heute in bremen

„Ich verkörpere den ganzen Abend Heine“

Foto: privat

Benedikt Vermeer, 55, ist Schauspieler und Sprachkünstler. Er betreibt gemeinsam mit seiner Frau den Literaturkeller.

Interview: Lukas Scharfenberger

taz: Herr Vermeer, was macht Ihr Theater so besonders?

Benedikt Vermeer: Wir sagen immer, es ist mit 20 Plätzen das kleinste Theater der Welt. Ich habe jedenfalls noch kein kleineres gesehen. Die Größe macht das ganze sehr familiär, wir sind dem Publikum sehr nahe. Der Raum ist ein alter Weinkeller aus den 1870er-Jahren, das erzeugt auch eine besondere Atmosphäre, die zu den Klassikern passt, die wir spielen. Aber nicht nur der Ort ist besonders, sondern auch, wie wir es machen: Wir begrüßen die Leute am Eingang noch per Handschlag, dann kann sich jeder was zu trinken nehmen, eine Stunde schönes Theater genießen und am Ende zahlen soviel man kann und will.

Wieso führen Sie vor allem Klassiker auf?

Die gehobene Sprache des 18., 19. und 20. Jahrhunderts fasziniert uns einfach. Außerdem ist es erstaunlich, wie ähnlich die Probleme der Menschen sind – auch wenn die Texte 200 Jahre alt sind. Es geht um Politik, Alkohol, das Verhältnis von Mann und Frau. Die Namen haben sich geändert, aber die Gedanken der Menschen sind die gleichen geblieben.

Wie würden Sie Ihre Stücke beschreiben?

Meine Frau und ich spielen immer nur zu zweit, die Aufführungen sollen nicht länger als eine Stunde dauern und das Ganze muss in einen sehr kleinen Raum passen. Deswegen müssen wir immer überlegen, wie wir es machen und die Stücke für unsere Zwecke umschreiben.

Sie arbeiten und leben mir Ihrer Frau gemeinsam, geht das immer gut?

Das geht meistens gut. Immer wäre übertrieben. Gerade bei den Endproben für eine Premiere gerät man auch mal aneinander, aber das ist im Theater ganz normal. Es ist ein großes Glück, dass man zusammen leben und arbeiten kann. Unser ganzes Leben dreht sich ums Theater. Die Phantasie hört niemals auf: Wenn man irgendwo einen Kaffee trinkt, kommt einem plötzlich eine Idee, wie man etwas umsetzten könnte und dann sprechen wir darüber. Zu Hause schneiden wir noch Filme oder Musik, machen Kostüme, üben den Text oder phantasieren einfach weiter.

Können Sie beide vom Theater leben?

Es hat eine ganze Weile gedauert. Am Anfang hatten wir beide noch Engagements in anderen Theatern.

Heute führen Sie Werke von Heinrich Heine auf. Was gefällt Ihnen an diesem Dichter?

Theateraufführung „Heinrich Heine –denk ich an Deutschland in der Nacht“ : 20 Uhr, Literaturkeller. Anmeldung erwünscht

Er ist so vielseitig: Politisch, romantisch, dramatisch, humorvoll. Er kann die unterschiedlichsten Metiers meisterhaft bedienen und dabei beweist er immer einen feinen Humor. Außerdem ist sein Werk zeitlos und auch heute noch aktuell. Die Leute fragen immer, ob alles von Heine war, oder ob ich noch was hinzugedichtet hätte. Habe ich nie, das ist alles von ihm.

Wie führen Sie die Werke von Heine heute auf?

Ich verkörpere dabei den ganzen Abend Heine. Er soll es sein, der da spricht und seine Gedanken ausdrückt. Ein roter Faden unseres Stücks ist Heines Biographie und seine Sehnsucht nach Indien. Er wollte da immer hin, phantasierte oft vom Ganges, Göttern und Lotusblüten. Diese Sehnsucht hat ihn sein Leben lang begleitet und wir begleiten sein Leben anhand dieser Sehnsucht. Übrigens führen wir Heine auch am Dienstag und noch mal am Mittwoch auf.

Welchen Satz oder Vers von Heine würden Sie am liebsten in der Zeitung lesen?

Als Heine nach einer anstrengenden Wanderung bei Nebel auf den Brocken kam, schrieb er in das Gästebuch: „Müde Beine, Saure Weine, Aussicht keine – Heinrich Heine.“