Jörn KabischAngezapft

Ein tatsächlich furztrockenes Bier

Bitter Bru, Brauerei J. Kemker, 5,5 % vol.

Auf einer Google-Map der deutschen Brauereilandschaft muss bei Alverskirchen bald ein Pin gesetzt werden. Hier, auf einem Bauernhof vor den Toren von Münster, sitzt ein Brauer, der noch unbekannt ist, aber über den sich die Geister scheiden könnten wie über keinen anderen im Land. Was gut wäre. Denn fruchtbarer Streit ist immer das beste Indiz für eine lebendige Kultur.

Jan Kemker ist sein Name, und 99 Prozent der biertrinkenden Nation haben garantiert nur ein Naserümpfen für das übrig, was er in die Flasche füllt. Gott sei Dank braut Kemker noch viel zu wenig, um den Jedermannsgeschmack herausfordern zu können.

Und dann gibt es das eine Prozent, das fasziniert ist, wie wenig sein Gebräu mit gemeinem Bier zu tun hat. Auch ich gehöre dazu und halte Kemker für einen der ganz wenigen echten Avantgardisten unter den deutschen Brauern. Dabei ist das, was Kemker macht, gar nicht so sehr nach vorn gewandt, sondern vor allem der Vergangenheit zugetan. Sein Interesse gilt historischen, zumeist sauren Bierstilen und der Verwendung heimischer Zutaten. Das führt zu Produkten, für die man ein Bierlexikon braucht, um zu verstehen, was man trinkt. Wie Kemkers „Münstersch Alt“, ein fassgereiftes Sauerbier weinähnlichen Geschmacks, das mit dem Düsseldorfer Alt nichts zu tun hat.

Zuletzt hatte ich von Kemker das „Bitter Bru“ im Glas, ein mich auf mehrfache Weise irritierendes Bier. Einmal, weil es seltsam schnell satt machte. Ich vermute, das liegt an den 20 Prozent Hafer im Bier, einem Getreide mit hohem Fettgehalt. Und dann, weil mich ein seltsames Spiel aus bitter und sauer erwartete, ganz bieruntypisch.

Als ich das Bier an die Nase hielt, roch es sauer und fein nach schmutzigem Stroh, einem Aroma, das auftaucht, wenn Brauer mit der säuernden Brettanomyces-Hefe arbeiten. Ich stellte ich mich darauf ein, dass sich im Mund Ähnliches abspielen würde wie bei einer Berliner Weißen. Aber auf der Zunge war mit sauer Fehlanzeige. Stattdessen sprengte das Bitter Bru meine bislang existierende Richterskala für trocken, also bitter. Könnte das auch an der leichten Fäkalnote liegen, fragte ich mich, braucht es genau sie, um diese Art von Trockenheit herzustellen? Und sollte Kemker statt „Bitter Bru“ nicht lieber „Furztrocken“ aufs Etikett schreiben? Ich wusste nämlich bis zu diesem Bier nicht, warum man diesen Begriff benutzt. Brächte man aber das „Bitter Bru“ auf den Massenmarkt, dann wüsste es bald Jedermann.