Das kommt

Bunt gegen Biedermeier

So ändern sich gesellschaftliche Trends: 1972, im Jahr der Verteidigung der Kanzlerschaft Willy Brandts gegen reaktionäre und antimoderne Kräfte der CDU/CSU in Bonn, sang Katja Ebstein „Hinaus aufs Land“. Ja, die Schlagersängerin, ästhetisch groß geworden im Umfeld des Hippie- und Folklorefestes der Burg Waldeck in den Sechzigern, intonierte dies nicht allein für öko-alternative Landkommuneleute, sie war vielmehr die Stimme der babyboomenden Familien: Die wollten mit Gründerzeithöllen in den Metropolen nichts zu tun haben, zogen an die Stadtränder, hinaus aufs Land, sozusagen.

Das ist nun alles anders, man will in die Stadt, wie es schon Su Kramer 1976 in „Hier ist das Leben“ absolut glaubwürdig im modischen German Phillysound darbot. Die Stadt ist das Attraktionsfeld schlechthin geworden, gerade solventere Kreise, Grünenwähler*innen etwa, lieben das Dasein in der Metropole. Womit man ganz zwanglos auf ein ab Freitag in Hamburg anstehendes kulturelles Ereignis zu sprechen kommen muss – den „Schlagermove“.

Dieser Umzug, der seit 1997 rund um den Hafen zelebriert wird, ist den Anwohner*innen zu laut geworden, schlagerlärmend sozusagen – für grüne Milieus ohnehin ästhetische Pest und Cholera in einem. Man fragt sich: Wissen jene, die nach St. Pauli oder in die Hamburger Neustadt ziehen, denn nicht, dass das Prinzip Stadt Babylonisches bedeutet, Stimmen- und Sangesgewirr, grölend und öfters als ihnen lieb ist von hässlicher Ungediegenheit? Die Crux ist ja überall die Gleiche: Erst drängt das Hipstervolk aus Gründen der metropolen Erquickung in die Mitte der Stadt, um dann die Kneipen, die es doch so oft besuchte, zu zwingen, draußen nur bis 22 Uhr Publikum zu haben.

Das darf man neodeutschen Biedermeier nennen, jedenfalls: Der Schlagermove findet nun nach längerem Hader mit dem Bezirksamt statt. Also ein Fest jener Menschen, die früher sozialdemokratische Wahlbeute gewesen wären. Aufgetragen hat man ihm, den während der Schlagerprozession mit zwei Dutzend Trucks rund ums Heiligengeistfeld hinterlassenen Müll akkurater einzusammeln; auch die Beschallung ist zu dämpfen.

Nächstes Jahr könnte es eine andere Route werden, womöglich um die Alster. Das aber wäre ungefähr so, als siedelte man die Bayreuther Festspiele in die Aula der einst berüchtigten Berliner Rütli-Schule um: Rund um die Alster, das ist mehr was für Brahms und Telemann.

Nun aber feiert mal schön: Stars, Sternchen und Sternschnuppen, die Leute, für die die Siebziger die Wunderdekade waren und sind, mit den Tonspuren, die ihre Leben prägten. Für Costa Cordalis wird es eine Ehrenschweigeminute geben – dieser Trauerfall erinnert daran, wie stimmig und unabgefuckt Schlager mal war.

Jan Feddersen