brief des tages

Nicht aktiv arisiert, und doch profitiert

„Schlicht, zeitlos, formschön“, taz vom 31. 8. 19

In diesem Artikel wird ein entscheidender (design-)geschichtlicher Punkt vergessen, der beim Sprechen über das Werk von Hedwig Bollhagen dazugehört:

Hedwig Bollhagen übernahm im Jahr 1934 die wegen Insolvenz, aber auch der antisemitischen Entwicklung ab 1933 stillgelegten Haël-Werkstätten der jüdischen Keramikerin Margarete Heymann, verwitwete Loebenstein, zunächst als angestellte künstlerische Leiterin, erst später als Inhaberin.

Die Entwicklungsarbeit von Heymann an Formen und Entwürfen wurde bei Ausstellungen oder Firmenkatalogen in der Folge nicht mehr benannt.

Der Liquidierungsvorgang war komplex und Hedwig Bollhagen war keine treibende Kraft. Der Vorgang ist also keine aktive „Arisierung“, aber ein Beispiel für das Profitieren vom Ausschluss einer Kollegin auch aufgrund der rassistischen NS-Wirtschaftspolitik. Und es ist ein Beispiel für das Vergessen(machen) des Anteils von Juden und Jüdinnen an allen Bereichen der Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft in Deutschland. Sabine Flohr, Berlin