Uli Hannemann
Liebling der Massen

Knüpft ihn aufam nächsten Baum

Das Rad ist mir ja schon oft geklaut worden. Und zwar in jedem Lebensalter. Natürlich war ich jedes Mal wütend und traurig; ein Fahrrad ist für mich das, was früher das Pferd gewesen wäre. Mein treuer Gefährte, mein zuverlässiges Verkehrsmittel, meine heimliche Geliebte, mein Mantel im Winter, meine letzte Notration, mein Mittel gegen die BVG: Mein Rad ist stets der teuerste Gegenstand, den ich besitze. Mit weitem Abstand folgen ein PC-Laptop und der Staubsauger für 70 Euro.

Jedes Mal, wenn mein Rad geklaut wurde, ist das für mich ein existenzieller Einschnitt, seelisch wie materiell. Da bin ich offenbar nicht der Einzige: Auf dem Instagram-Account von „Notes of Berlin“ liest man die verzweifelten Aushänge, auf denen entweder an die Einsicht appelliert wird – „Lieber Dieb, ich brauche mein Fahrrad“ – oder ohnmächtig geflucht – „Ich wünsche dir zehn Jahre schlechten Sex und dass du vom Rektum her verfaulst“ – und nicht selten sogar beides – „Du Arschloch, stell mein Rad zurück“ –, was zwecklos ist, denn ein Fahrraddieb hat keine Einsicht, keinen Verstand und kein Herz. Er ist eine kalte Kreatur aus Granit und Scheiße.

Ich kann den Jammer nur zu gut nachvollziehen, der aus den Zetteln spricht. Man soll sicher drüber schmunzeln – das ist der Zweck der „Notes of Berlin“ –, doch wer darüber noch lacht, lacht auch über Krebs und spricht das wie „Crêpes“ aus.

Komischerweise ist es diesmal irgendwie noch schlimmer. Vielleicht liegt es am Lebensalter. Man liest ja immer, was für mich bislang nur Theorie war, dass Senioren viel mehr daran zu knabbern haben, wenn sie Opfer einer Straftat wurden, respektive falsche Enkel oder Polizisten das ganze Gold zur Überprüfung mitgenommen haben. Da geht sofort komplett das gesamte Vertrauen flöten, ist das Sicherheitsgefühl rundum erschüttert. Manche verstecken sich anschließend, werden krank, depressiv, sterben früher.

Ultrageknickt verlasse ich den Ort des Verbrechens. Es fühlt sich so demütigend an, zu Fuß denselben Weg nach Hause zu schleichen, den man zwei Stunden zuvor stolz und schnell auf einem schnittigen schwarzen Trekkingrad zurückgelegt hat. Die Hybris ist dahin. Ich bin ein Cowboy, der mit dem Sattel auf den Schultern durch die Wüste stolpert, ab und zu bleibt er mit den nun überflüssigen Sporen an einem Kaktus hängen oder fällt über eine Klapperschlange. Nur mit dem Unterschied, dass das Kackschwein mir noch nicht mal den Sattel gelassen hat.

Und noch mehr unterscheidet sich von früheren Diebstählen. Sonst hab ich mich zwar auch immer sehr geärgert, aber bald ging das Leben weiter. Hier und heute erfasst mich jedoch eine alles durchdringende Niedergeschlagenheit über die Schlechtigkeit der Welt. Bisher habe ich die nicht nur einfach hingenommen, sondern mich fleißig selbst daran beteiligt. Hatte ich Pech, dann wusste ich wenigstens, dass ich es karmamäßig verdiente. Das machte es leichter, denn ich bin ein fairer Verlierer.

Aber inzwischen bin ich ein durch und durch guter Mensch geworden, und genau das ist der Nachteil: Man fühlt sich viel hilfloser, wenn man aus der Verlosung von Verbrechen und Strafe gefallen ist. Stattdessen quält mich nun der unerträgliche Gedanke, dass fremde Unholde meinen Freund, den ich seit über fünf Jahren täglich benutze, begrabschen, verhökern und auseinanderschrauben. Was bin ich nur für ein trauriges, altes Sensibelchen geworden, das hab ich doch alles mal viel abgeklärter gesehen. Als Nächstes werde ich noch so ein Angstwähler der AfD. Jedenfalls verstehe ich, warum man Pferdediebe am nächsten Baum aufgeknüpft hat.