der rote faden

Mit Rassismus ist es wie mit schlechtem Sex

Foto: David Oliveira

Durch die Woche mit Ebru Taşdemir

Ich habe ein neues Lieblingswort, es heißt „Genieperson“. Eine wunderbare Beleidigung oder eben auch zackiges Ein-Wort-Kompliment, so wie „Ehrenfrau“. Über das tolle Wort bin ich in einem Deutschlandfunk-Kultur-Interview mit Olivia Hyunsin Kim gestolpert, einer vietnamesischstämmigen Choreografin. Und, ich darf es vorwegnehmen, sie meint es nicht anerkennend. Aber wer ist nun der oder die Angesprochene? Der preisgekrönte Dramatiker Thomas Köck. Als Auftragsstück für das Theater Leipzig schrieb er das Stück „atlas“, ein Bühnenstück über die Migra­tions­geschichte der Vietnamesinnen und Vietnamesen in der ehemaligen DDR und der BRD.

Baracken

Für dieses Stück sprach Köck mit vietnamesischstämmigen Menschen und lauschte ihren Erzählungen. Hörte zu, als sie davon erzählten, wie die Vertragsarbeiter*innen nach 1980 in abgeschotteten Baracken in der ehemaligen DDR leben mussten und Schwangerschaften unverzüglich dafür sorgten, dass die Frauen in die Heimat geschickt wurden. Sie sollten ja arbeiten, nicht Kinder kriegen. Ein durch und durch menschenfeindliches System also, was dazu führte, dass viele, sehr viele der ersten Generation der vietnamesischen Arbeitsmigrant*innen kaum über die Verletzungen in ihrem Leben sprachen. Aus diesen ganzen Erzählungen strickte also Thomas Kück das Stück „atlas“, welches in der vergangenen Woche im Deutschen Theater in Berlin aufgeführt wurde, netterweise mit vietnamesischen Untertiteln und Übersetzungen. Nur auf der Bühne, da spielten andere. Nämlich vier weiße Schauspieler*innen.

„Wir sind erschüttert.“ So beginnt der offene Brief, den die Choreographin Kim und eine ganze Reihe von vietnamesischstämmigen Kulturschaffenden Anfang Juni verfassten. Dass das Stück ausschließlich von weißen Menschen verfasst und viet-deutsche oder asiatische Menschen einzig für die Recherche und die Übersetzungen eingebunden gewesen seien, sehen sie als Fortführung der rassistischen Strukturen. Diejenigen, die Privilegien haben, sprich: Zugänge, Finanzierungsmöglichkeiten und eben auch die Lorbeeren bedienen sich der Geschichten derer, denen diese Privilegien verwehrt wurden und werden.

Brief

Und so verselbstständigt sich die Rechtfertigungsmaschinerie: Das Schauspiel Leipzig antwortet ebenfalls mit einem offenen Brief auf ihrer Facebook-Seite und bedankt sich für die wichtige Debatte. Bezeichnend ist der Schlusssatz, den sich viele Stadttheater wohl ebenfalls auf die Fahnen schreiben würden: „Auf die zunehmende Diversifikation des Ensembles und des Theaters im Allgemeinen legen wir Wert, allerdings stellt das für uns noch keine abgeschlossene Entwicklung dar, sondern befindet sich im Prozess.“ Wie dieser Prozess aussehen soll, darauf haben die Thea­ter und Theatermacher*innen keine Antwort. Deshalb folgte am 8. Juni ein zweiter offener Brief der asia­tischstämmigen Kulturschaffenden. Als „unbefriedigend“ fänden sie die Bemühungen, da es an selbstkritischen Reflexionen über die Strukturen mangele.

Bühne

Diesem offenen Brief folgten eine Reihe von Rechtfertigungen. Die schönste allerdings kam vom Theaterkritiker des Deutschlandfunks, Michael Laages. „Extrem scheu und zurückhaltend“ hätten die Erzählenden auf die Einbeziehung reagiert (also selbst schuld, wenn ihr unsichtbar bleiben wollt); das „politisch korrekte Gewissen“ sei erst jetzt aus dem Tiefschlaf erwacht (merke: es gibt einen pünktlichen Ablieferungsmoment für Kritik), und es werden die Herkünfte von zwei Schauspieler*innen der aktuellen Aufführung zitiert (Norwegen und Südosteuropa), so als ob der Theaterkritiker sagen wollen würde: Seht her! Da sind doch Ausländer auf der Bühne! Das perfideste Argument zum Schluss, nämlich dass sich Asiatinnen und Asiaten im Opernbetrieb sehr wohl „selbstverständlich“ jede Rolle aneigneten, weil sie „halt brillant“ ausgebildete Künst­le­r*in­nen seien, insinuiert, dass die Kulturschaffenden, die sich jetzt zu Wort melden, eben das nicht sind: brillant und bereit, die ihnen zugewiesene Rolle zu übernehmen.

Brillant

Um es mit den Worten des Moderators Tarik Tesfu zu sagen: Mit Rassismus ist es ein wenig so wie mit schlechtem Sex. Alle haben ihn, aber niemand will es gewesen sein. Rassisten, das sind immer die anderen. Aber im deutschen Kulturbetrieb? Wer will, kann die Bühnen, die Theater und andere öffentliche Räume öffnen. Oder man kann in ihnen verharren und es gut finden, sich dieser Themen anzunehmen, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, wieso man eigentlich so unter sich bleibt. Also weiß, deutsch, mittelschichtig.

Ein Genie speist sich aus Ideen. Und genau das meint die Choreografin Kim, wenn sie in dem Interview sagt: „Man kann sagen, woher das Stück kam, von wem es kam, und wie es entstanden ist. Es ist nicht durch eine Genieperson entstanden.“

Nächste Woche Klaus Raab