Das war auch

Polizist erschießt Flüchtling

Hätte die Polizei besonnener reagieren müssen? Die psychischen Probleme des Mannes waren bekannt

Am Samstagmorgen hatte Aman A. noch ein Schützenfest in Bützfleth bei Stade besucht und dem Ortsbürgermeister die Hand gereicht. So berichtet es das ­Stader Tageblatt. Am Abend starb der geflüchtete 19-Jährige: Ein Polizist hatte ihn bei einem Einsatz erschossen, nachdem A. die Beamten in seiner Wohnung angegriffen hatte.

Laut Staatsanwaltschaft hatte ein Bewohner einer Flüchtlingsunterkunft die Polizei gerufen, weil er sich von seinem Mitbewohner, dem jungen Afghanen, bedroht fühlte. Als die Polizisten mit zwei Streifenwagen ankamen, habe es zwar keinen handgreiflichen Streit gegeben, doch da Aman A. durch ein geöffnetes Fenster nicht auf Ansprache reagiert habe, betraten sie die Wohnung. Der 19-Jährige soll sie dort mit einer Eisenstange angegriffen haben. Als A. auf Pfefferspray nicht reagierte, zückte laut Staatsanwaltschaft ein Polizist seine Waffe und schoss. Der Geflüchtete starb kurze Zeit später.

Ermittelt wird nun gegen den Polizisten wegen Totschlags – auch bei tödlichen Polizeischüssen ist das Standardprozedur. Geprüft wird aber auch, ob der Polizist in Notwehr gehandelt hat. Die Polizei Cuxhaven hat den Fall übernommen, damit nicht direkte Kollegen gegen den Todesschützen ermitteln.

Das Opfer war bereits vor dem Einsatztag auffällig geworden, so soll er ein Messer offen durch die Stadt getragen haben. Nach Informationen der Lokalzeitung soll er bereits in psychiatrischer Behandlung gewesen sein und seine Ausbildung zum Tischler wegen psychischer Probleme abgebrochen haben.

Da der Polizei diese Vorgeschichte von Aman A. bekannt war, rückten die Beamten direkt mit zwei Streifenwagen bei der Unterkunft an. Hätten sie somit auf einen psychisch labilen Charakter vorbereitet sein und besonnener reagieren müssen?

Der Bochumer Kriminologe Thomas Feltes sagte gegenüber der taz, ein Angriff mit einer Hantelstange sei „ganz klar kein Grund, zur Waffe zu greifen“. Schließlich könne man ausweichen. Statt die Lage gleich lösen zu wollen, hätten sich die Beamten Hilfe von einem Psychologen oder einem Spezialeinsatzkommando holen sollen.

Freunde des Verstorbenen haben vor seiner Wohnung einen Gedenktisch aufgestellt. Die anderen vier Bewohner der Unterkunft werden nach Angaben der Gemeinde intensiv betreut und sind noch am Abend der Tat umgezogen. Lotta Drügemöller