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Kapitulation vor dem kränkelnden Körper

Kurz vor Saisonbeginn überrascht Football-Star Andrew Luck, 29, mit seinem Rücktritt. Es könnte ein Signal für mehr Achtsamkeit sein

Der TV-Sender ABC glaubt, „die Sportwelt ist geschockt“. Die Washington Post hatte auch „eine schockierende Ankündigung“ erlebt. Das Massenblatt USA Today schrieb: „Andrew Luck macht die Sportwelt fassungslos.“ Was war passiert?

Andrew Luck, Quarterback der Indianapolis Colts, hat seinen Rücktritt vom Leistungssport verkündet. Für ESPN, den größten Sportsender der Welt, der „überraschendste Rücktritt seit dem ersten von Michael Jordan 1993“. Tatsächlich dominierte die Entscheidung von Luck, im Alter von nur 29 Jahren dem Football den Rücken zu kehren, über das Wochenende die Schlagzeilen in den USA.

Nur Donald Trump hat sich noch nicht geäußert. Was immer das wieder bedeuten mag. Aber der Rest des Landes ist noch dabei, den Rücktritt eines der besten und bestbezahlten Profis der NFL zu verarbeiten. Die allermeisten, vor allem die Kollegen von Luck, finden seine Entscheidung, auf den Rest seines Vertrags und mehr als 58 Millionen Dollar zu verzichten, verständlich. Der Zeitpunkt, nicht einmal zwei Wochen vor dem Start der neuen Saison, ist zwar seltsam, aber Luck hatte in den vergangenen Jahren dermaßen mit Verletzungen zu kämpfen, dass er seinem Körper eine weitere NFL-Spielzeit nicht zumuten wollte. „Es ist sein Leben“, sagte Tom Brady, als sechsmaliger Super-Bowl-Gewinner der erfolgreichste Quarterback aller Zeiten.

Andererseits spielte Luck im vergangenen Jahr so gut wie nie zuvor. Er schien die Verletzungsprobleme, die ihn zwischenzeitlich geplagt hatten, überwunden zu haben und schaffte Statistiken, wie sie kaum ein Football-Spielmacher zuvor gelungen waren. Mit seinem Team erreichte Luck das Playoff-Viertelfinale, und die Colts galten als heiße Favoriten auf den NFL-Titel – bis zum Rücktritt von Luck. Die Buchmacher in Las Vegas reagierten prompt: Die Wettquote für einen Super-Bowl-Sieg von Indianapolis sank von 12:1 auf 30:1.

Für Luck selbst war es, so sagte er bei einer Pressekonferenz nach einem Vorbereitungsspiel am Sonntag gegen die Chicago Bears, bei dem er nur auf der Bank saß, „die härteste Entscheidung meines Lebens“. Unter Tränen sagte der als eher nachdenklich geltende Luck über den Kampf mit seinem kränkelnden Körper: „Ich war nicht mehr in der Lage, das Leben zu führen, das ich führen wollte.“ Deshalb habe er „seine Freude am Football verloren“.

Nach vielen Verletzungenwar Luck zuletztin Hochform

Luck, der seine frühe Kindheit in Frankfurt am Main verbrachte, weil sein Vater Oliver in verschiedenen Funktionen für die NFL Europe arbeitete, war vor sieben Jahren als großer Hoffnungsträger in die NFL gekommen. Die Colts hatten ihn im alljährlichen Talente-Draft als Nummer eins gewählt, er sollte die Nachfolge des in Indiana ungemein beliebten Peyton Manning antreten, der als einer der besten Quarterbacks aller Zeiten gilt und die Colts zum Super-Bowl-Triumph 2006 geführt hatte. Während Manning mit den Denver Broncos ein weiteres Endspiel gewinnen konnte, scheiterte Luck trotz mitunter brillanter Leistungen immer wieder. Und er zog sich Verletzungen an Schulter, Rippen, Knöchel und Wade zu, er hatte einen Nierenriss und mindestens eine schwere Gehirnerschütterung.

Doch der Rücktritt von Luck ist nicht nur eine individuelle Entscheidung, die am Ende einer persönlichen Leidensgeschichte steht. Manche interpretieren die Tatsache, dass eines der Aushängeschilder der NFL sich in solch jungen Jahren und auf der Höhe seines Könnens in den Ruhestand verabschiedet, als Zeitenwende. „Ich kenne eine Menge Kollegen, die jetzt gerade in der Umkleidekabine sitzen und Schmerzen haben und über einen Rücktritt nachdenken“, sagte Quarterback-Kollege Robert Griffin III, der im gleichen Jahr wie Luck in die Liga kam, ebenfalls seine ganze Karriere lang mit schweren Verletzungen zu kämpfen hatte und gerade wegen eines gebrochenen Daumens ausfällt. „Wir sind keine Superhelden, wie sind keine Übermenschen.“ Lucks Rücktritt, so glaubt nicht nur Griffin, könnte ein Signal werden für jüngere Profis, mehr auf ihren Körper zu hören – und auch mittelfristig den brutalen Sport Football, dessen Aktive zwar wie Krieger inszeniert werden, eine Saison aber oft nur mit massivem Schmerzmitteleinsatz überstehen können, grundlegend zu verändern. Thomas Winkler