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8,7 Millionen Menschen leben in Brandenburg, Thüringen und Sachsen. Hier ist einer von ihnen

Osttümelei und Intoleranz kann Frank Dölle nicht verstehen

Foto: privat

Frank Dölle arbeitet hart. Er ist selbstständiger Elektroingenieur in Brandenburg, sein Büro hat er gleich neben seinem Wohnhaus in Oranienburg eingerichtet. Morgens geht er rüber ins Nebenhaus, abends zurück. Über einen Mangel an Aufträgen kann der 55-Jährige nicht klagen, der Immobilienboom kommt auch seiner Branche zugute.

Dölle, grauer Bürstenschnitt, zupackende Art, kommt herum in Brandenburg, wo am 1. September ein neuer Landtag gewählt wird. Er kennt seinen Landkreis Oberhavel im Speckgürtel von Berlin in- und auswendig. Mit den Brandenburgern kommt er gut klar, er ist ja einer von ihnen. „Ich sehe Sachen nicht verbissen, tausche mich gern aus“, beschreibt er sich selbst, „aber das fällt in der jetzigen Zeit zusehends schwerer.“

Am 1. September wird er wie bei jeder Wahl morgens sein Einfamilienhaus verlassen und zum Kulturhaus des Ortes fahren. Er ist einer von gut zwei Millionen Wahlberechtigten in dem Flächenland. „Ich geh’hin, logisch“, sagt er. Und dass er schon weiß, welcher Partei er seine Stimme geben wird. „Ich wähle im Sinne der Umwelt: Grün.“

Mit Umwelt meint er nicht nur die Kiefernwälder und Seen in der Mark Brandenburg, sondern auch die Gesellschaft, in der er lebt. Dass der Druck wächst und Debatten an Schärfe zunehmen, bekümmert ihn. Früher seien konträre Meinungen nicht so stark an die Oberfläche gekommen. Das beeinträchtige sein Harmoniebedürfnis. Was er damit meint? „Na, zum Beispiel das Tolerieren von Menschen, die einfach nur anders aussehen oder ihr Glück in Deutschland suchen: Wenn ich da auf harte Meinungen stoße, die nicht untersetzt sind – so was stößt mich ab.“

In seinem Ortsteil gibt es seit 2015 eine Flüchtlingsunterkunft. Anfangs lebten dort tausend Menschen, heute noch einige Dutzend. Die anfängliche Aufregung hat sich gelegt, die Kinder von Geflüchteten besuchen längst mit den Dörflern Schule und Kindergarten. Trotzdem gibt es Vorurteile, mitunter Anfeindungen. Dölle geht so was nah.

Er findet, dass es auch noch andere Themen gibt, um die sich die Politik kümmern sollte. Als Freiberufler hat er Mühe, den Überblick zu behalten, Job und Privatleben in ein gutes Gleichgewicht zu bringen. Die Mitarbeiter, die Kunden, die Baustellen, der Druck – Frank Dölle spürt ihn und wünscht sich eigentlich nur, „das Leben mit Freude zu genießen, Kompromisse zu finden, auch wenn das langweilig klingt“. Was ihn glücklich macht? „Zu lachen, ohne auszulachen.“ Sagt’s und lacht schon wieder.

Die ganze Debatte um die Ostdeutschen findet er dreißig Jahre nach dem Mauerfall überzogen. „Dass der Osten immer noch versucht, sich als Osten zu fühlen – das ist für einen normalen, weltoffenen Menschen echt nicht nachzuvollziehen.“ Zwar habe jeder seine Herkunft, Erinnerungen und Eigenheiten, seine Weltanschauung. „Aber das ist kein Mittel mehr, um Menschen zu unterscheiden.“ Anja Maier