatisiert. Es war sehr schwer, sich zu outen und in Freiheit zu leben. Bei meinem ersten Pride waren wir gerade mal 100 Leute“, erzählt Stephane Mashyno von Golosa. „Deshalb sind Freiheit und gegenseitiger Respekt für mich heute so wichtig. Wir müssen darum kämpfen und anderen dabei helfen. Vergangenes Wochenende haben wir eine Schlacht um Homophobie gewonnen.“

Für Monika Tichy, die meist nur „Pacyfka“ genannt wird, als Abwandlung von „Pazifistin“, ist solche Unterstützung aus dem Westen eine schöne Überraschung: „Sie gibt uns Sicherheit und Zuversicht. Ich weiß das sehr zu schätzen. Die Werte, auf die es ankommt im Leben, kennen keine Ländergrenzen und Sprachbarrieren. „Równość“ und „Gleichberechtigung“ mögen völlig unterschiedlich klingen, sie meinen aber genau das Gleiche.“