Das kommt auch

Feindbilder in Segeberg

In Segeberg ist es gelungen, die Story noch kolonialistischer aufzubereiten

Kann es überhaupt in Ordnung sein, die Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg zu besuchen? Sie beginnen am kommenden Samstag, 29. Juni. Auf dem Programm steht dieses Mal „Unter Geiern“, Teil eins – nämlich „Der Sohn des Bärenjägers“: Dessen Titelfigur, Martin Baumann, will ihren namenlosen Vater aus den Händen von Sioux befreien.

Die haben ihn im Yellowstone Nationalpark neben den Gräbern dreier durch Old Shatterhand mit bloßer Hand erschlagenen Kriegern an einen Pfahl gebunden und planen, ihn zu Tode zu foltern. Aus Rache. Der Hilfsexpedition schließen sich Baumann Senior’s Personal, Winnetou, Old Shatterhand sowie die Upsarocas an. Die sind sauer auf die Sioux, weil die ihrem Medizinmann gestohlen haben, was ihn zum Medizinmann macht. Am Ende ertrinkt der Hauptfeind. So weit, so kindgerecht.

In Segeberg ist es gelungen, die Story noch kolonialistischer aufzubereiten, denn dort wird die Vorgeschichte eliminiert und die Darstellung der First Americans stärker rassifiziert. Sie führen den „friedliebenden Bärenjäger“ als „Freund aller Roten“ ein, der halt auf deren Terrain friedliebend siedelt und von fiesen Sioux angegriffen wird: „Der Schwere Mokassin, der mächtige Häuptling der Sioux-Ogellallah, schwingt unbarmherzig den Tomahawk des Krieges gegen alle Bleichgesichter“, heißt es im Ankündigungstext. Deswegen hat die Mainzer Amerikanistin Mita Banerjee angemahnt, man müsse die Konzeption der Karl-May-Festspiele „dringend verändern“.

Die Abwehrreflexe, die sie damit ausgelöst hat, reichen vom erwartbaren Hass der Rechts-Hetzzetten bis zum entschiedenen Sowohl-als-Auch der SPD-Schleswig-Holstein. Und selbstredend hält man für nötig, die Kulturwissenschaftlerin Banerjee darauf hinzuweisen, dass die Erzählungen und die szenischen Darstellungen ja eher so was wie Märchen seien.

Xenophilie bedeutet, sich von moralischen Haltepunkten zu lösen: Karl Mays Indianer-Projektionen dienen ihm ziemlich deutlich dazu, sexuelle Fantasien – egal ob polymorph, homo- oder autoerotisch – auszuleben, die in seiner Gesellschaft ein Skandal gewesen wären. Dieser Konflikt, dass er sich dafür einer fernen, unterdrückten Minderheit bedient, sie funktionalisiert, macht seinen befreienden Akt des Schreibens zugleich zu einer „kolonialen Geste“, so Banerjee. Bleibt der unbearbeitet, bedeute das: „Es ist uns egal, ob wir eure Wirklichkeit darstellen oder nicht – euer Bild gehört uns!“ Wer das okay findet, sollte unbedingt nach Segeberg fahren. Benno Schirrmeister